Darmstadt ist seit 1. November 2015 Umweltzone. Reicht die Grüne Plakette bald nicht mehr aus?
+
Darmstadt ist seit 1. November 2015 Umweltzone. Reicht die Grüne Plakette bald nicht mehr aus?

Darmstadt

Dicke Luft in Darmstadt

Die Messstation an der Hügelstraße verzeichnet hessische Höchstwerte für Stickoxide. Das Land will nun die Blaue Plakette.

Darmstadt rangiert einsam an der Spitze. In diesem Fall allerdings in einem unrühmlichen Ranking: In keiner anderen Stadt Hessens wurde 2015 ein höherer Jahresmittelwert bei der Belastung der Atemluft mit gesundheitsschädlichem Stickoxiden – Stickstoffmonoxid und Stickstoffdioxid – verzeichnet, als in der Messstation Hügelstraße am Cityring. Auch bei Feinstaub (Platz drei in Hessen) und Benzol (Platz eins) wird den Anwohnern der Hügelstraße einiges zugemutet. Bei diesen Schadstoffen werden allerdings die gesetzlichen Grenzwerte eingehalten.

Anders sieht es insbesondere bei der Problemsubstanz Stickstoffdioxid aus. Hier wird der maximal zulässige Jahresmittelwert von 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft um satte 50 Prozent überschritten: 60,5 Mikrogramm lautet das Darmstädter Ergebnis im Jahresmittel. In einer Aufstellung des Umweltbundesamts, die Messwerte von 525 Stationen in ganz Deutschland vergleicht, ist dies der zwölfthöchste Wert.

Deutlich wird die Alleinstellung der Station Hügelstraße in Hessen bei den kurzzeitigen Spitzenwerten der Stickstoffdioxid-Belastung. Hier gilt ein Grenzwert von 200 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft, der höchstens 18 Mal pro Jahr überschritten werden darf. Dieses Limit wird überall in Hessen eingehalten, nur nicht an der Hügelstraße: Dort wurden 57 Überschreitungen verzeichnet.

Belastung mit Feinstaub rückläufig

Immerhin hält der Lufthygienische Jahresbericht auch gute Nachrichten bereit. So ist die Belastung mit Feinstaub in den vergangenen sieben Jahren hessenweit deutlich zurückgegangen. Auch hier ist Darmstadt Spitzenreiter: Um 34 Prozent sanken die Feinstaub-Messwerte in der Hügelstraße. Der Grenzwert, vor Jahren noch regelmäßig gerissen, wird problemlos eingehalten. Auch die Benzol-Belastung ging zurück.

Gesunken sind auch die Stickstoffdioxid-Messwerte, allerdings nur um 15 Prozent – schwächer als im Landesdurchschnitt und nicht genug, um auch nur in die Nähe der zulässigen Grenzwerte zu kommen. Im Lufthygienischen Jahresbericht wird einmal mehr betont, dass der Kfz-Verkehr Hauptverursacher der Stickstoffdioxid-Belastung ist.

Dieser wissenschaftlich gesicherte Zusammenhang hat das Verwaltungsgericht Wiesbaden im Januar veranlasst, einen neuen Luftreinhalteplan für Darmstadt mit verkehrsbeschränkenden Maßnahmen zu verlangen. Hintergrund: Mit den bisher beschlossenen Maßnahmen sollten die Stickstoffdioxid-Grenzwerte erst im Jahr 2022 eingehalten werden.

Frist zu lang

Diese Frist sei zu lang, entschieden die Wiesbadener Richter. Binnen eines Jahres muss nun ein neuer Luftreinhalteplan für Darmstadt mit drastischen Maßnahmen vorliegen. Man sei „fortwährend“ in Gesprächen mit der Stadt über die Folgen der Gerichtsentscheidung, sagte auf Anfrage der Sprecher des hessischen Umweltministeriums, Mischa Brüssel de Laskay. Ein neuer Luftreinhalteplan werde fristgerecht vorgelegt.

Vertreter der Verwaltung seien allerdings der Ansicht, dass im gültigen Plan alle rechtlichen Möglichkeiten auf Landesebene ausgeschöpft wurden, betonte Brüssel de Laskay. Hessen mache sich daher im Rahmen der Umweltministerkonferenz für die Einführung der Blauen Plakette stark, die deutlich verschärfte Abgasregeln beinhaltet.

„Das kann ich mir nicht vorstellen“, sagt dazu Darmstadts Umweltdezernentin Cornelia Zuschke. Sie beschreibt ihre Haltung so: „Plakette plus Realitätsbezug gleich Skepsis.“ Die Stadt setze eher auf Verkehrsvermeidung, etwa durch Einrichtung von Pendlerparkplätzen am Stadtrand. Auch eine Verringerung der Fahrspuren in der Hügelstraße sei denkbar. Geprüft werde zudem eine neue gefilterte Tunnelentlüftung, eine Begrünung der Hügelstraße und ein Ausbau von Tempo 30. (bad)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare