+
Künstler Gunter Demnig verlegt Stolperschwelle in Darmstadt.

Darmstadt

Erinnerung an Sammelplatz für die Deportation von Juden aus Südhessen

  • schließen

Erste Stolperschwelle der Stadt erinnert an Rosenthalsche Privatklinik. Sie wurde als Sammelplatz für die Deportation von Juden aus Südhessen genutzt.

Privatklinik, Altersheim und Sammelplatz für Deportationen von Juden aus Südhessen: Vor der früheren Rosenthalschen Klinik an der Kreuzung Eschollbrückerstraße/Holzhofallee erinnert seit Donnerstag eine Stolperschwelle nicht nur an das Schicksaal des jüdischen Arztes Max Rosenthal, der dort von 1919 bis 1938 mit seiner Frau Johanna eine Privatklinik für Chirurgie und Frauenheilkunde betrieb. Sondern auch an die von hier deportierten Bewohner des späteren Altersheims, zu dem sich die Klinik auf Druck des Nazi-Regimes entwickelte. Es ist die erste Stolperschwelle, die der Kölner Künstler Gunter Demnig in Darmstadt verlegt hat. Im Unterschied zu den Stolpersteinen, von denen es mehr als 320 in der Stadt gibt, erinnern die größeren Schwellen an ganze Opfergruppen.

Die Rosenthalsche Klinik in der Eschollbrückerstraße 4 ½ wurde 1944 komplett zerstört.

Nach dem Entzug der Kassenzulassung 1933 und wegen der Repressalien durch die Nationalsozialisten verlor die Klinik immer mehr Patienten, berichtete Michaela Rützel vom Arbeitskreis Stolpersteine vor den zahlreichen Teilnehmern der Veranstaltung. Das dreistöckige Haus wurde nach Rosenthals Tod, der 1939 einem Schlaganfall erlag, zum „Jüdischen Alten- und Siechenheim“ umgewandelt, an dessen Erhalt auch die jüdische Gemeinde ein Interesse hatte. „Bei der zunehmenden Auswanderung jüngerer Gemeindemitglieder mussten oft alte und kranke Angehörige zurückbleiben“, sagte Rützel.

Am 25. März 1942 kam es zur ersten großen Deportation. 1000 Menschen aus dem südlichen Teil des Volksstaats Hessen wurden von Darmstadt nach Piaski bei Lublin transportiert, darunter zwölf Bewohner des Altersheims. Beim zweiten Transport ein halbes Jahr später wurden 1288 meist alte Menschen nach Theresienstadt deportiert, darunter 77 aus der Eschollbrücker Straße. Der zurückgebliebene Arzt David Löwenstein und drei Krankenschwestern, die die alten Menschen noch zur Sammelstelle an der Liebig-Schule begleitet hatten, wurden drei Tage später, am 30. September 1942, mit dem letzten großen Darmstädter Transport nach Treblinka verschleppt. „Damit war das Altersheim geräumt.“

Das Gebäude blieb nicht lange leer: Bald wurden verbliebene „Volljuden“ aus Südhessen dort „konzentriert“. 53 Männer, Frauen und Kinder, die 1943 nach Theresienstadt transportiert wurden. Dorthin wurde 1945 auch Rosenthals 15-jähriger Sohn Paul, der mit seiner Mutter zwischenzeitlich in Lengfeld im Odenwald untergekommen war, gebracht. Er überlebte, studierte in Frankfurt Medizin und wurde Ärztlicher Leiter des Klinikums Frankfurt-Höchst. Seine Mutter ging 1948 zurück nach Darmstadt, wo sie 1958 starb.

Für die Enkel Michael und Philipp, die zur Verlegung der Stolperschwelle anreisten, ist die Familiengeschichte relativ neu. „Als Vater aus Theresienstadt zurückkam, hat er nichts erzählt“, sagte Michael Rosenthal. Man müsse darauf hinwirken, dass sich so etwas nicht wiederhole. Wichtig sei aber auch, nicht jeden, der von Identität spreche oder eine Tendenz nach rechts zeige, auszugrenzen. Als Jurist habe er selbst schon Rechtsradikale und Islamisten verteidigt. Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) sagte: „Überall dort, wo eigenes Volk und eigene Identität in den Vordergrund gestellt wird, beginnt etwas, das im schlimmsten Fall zu etwas wie dem Holocaust führt.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare