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Sensoren überwachen am Darmstädter Kennedyplatz den Verkehr. R. Hoyer

Darmstadt

Digitalisierung in Darmstadt: Von überwachten Abfalltonnen und Riesenschildkröten

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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80 Digitalprojekte gibt es in Darmstadt - Jetzt ist die Stadt in ein bundesweites Modellprojekt aufgenommen worden

Die Riesenschildkröten im Darmstädter Zoo Vivarium ahnen es nicht. Schon seit mehr als zwei Jahren werden sie mit modernster Technik überwacht. Temperatur und Luftfeuchtigkeit in ihrem Gehege werden rund um die Uhr mit Sensoren gemessen. Früher mussten Tierpfleger mehrmals täglich alle Messwerte im Terrarium selbst ablesen, um sie dann händisch in ein System einzutragen. „Diese Neuerung bedeutet eine enorme Arbeitserleichterung für die Zoobeschäftigten“, heißt es von der Digitalstadt GmbH.

Darmstadt wurde dazu 2017 als Gewinnerin des Bitkom-Wettbewerbs zur Digitalstadt ernannt. Seither tut sich in der Stadt einiges in puncto Digitalisierung. Digitale Schaufenster, digitale Elternabende, kostenloses IT-Sicherheitstraining für Bürger, freies WLAN mit 500 000 Zugriffen im Monat, 5G-Testfeld, virtuelle Stadtrundgänge per App oder digitales Klassenzimmer via Chatsoftware – um nur einige Projekte zu nennen.

Laut Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) wurden bereits 80 große und kleine, zumeist bereichsübergreifende städtische Digitalisierungsprojekte aufgesetzt und vorangetrieben. Dass der eingeschlagene Weg richtig sei, zeige die Aufnahme ins bundesweite Förderprogramm Modellprojekt „Smart Cities“, so Partsch.

Dadurch erhält Darmstadt 13 Millionen Euro. Damit soll ein Projekt für das Wassermanagement aufgesetzt werden, wie die Geschäftsführer der Digitalstadt GmbH, Simone Schlosser, und José David da Torre Suárez, ankündigten.

Die Riesenschildkröten bleiben dennoch Pioniere, weil sie als erste Teil des ganz Darmstadt umspannenden Long Range Wide Area Network (Lorawan-Netzes) geworden sind. Das Netz wurde vom Energiedienstleister Entega aufgebaut, um den Einsatz von „Internet der Dinge“-Technologie zu ermöglichen.

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In Darmstadt soll sich der Alltag in vielen Bereichen durch digitale Abläufe ändern. Um die Gefahren der Digitalisierung im Blick zu behalten, wurde ein Ethik- und Technologiebeirat gegründet. Er setzt sich aus Vertreter:innen aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen und hat bisher fünfmal getagt. Der Beirat hat Richtlinien festgelegt, nach denen die Digitalisierung ablaufen soll. Dazu gehören Gemeinwohlverpflichtung, Datenschutz, Transparenz, Nachhaltigkeit und demokratische Kontrolle. cka

Inzwischen wird über das Netz auch die Befüllung von Abfallcontainern gemessen und vernetzt, auch Wasserstände – etwa vom innerstädtischen Badesee Woog – werden ermittelt sowie die Wasserstandsmessung zum Schutz vor Überlauf- und Hochwasser im Kanalnetz, wie Sabine Kluge, Sprecherin der Digitalstadt, auf Anfrage der Frankfurter Rundschau mitteilte.

Diese Daten und jene aus dem Umweltmessnetz – hier werden Schadstoffe in der Luft und andere Messwerte erfasst – werden via Lorawan an die entsprechenden Stellen im Entsorgungsbetrieb EAD oder an das Mobilitäts- und das Umweltamt geleitet. Die Daten sollen künftig in eine städtische Plattform einfließen, um „neue und smartere Versorgungskonzepte“ zu entwickeln. Auch zahlreiche Unternehmen nutzten das Lorawan bereits intensiv. Auch eine Verkehrsdatenplattform gibt es bereits. Hier wird durch Sensoren, die an Straßenlaternen sitzen, das Mobilitätsverhalten der Bürger und seine Auswirkungen auf die Umwelt in Echtzeit erfasst. „Wir haben damit eine Datenbasis geschaffen, um zukünftig in Echtzeit Verkehrssteuerung vornehmen zu können“, so Kluge.

Die bisher gewonnenen Erkenntnisse flössen jetzt schon in die aktuell eingesetzte Steuerung der Ampelanlagen ein und dienten zum Beispiel zur Optimierung der Beschleunigung des ÖPNV. Ziel sei es, eine umweltverträglichere Verkehrssteuerung umzusetzen.

An Straßenlaternen sitzen aber nicht nur Sensoren, die Luftqualität, Lärm, Verkehrsdichte und Temperatur der Straßenoberfläche ermitteln. Mit dem Projekt „Smart Lightning“ werden auf einer Teststrecke im Schleifweg Einsparungen erzielt, indem die Beleuchtung je nach Bedarf gesteuert werde. Insgesamt soll ein Energiesparpotenzial von 83 Prozent möglich sein.

Ein vor kurzem umgesetztes Projekt erprobt die Lagedarstellung über Drohnen und Bodycams mit audiovisuellen Übertragungsmöglichkeiten. Eine Drohne soll dabei die Feuerwehr bei der Erkundung von Sperrgebieten, Wäldern oder schwer zugänglichen Gebäuden oder Arealen unterstützen. Zudem teste die Feuerwehr aktuell vier Bodycams. Sie übertragen per Mobilfunk Livebilder direkt in die Zentrale in der Bismarckstraße. Durch spezielle SIM-Karten funken die Bodycams ebenfalls im „Internet der Dinge“, über das auch die Daten der Riesenschildkröten transportiert werden.

Infos zur Digitalstadt unter digitalstadt-darmstadt.de

Lässt sie völlig kalt: Die Temperatur in ihrem Gehege wird mit modernster Technik überwacht. M. Schick

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