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Darmstadt: Film und Ausstellung zu Eduard Anthes – Wegbereiter der Archäologie

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Von: Claudia Kabel

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Der Archäologe Eduard Anthes im Kastellbad des römischen Kastells Würzberg bei Michelstadt im Odenwaldkreis während der Ausgrabung 1909.
Der Archäologe Eduard Anthes im Kastellbad des römischen Kastells Würzberg bei Michelstadt im Odenwaldkreis während der Ausgrabung 1909. Römisch-Germanische Kommission des DAI © Römisch-Germanische Kommission

Eduard Anthes war Hessens erster hauptamtlicher Denkmalschützer. Er starb vor einhundert Jahren.

Schon als Kind sammelte Eduard Anthes alles, was ihm vor die Augen kam: Schmetterlinge, Käfer, Steine und Scherben. Sein Zimmer im elterlichen Haushalt einer Pfarrersfamilie in Brensbach im Odenwald sah aus wie ein Museum. „In unserer Familie ist bis heute überliefert, dass er die Dinge nicht nur sammelte, sondern auch archivierte und katalogisierte“, berichtet seine Urgroßnichte Annette Eckard-Anthes der Frankfurter Rundschau.

Das Besondere bei ihm sei gewesen, dass er schon früh versuchte, eine Systematik zu finden, um die gesammelten Objekte auch zu ordnen. In der Familie habe er großen Eindruck mit seinen Studien- und Forschungsreisen gemacht, von denen er wohl auf Familienfeiern gerne berichtete. Noch heute besitzt Annette Eckard-Anthes seine alte hölzerne Reisekiste, in der er eine große Kamera und die riesigen Fotoplatten transportiert haben muss.

Der 1859 geborene Eduard Anthes gilt heute als Wegbereiter der archäologischen Denkmalpflege. Anlässlich seines 100. Todesjahres wurde er jetzt bei einer Feierstunde in Darmstadt gewürdigt. Er war seit 1909 der erste hauptamtliche Denkmalpfleger im Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

Im Beisein von Kultur- und Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) präsentierte das Landesamt für Denkmalpflege/Hessenarchäologie im Landesmuseum in Darmstadt erstmals den Dokumentarfilm „Anthes – Wegbereiter archäologischer Denkmalpflege“. Denn vor mehr als einhundert Jahren legte Anthes mit seiner Forschung nicht nur den Grundstein für die heutige Bodendenkmalpflege, sondern seine Methoden werden noch immer angewandt und auf seine Funde und Skizzen wird noch heute zurückgegriffen, wie Landesdenkmalpfleger Udo Recker darlegte.

Die aktuellen Nachfolger von Eduard Anthes : Bezirksarchäologe Thomas Becker (li) und Landesarchäologe Udo Recker.
Die aktuellen Nachfolger von Eduard Anthes : Bezirksarchäologe Thomas Becker (li) und Landesarchäologe Udo Recker. © Th. Becker

Zudem wurde eine virtuelle Ausstellung über Anthes eröffnet, die sein Leben und Wirken mit zahlreichen Bildern und Dokumenten nachzeichnet.

Film und Ausstellung seien auf dem Boden des Vereins Altertumsfreunde Darmstadt gewachsen, sagt Annette Eckard-Anthes, die Schatzmeisterin des Vereins ist. Sie selbst ist eine der Protagonistinnen des Films und hatte einige Gegenstände aus dem Nachlass ihres Urgroßonkels väterlicherseits zur Verfügung gestellt. Etwa ein Gemälde von Anthes, das früher das Arbeitszimmer ihres Vaters schmückte und jetzt in der Darmstädter Außenstelle des Landesamts für Denkmalpflege Hessen hängt. Anthes soll das Porträt von sich für seine Mutter in Auftrag gegeben haben.

Anthes hatte weder Frau noch Kinder. Eine Rolle als Familienernährer hätte vermutlich auch nicht zu seinem Lebenswandel gepasst. „Er musste frei sein, um seinen Gedanken freien Lauf lassen zu können“, sagt Annette Eckard-Anthes. Nur so habe er den Denkmalschutz in Hessen derartig voranbringen können.

Eduard Anthes entdeckte 1898 das Römerkastell in Groß-Gerau. Die Grabungsstätte „Am Kastell“ im März 2021.
Eduard Anthes entdeckte 1898 das Römerkastell in Groß-Gerau. Die Grabungsstätte „Am Kastell“ im März 2021. © Rolf Oeser

Eduard Anthes erhielt Funde für die Nachwelt

Denn während andere Archäologen zur damaligen Zeit sich keine Gedanken darüber machten, wie Funde systematisch zu katalogisieren sind, damit sie von der Nachwelt besser untersucht werden könnten, fertigte Anthes bereits akribische Zeichnungen und Skizzen von Fundstellen und Funden an. Diese Skizzenbücher seien in der Römisch-Germanischen Kommission, eine Abteilung des Deutschen Archäologischen Instituts in Frankfurt, eingelagert, so Annette Eckard-Anthes.

Film und Ausstellung

Die digitale Ausstellung „Eduard Anthes am Limes“ – Wegbereiter der Archäologie“ ist online über die Website des Vereins von Altertumsfreunden unter altertumsfreunde-darmstadt.de zu sehen.

Der Dokumentarfilm über Eduard Anthes ist über die Internetseite des Landesamts für Denkmalpflege unter: denkmal.hessen.de zu erreichen. cka

Anthes besuchte nach seiner Grundschulzeit das Gymnasium in Darmstadt und zog dafür zu seinem Onkel in die Stadt. „Dort kam er mit gebildeten Leuten in Kontakt“, erzählt Annette Eckard-Anthes. Nach seinem Studium der Theologie und der Alten Philologie in Leipzig wurde er 1885 als Lehrer am Ludwig-Georgs-Gymnasium in Darmstadt eingestellt. „Während dieser Zeit widmete er sich der Archäologie und unternahm Reisen nach Frankreich, Italien, Griechenland, in die Schweiz, nach Kleinasien und sogar nach Nordafrika“, berichtet Egon Schallmayer, früherer Landesarchäologe in Hessen. Dabei habe er Kenntnisse erworben, mit denen er die Bedeutung historischer Funde in Hessen habe viel besser einschätzen können.

Seit 1892 war Anthes Streckenkommissar der Reichslimeskommission. Gerade um die Spuren des römischen Grenzwalls machte er sich verdient.

Das Bad des römischen Kastells Würzberg im Odenwald im heutigen Zustand.
Das Bad des römischen Kastells Würzberg im Odenwald im heutigen Zustand. © Th. Becker/Landesamt für Denkmalpflege Hessen

Ohne Eduard Anthes wären viele Bodendenkmäler nicht erhalten

Ohne Anthes wären viele Bodendenkmäler heute nicht erhalten oder vielleicht unerforscht geblieben. Er erkannte in Hügeln im Odenwald Überreste ehemaliger römischer Wehrtürme. Und entdeckte 1898 auch das Römerkastell Groß-Gerau.

Das Kastellbad in Michelstadt-Würzberg wäre ohne Anthes heute nicht mehr derart erhalten, sagt Bezirksarchäologe Thomas Becker. Die massive Aufmauerung gehe auf seine Initiative zurück. Anthes habe als erster hauptamtlicher Denkmalpfleger nicht nur geforscht, sondern sich auch um die Sicherung und den Erhalt der Fundstellen bemüht. Etwa am Gräberfeld aus vorrömischer Eisenzeit in Florstadt in der Wetterau: „Dies wurde auf Anthes Veranlassung untersucht“, so Becker. Heute befindet sich dort im Stadtteil Nieder-Mockstadt ein Gewerbegebiet.

Wichtige Erkenntnisse lieferte Anthes auch bei der Erforschung der bereits seit dem 16. Jahrhundert vermerkten Heuneburg in Fischbachtal (Landkreis Darmstadt-Dieburg). So sei er derjenige gewesen, der Schnitte durch die Umwehrung anlegte. Diese werden noch heute zur Forschung herangezogen.

1902 erstes Denkmalschutzgesetz im Großherzogtum Hessen-Darmstadt

Anthes hat sich laut Becker aber auch dafür eingesetzt, dass das 1902 in Deutschland erstmals erlassene Denkmalschutzgesetz des Großherzogtums eingehalten und umgesetzt wurde. So seien zum Beispiel in Hainstadt bei Breuberg (Odenwaldkreis) laut Ortschronik Grundstückseigentümer 1910 mit einer Strafe belegt worden, weil sie Funde von Gräbern und deren Inhalten nicht gemeldet hatten.

Beachtlich, wen man bedenkt, das Anthes Wirkungsgebiet als Denkmalpfleger über das gesamte Großherzogtum Hessen-Darmstadt reichte. Heute sind für kleinere Gebiete ganze Abteilungen zuständig.

Bewundernswert war laut Schallmayer, der eine Biografie über Anthes verfasst hat, auch, dass er sich weitgehend zu Fuß und mit Pferdewagen zu den Forschungsobjekten bewegen musste. „Er war ein Selfmademan, der auch selbst seine Filme entwickelte und publizierte“, sagt Schallmayer.

Modern für die damalige Zeit sei auch seine Form der Wissenschaftskommunikation gewesen, findet Franziska Lang, Vorsitzende des Vereins für Altertumsfreunde. Es sei für ihn selbstverständlich gewesen, anderen Einblicke in seine Forschung zu geben. „Das Wandern war für ihn ein Erkenntnisprozess, um die Landschaft physisch zu erfassen und mit Fachleuten vor Ort über die Funde zu diskutieren.“

Anthes starb 1922 im Alter von 63 Jahren überraschend. Seine letzte Ruhestätte fand er in seiner Wahlheimat Höchst im Odenwald. In seinem Geburtsort Brensbach ziert laut Schallmayer heute noch eine Tafel das Pfarrhaus, die an „die große Forscherpersönlichkeit“ erinnert.

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