1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Darmstadt: Kontrolle fürs Ionen-Rennen in Lichtgeschwindigkeit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Annette Schlegl

Kommentare

Eines der größten Bauvorhaben für die Forschung weltweit entsteht aktuell in Darmstadt.
Eines der größten Bauvorhaben für die Forschung weltweit entsteht aktuell in Darmstadt. © Annette Schlegl

In Darmstadt ist symbolisch der Grundstein für das Fair-Kontrollzentrum gelegt worden. Dort wird die Beschleunigung von Ionen auf Lichtgeschwindigkeit überwacht.

In Darmstadt entsteht derzeit eines der komplexesten und größten Forschungsvorhaben weltweit: das internationale Teilchenbeschleunigerzentrum Fair (Facility for Antiproton and Ion Research), das Wissenschaftlern neue Erkenntnisse über die Entwicklung des Universums und die Struktur der Materie liefern soll. Das Megabauprojekt im Wald zwischen den Stadtteilen Wixhausen und Arheilgen begann 2017 und bekommt nun ein „Gehirn“: Mit dem Befüllen einer Zeitkapsel wurde am Dienstag symbolisch der Grundstein für das neue Kontrollzentrum gelegt. Von dort aus sollen künftig sämtliche Beschleunigeranlagen von Fair und dem angrenzenden, bereits existierenden GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung gesteuert werden.

Ringbeschleuniger von 1,1 Kilometern Umfang im Darmstädter Wald

Die Baustelle für das Forschungsprojekt Fair ist riesig. Auf dem südlichen Teil drehen sich aktuell 16 große Baukräne, um mehrere Gebäude entstehen zu lassen. Den nördlichen Teil kennzeichnet in erster Linie der supraleitende Ringbeschleuniger mit 1,1 Kilometern Umfang – eine Vakuumröhre, in der die Ionen mit nahezu Lichtgeschwindigkeit (299 792 Kilometern pro Sekunde) durchjagen. Der Tunnel wurde in 18 Metern Tiefe rund um ein Waldstück gebaut, ist bereits im Rohbau fertiggestellt und beschichtet. „Die Kabel müssen noch gezogen werden“, sagte Baustellenleiter Harald Hagelskamp. Die Tunnelbaugrube ist schon zugeschüttet, obendrauf soll wieder aufgeforstet werden.

Das Bauprojekt

Die Fair-Beschleunigeranlagen werden Teilchenstrahlen von noch nie dagewesener Intensität und Präzision liefern.

Rund eine Million Kubikmeter Erde wurden für das Megabauprojekt ausgehoben. Die Erde wird vor Ort gelagert, um sie dann wieder zu verfüllen.

600 000 Kubikmeter Beton werden auf der Baustelle verarbeitet. Das entspricht siebenmal der Masse des Frankfurter Fußballstadions.

65 000 Tonnen Stahl sorgen für die Stabilität der Bauwerke. Das ist neunmal mehr als für den Pariser Eiffelturm nötig war.

Unter dem Kreuzungsbauwerk, wo die alte und die neue Beschleunigeranlage aufeinandertreffen, wurde eine 6,5 Meter dicke Decke als Abschirmung gegen Strahlung betoniert. ann

Die Ionenquelle sitzt künftig in der bestehenden GSI-Beschleunigeranlage. Dort würden die Ionenwolken vorbeschleunigt und zur neuen Fair-Anlage gejagt, erklärte Hagelskamp. Ende 2025 sollen in einem ersten Teilabschnitt erste Experimente durchgeführt werden, 2027 wird der große Beschleunigerring in Betrieb gehen. Die kritischen Gebäude seien gegen einen Flugzeugabsturz gesichert, sagte der Baustellenleiter.

Fair-Beschleunigerzentrum in Darmstadt wird teurer kommen

Laut dem kaufmännischen Leiter Ulrich Breuer wird die Fair-Anlage teurer werden als geplant. 2,8 Milliarden Euro waren für das Zwischenziel angesetzt, das heißt für den Großteil der Gebäude und das Beschleunigerzentrum. Vor zwei Jahren wurden schon 600 Millionen Euro mehr prognostiziert und jetzt hat eine vom Forschungsministerium beauftragte Beratungsfirma eine weitere Teuerung vorausgesagt. Dabei sei aber noch nicht berücksichtigt, dass für die in Russland gebauten Komponenten Alternativen von Firmen aus Westeuropa gefunden werden müssten.

Im Hintergrund von Baustellenleiter Harald Hagelskamp ist der unterirdische Ringbeschleuniger zu erkennen, der schon wieder mit Erde überdeckt ist.
Im Hintergrund von Baustellenleiter Harald Hagelskamp ist der unterirdische Ringbeschleuniger zu erkennen, der schon wieder mit Erde überdeckt ist. © Annette Schlegl

Die Fair-Anlage ist viermal so groß wie die bestehende GSI-Beschleunigeranlage. Deshalb ist das integrierte Kontrollzentrum auf dem neuesten Stand der Technik erforderlich, das im Rohbau bereits begonnen wurde. Es ist fünf Stockwerke groß und beherbergt neben dem neuen Hauptkontrollraum auch mehr als 200 wissenschaftliche Büroarbeitsplätze, Besprechungsräume und eine Besuchsgalerie.

Darmstadt: Für Neubau Zeitdokumente in die Zeitkapsel gelegt

Bei der symbolischen Grundsteinlegung am Dienstag wanderten Zeitdokumente in die Zeitkapsel, die in das Kontrollzentrum eingemauert wird: der Genehmigungsbescheid der Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP), ein Artikel über den Ukrainekrieg von Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne), eine Seite aus dem Haushaltsplan von Hessens Finanzminister Michael Boddenberg (CDU), ein Darmstadt-Wimpel von Bürgermeister Jochen Partsch (Grüne) sowie die Pläne, eine aktuelle Zeitung und historische Fotos vom Kontrollraum vor 50 Jahren vom wissenschaftlichen Geschäftsführer Paolo Giubellino.

Bauleiter Marius Pluta mit der Zeitkapsel, die im Rohbau des Fair Control Center eingemauert wird.
Bauleiter Marius Pluta mit der Zeitkapsel, die im Rohbau des Fair Control Center eingemauert wird. © Annette Schlegl

Auch interessant

Kommentare