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Der digitale Stammbaum

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Fließbandarbeit: Ingeborg Kohlriser und Elisabeth Flauaus (von links) lichten Bücher ab.
Fließbandarbeit: Ingeborg Kohlriser und Elisabeth Flauaus (von links) lichten Bücher ab. © Andr Hirtz

Hessische Familiengeschichtliche Vereinigung stellt Kirchenbücher ins Netz.

Es war Zufall, dass ein Amerikaner namens Flauaus, als er sich an die Hessische Familiengeschichtliche Vereinigung wandte, ausgerechnet an Elisabeth Flauaus geriet. In Amerika gebe es nur wenige Flauäuse, da sei man, meinte der Klient, doch sicher eng verwandt. „Den Zahn musste ich ihm erst mal ziehen“, lacht Elisabeth Flauaus. Dem Amerikaner, der nach seinen deutschen Vorfahren suchte, konnte sie dennoch helfen.

Ein Ast des Stammbaums führte zu einer Familie Eisenhauer im Odenwaldstädtchen Fürth. Der Amerikaner jubelte am Telefon: „Oh – dann bin ich ja mit Ike verwandt.“ Ike war der Spitzname des US-Generals und Präsidenten Dwight D. Eisenhower (1890-1969), dessen Familie tatsächlich auch in der Fürther Gegend Wurzeln hatte.

Folianten auf den Scanner

Anfragen wie diese sind das Alltagsgeschäft der Familiengeschichtlichen Vereinigung, die rund achthundert Mitglieder hat und auf mittlerweile 95 Jahre ihres Wirkens zurückblickt. Gegründet 1921, zu einem Zeitpunkt, „als sich die Ahnenforschung demokratisierte“, wie Rainer Maaß sagt, Referatsleiter im Staatsarchiv und Mitglied im Vorstand der Familiengeschichtlichen Vereinigung. Zuvor verstand sich Familiengeschichte eher als Chronik der Fürstenhäuser.

Das Interesse an den Verästelungen der eigenen Herkunft ist über die vergangenen Jahre im Wesentlichen gleich geblieben. Aber die Methoden der Nachforschung ändern sich. Die vor Kurzem begonnene Digitalisierung der Quellen wird Zugang auch von außerhalb des Archivs ermöglichen. Derzeit sind die Ergebnisse digital nur den Mitgliedern der Vereinigung zugänglich; später sollen sie auch mit der Homepage verknüpft und somit weltweit befragbar sein.

Das bedeutet schwere Arbeit für den aktiven Kreis der Mitglieder. Mehrmals in der Woche schleppen ehrenamtliche Mitarbeiter Zweitschriften der Kirchenbücher heran und wuchten die Folianten auf den Scanner. Seite für Seite werden die oft in schlechtem Zustand befindlichen Vorlagen abgelichtet.

„Ich habe gerade meine hunderttausendste Seite geschafft“, freut sich Flauaus. Doch das ist nur ein Bruchteil des Bestands. Hunderttausend Bände müssen gescannt werden. An den Wänden des Staatsarchivs nehmen sie 370 laufende Regalmeter in Anspruch. Die Kirchengemeinden in den damaligen hessen-darmstädtischen Provinzen Starkenburg, Rheinhessen und Oberhessen waren 1808 von Großherzog Ludewig I. („Langer Ludwig“) verpflichtet worden, Personenstandsregister zu führen – in der Regel dreifach (Geburt, Heirat, Tod). Erst 1875 ging diese Pflicht per Reichsgesetz auf die Standesämter über.

Für den größten Teil des 19. Jahrhunderts stellen die Kirchenbücher also die wichtigste genealogische Quelle da – genauer gesagt, die Zweitschriften, die von den Gemeinden anzufertigen und den Amtsgerichten zu überlassen waren. Von dort wanderten sie später ins Staatsarchiv.

In Darmstadt lagern die Konvolute aus dem heutigen Süd- und Oberhessen; die rheinhessischen Akten werden seit 1945 in Koblenz gesammelt. „Die Tinte verblasst, die Bände vermodern“, skizziert Flauaus den Zustand des Materials. „Es bröckelt, es löst sich auf, vieles ist kaum mehr lesbar.“

Die Sache eilt also. Die Bände aus 35 hessischen Kirchengemeinden sind bis dato digitalisiert. Würde man im jetzigen Tempo weiterarbeiten, könnte das Digitalisieren „locker ein Vierteljahrhundert dauern“, wie Maaß sagt. Bei Bildabgleichen – die Identität zum Foto eines Unbekannten zu finden – muss der Computer ohnehin passen; „die NSA“, sagt Maaß, „sind wir noch nicht.“ (ers)

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