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Die Drogenhilfe bleibt mittendrin in Darmstadt

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Von: Annette Schlegl

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So soll der Neubau der Drogenhilfeeinrichtung „Scentral“ in Darmstadt aussehen.
So soll der Neubau der Drogenhilfeeinrichtung „Scentral“ in Darmstadt aussehen. © 1100 Architekten Riehm Piscuskas

Die Stadt Darmstadt verdrängt ihre Suchtkranken nicht, sondern hält beim Neubau der Drogeneinrichtung „Scentral“ am zentralen Standort fest.

Mehr Würde für Drogenabhängige, mehr Hilfe und mehr Substitution. Diesen Weg geht die Stadt Darmstadt mit dem Neubau des „Scentral“, der Anlaufstelle für Suchtkranke. Die neue Drogenhilfeeinrichtung wird am alten Standort errichtet: an der Bismarckstraße, zentral und gut erreichbar, direkt neben einem der Eingänge zum Herrngarten-Park. Die Stadt drängt die Suchtkranken damit bewusst nicht an den Rand der Stadt und damit an den Rand der Gesellschaft.

Viel Prävention, wenig Repression – so will die Stadt Darmstadt dem Thema Sucht und Drogen begegnen. Sie hat die heruntergekommenen Gebäude des bisherigen Scentral abgerissen, die aus den Baujahren 1874 und 1878 stammten. Eine Sanierung des Hauptgebäudes sei geprüft und aus wirtschaftlichen Gründen verworfen worden, sagt Bürgermeisterin Barbara Akdeniz (Grüne). Das Hinterhaus des Scentral konnte ebenfalls nicht erhalten werden, da die Bausubstanz stark geschädigt war.

Künftig mehr Substitution für Drogenabhängige in Darmstadt

„Der Standort des Scentral hat sich bewährt und entspricht dem Ziel der Stadt Darmstadt, soziale Hilfsangebote zentral und gut erreichbar zu organisieren“, sagt die Bürgermeisterin. Als Sozialdezernentin halte sie es für unumgänglich, „dass wir uns allen sozialen Problemlagen stellen“.

Das alte „Scentral“-Gebäude wurde abgerissen.
Das alte „Scentral“-Gebäude wurde abgerissen. © Andreas Arnold

Einen zweistelligen Millionenbetrag lässt sich die Stadt das neue Scentral kosten, das wie auch schon das alte vom Diakonischen Werk betrieben wird. Der Neubau soll nicht nur Drogenberatungsstelle sein, sondern wird mit einer Substitutionsambulanz erweitert, in der Methadon oder Subutex sowie im individuellen Bedarfsfall auch weitere Substitute ausgegeben werden.

Abhängige und Methadon-Patienten werden im neuen Scentral baulich getrennt

In Darmstadt gibt es an der Kasinostraße bereits eine solche Ambulanz, die privatwirtschaftlich von der Suchtmedizinerin Andrea Szilagyi geführt wird und in der maximal 150 Personen substituiert werden können. Sie soll auch weiterhin aufrechterhalten werden. Allerdings reicht das nicht aus, und weitere Substitutionsangebote bei niedergelassenen Arztpraxen sind Mangelware. Deshalb springt die Stadt quasi in die Bresche und sieht im neuen Scentral entsprechende zusätzliche Räume für die Substitution vor. „Wer diese Ambulanz übernehmen wird, ist noch nicht klar“, sagt Bürgermeisterin Akdeniz. Die Ermächtigung zur Substitution und die Akquise von medizinischem Personal obliege der Kassenärztlichen Vereinigung.

Klar ist aber, dass die geplante Substitutionsambulanz im ersten Obergeschoss des Scentral-Neubaus baulich abgetrennt wird, um einen Kontakt mit den Besucher:innen und Mitarbeiter:innen der Drogenberatungsstelle zu vermeiden. Die Ambulanz erhält einen eigenen Eingang. Für die Suchtkranken gibt es einen Hof, der mit einem Sicht- und Übersteigschutz vom Hof für die Beschäftigten getrennt werden soll. Ein Senkgarten mit Sitzstufenanlage soll die Abhängigen zum Verweilen einladen.

Zwei Jahre lang ist die Drogenhilfe in Darmstadt in einem Containerbau untergebracht

Als Interimslösung wurde Mitte November vorigen Jahres ein zweigeschossiges Containergebäude auf dem Parkplatz des Landesmuseums an der Schleiermacher Straße, rund 100 Meter vom alten Standort entfernt, in Betrieb genommen. Zwei Jahre lang werden die Container wohl stehen bleiben, bis das neue Scentral fertiggestellt ist.

Die Container an der Schleiermacherstraße sind bis 2024 Interimsstandort für das Scentral.
Die Container an der Schleiermacherstraße sind bis 2024 Interimsstandort für das Scentral. © Jens Joachim

In der Drogenszene mit vornehmlichem Heroin- und Crack-Konsum seien dem Scentral 300 bis 350 Personen bekannt, sagt die Sozialdezernentin. 80 bis 100 Abhängige würden täglich die Hilfsangebote der Einrichtung nutzen; der dortige Kontaktladen sei als offenes Café erste Anlaufstelle. Die Suchtkranken werden in der Drogenhilfeeinrichtung aktuell von 13 Hauptamtlichen und 18 geringfügig Beschäftigten betreut. Laut Akdeniz wurden dort im Durchschnitt der vergangenen Jahre rund 90 000 Spritzen und Nadeln getauscht.

Vermehrter Crack-Konsum in Darmstadt

Eine im März 2020 vom Stadtparlament beantragte Untersuchung zum Drogenhandel und -konsum im Herrngarten zeigte auf, dass in der Darmstädter Drogenszene mittlerweile vermehrt Crack konsumiert wird. Seit dem Abriss des alten Scentral habe sich die Drogenszene zunehmend aus Innenstadtbereichen in den Park verlagert. Deshalb seien die Aktivitäten der Streetworker dort verstärkt worden. Sie versuchen, die Süchtigen auf Hilfsangebote hinzuweisen sowie Einfluss auf das Verhalten der Gruppen zu nehmen. Neben der Versorgung mit Obst und Wasser wird hier auch ein mobiler Spritzentausch organisiert. Sowohl Stadt- als auch Landespolizei hätten ihre Präsenz und Kontrollen zielgerichtet verstärkt, so die Stadt.

Aktuell gibt es nicht nur mehr Streetworker im Herrngarten. Auch die Kontrollen wurden verstärkt.
Aktuell gibt es nicht nur mehr Streetworker im Herrngarten. Auch die Kontrollen wurden verstärkt. © Monika Müller

Die teilweise im öffentlichen Raum konsumierende Drogenszene umfasse etwa 50 Personen, heißt es in dem Untersuchungsbericht. Zu Spitzenzeiten hielten sich zwischen 20 und 25 Personen im Innenstadtbereich auf. Überwiegend würden in der Darmstädter Drogenszene kleine Mengen, vornehmlich zur Selbstversorgung, gehandelt. „Externe Dealer halten sich von der Szene eher fern“, so der Bericht. Vielmehr würden einzelne Mitglieder der Drogenszene als Boten fungieren. Überwiegend seien die Menschen im Scentral und bei den Ordnungsbehörden bekannt.

Die Lage der Drogenhilfeeinrichtung in unmittelbarer Nähe zur grünen Lunge der Stadt ist nicht unumstritten – auch wenn die Standortentscheidung im Stadtparlament einstimmig fiel. Schon 1972 ging die Polizei erstmals mit einer Razzia „gegen die zum Ärgernis gewordene Drogenszene“ im Herrngarten vor, heißt es im Stadtkulturmagazin „P“. Durch massive Polizeipräsenz gelang es dann, das Drogengeschäft im Park zu unterbinden.

2005 sollte die Drogenhilfeeinrichtung an den Stadtrand von Darmstadt verlegt werden

Jürgen Barth (Grüne) erinnerte in der jüngsten Parlamentssitzung daran, dass das Scentral im Jahr 2005 in eine vakante Villa am Böllenfalltor am Rand der Stadt verlegt werden sollte. „Damals war die Ansammlung Drogensüchtiger im Herrngarten so groß, dass der damalige SPD-Oberbürgermeister Peter Benz, der damalige Sozialdezernent und heutige OB Jochen Partsch, die SPD und die Grünen sagten, das geht dort nicht mehr“, sagte er der FR. Dann sei er selbst „von verschiedenen Leuten, auch von Drogeneinrichtungen“ angesprochen worden, dass das Scentral in die Innenstadt gehöre, „nicht in ein Erholungsgebiet am Stadtrand“. Deshalb kündigte er damals an, gegen die Standort-Verlegung zu stimmen. Da SPD und Grüne seinerzeit mit einer Stimme Mehrheit regierten, wäre in der Stadtverordnetenversammlung kein mehrheitlicher Beschluss mehr möglich gewesen. Die Folge: Die Vorlage wurde zurückgezogen, das Scentral blieb, wo es war.

15 Jahre später war der Aufschrei dann groß, als das Polizeipräsidium Südhessen einen Anhänger mit Überwachungskameras direkt neben dem Eingang zum Scentral aufstellte. Eine Videoüberwachung an einem Ort zu installieren, an dem Menschen mit einer Suchterkrankung anonyme Hilfe erhalten, sei absolut kontraproduktiv, monierte die SPD. Eine breite Allianz protestierte gegen die Überwachung. Knapp fünf Wochen später war die Videoanlage wieder abgebaut. Die Polizei sagte, sie habe so die Etablierung einer offenen Drogenszene verhindert.

Geöffnet ist das Scentral an den Wochentagen von 10 bis 17 Uhr, mittwochs von 10 bis 14.30 Uhr, und am Wochenende sowie an Feiertagen von 10 bis 15 Uhr.

Ein Schild zeigt an der Drogenhilfeeinrichtung die Öffnungszeiten an.
Ein Schild zeigt an der Drogenhilfeeinrichtung die Öffnungszeiten an. © Jens Joachim

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