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Doppelmord von Babenhausen: Gericht erwägt neue Prüfung der Beweise

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Von: Claudia Kabel

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Die Ehefrau des Verurteilten, Anja D. (rechts), hofft auf eine Wiederaufnahme des Prozesses um den Babenhäuser Doppelmord. Neben ihr Rechtsanwalt Gerhard Strate.
Die Ehefrau des Verurteilten, Anja D. (rechts), hofft auf eine Wiederaufnahme des Prozesses um den Babenhäuser Doppelmord. Neben ihr Rechtsanwalt Gerhard Strate. © Claudia Kabel

Das Land Hessen fordert fast 70 000 Euro Schadensersatz von dem wegen zweifachen Mordes verurteilten Andreas D. aus Babenhausen. Doch eigentlich geht es in dem Verfahren um viel mehr.

Im Babenhäuser Doppelmord könnte es zu einer Neubewertung der Indizien kommen. Am Mittwoch hat vor dem Landgericht Darmstadt unter großem öffentlichen Andrang ein Zivilprozess gegen den wegen zweifachen Mordes verurteilten Andreas D. begonnen. Das Land Hessen klagt auf Schadensersatz in Höhe von 69 308 Euro, die es nach dem Opferentschädigungsgesetz für die Unterbringung und Behandlung der Tochter des ermordeten Ehepaars T. aus Babenhausen aufgebracht hat.

Das Gericht habe an der Schlüssigkeit der Klage keine Zweifel, sagte Richterin Mariam Buchholz-Schreiber. „Die zentrale Frage ist, ob die hiesige Kammer zu der Überzeugung gelangt, dass D. die Tat begangen hat.“ Die rechtskräftige Verurteilung im Strafverfahren sei nicht bindend. Jedoch könnten die Akten dieses Verfahrens sowie das Urteil als Beweisurkunden herangezogen und als Indiz auch im Zivilprozess verwertet werden. Die Kammer müsse sich im Laufe der Beweisführung selbst ein Bild von der Schuld des Beklagten machen.

Doppelmord von Babenhausen: Überraschendes Gutachten

Überraschend brachte Andreas D.s Verteidiger, Rechtsanwalt Gerhard Strate, ein forensisches Gutachten ein, das die JVA Schwalmstadt in Auftrag gegeben hat. Dort befindet sich D. in Haft.

Der Fall wirft Fragen auf

Am 17. April 2009 soll Andreas D. seine Nachbarn, das Ehepaar T. erschossen und deren 37-jährige Tochter angeschossen haben. Tatmotiv: Ruhestörung. Die Tatwaffe wurde nie gefunden.

In den Ermittlungsakten soll es Ungereimtheiten geben. Zum Beispiel fanden Spürhunde keinen Geruch von D. im Haus der Opfer. In D.s Firma arbeitete ein Waffennarr, der im Internet zahlreiche Suchanfragen tätigte.

Die Ermittlungen hätten sich schnell ausschließlich auf D. als Täter konzentriert, äußerte der damals beteiligte Kripobeamte und heutige Bürgermeister von Pfungstadt Patrick Koch (SPD). cka

In dem 130 Seiten starken Gutachten komme die Psychiaterin zu dem Ergebnis, dass zwischen D.s Persönlichkeitsbild und der kaltblütigen Tat, die er begangen haben solle, eine „große Diskrepanz“ bestehe, sagte Strate. D. soll in der Nacht des 17. April 2009 zu seinen Reihenhausnachbarn gegangen sein, um sie zu erschießen, nachdem er sich aus einer mit Bauschaum gefüllten Pet-Flasche einen Schalldämpfer gebaut hatte.

Rechtsanwalt: „Das mit dem Schalldämpfer ist eine Fiktion“

Wesentliches Indiz war der Fund von Styroporresten im Haus der Opfer, die von einem selbstgebauten Schalldämpfer stammen sollten. Die Anleitung dazu soll D. von seinem Firmenrechner aus recherchiert haben. Im gescheiterten Wiederaufnahmeverfahren hatte Strate 2019 dargelegt, ein Gutachten widerlege dieses Indiz, weil ein solcher Schalldämpfer mit der verwendeten Überschallmunition nicht funktioniert und auch andere Spuren, etwa von der Flasche, hinterlassen hätte. „Das mit dem Schalldämpfer ist eine Fiktion“, sagte Strate am Mittwoch. Dass das Landgericht Kassel und das Oberlandesgericht Frankfurt dies nicht als Grund für ein Wiederaufnahmeverfahren akzeptierten, liege daran, dass es „denklogisch ausgeschlossen“ worden sei. Dies könnten nur Juristen tun, „die einen schlechten Tag hatten“. Über Strates Bitte, einen neuen neutralen Gutachter heranzuziehen, müsse die Kammer noch beraten, sagte die Richterin.

„Erdrückenden Indizienlage“: Anwalt des Landes sieht Beklagten überführt

Der Vertreter des Landes, Rechtsanwalt Thomas Pahl, zeigte sich dagegen überzeugt, dass „der Beklagte durchaus überführt“ ist und sprach von einer „erdrückenden Indizienlage“. So müsse D. erklären, warum er im Internet recherchiert hatte und wie es zu den Schmauchspuren kam. Wenn die Kammer dies prüfe, werde sie ein zentrales Gutachten in Auftrag geben müssen. Ob es zu einer Prüfung der Beweislage kommt, darüber will sich das Gericht in den nächsten Wochen beraten. Am 30. März soll das Ergebnis verkündet werden.

Ehefrau des Verurteilten hoffnungsvoll

Nach der Verhandlung sagte D.s Ehefrau Anja D., ein neues Gutachten wäre wunderbar. „Ich habe ein leicht aufloderndes gutes Gefühl, dass es in die richtige Richtung geht.“ Mit dem forensischen Gutachten habe sie nicht gerechnet. Zwölf Jahre hoffe und kämpfe sie schon, jetzt schaue sie auf den 30. März. Auch Rechtsanwalt Strate zeigte sich zuversichtlich: Die Richterin habe zugehört.

Eine neue Prüfung der Indizien würde zwar nicht automatisch zur Wiederaufnahme führen, diese aber ermöglichen.

Zum Weiterlesen: Tochter überlebt - Doppelmord von Babenhausen: Verurteilter soll Kosten für weiteres Opfer zahlen

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