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„Debatte über Migration wurde nie geführt“

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Von: Frank Sommer

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Jochen Oltmer gab einen Überblick über die Migrationsbewegung in der Bundesrepublik.
Jochen Oltmer gab einen Überblick über die Migrationsbewegung in der Bundesrepublik. © Renate Hoyer (Renate Hoyer)

Migrationsforscher Jochen Oltmer beim Auftakt der Reihe „Making Heimat“ der Stadtakademie.

Ein Begriff mit viel Spielraum zur Interpretation: Heimat. Die Evangelische Stadtakademie hat sich das Thema der Ausstellung „Making Heimat“ bei der Biennale in Venedig und im Frankfurter Architekturmuseum zum Vorbild für eine gemeinsame Veranstaltungsreihe mit der FR genommen.

„Heimat kann man nicht hinstellen wie ein Haus, Heimat hat viele Facetten“, sagt Franz Grubauer, Leiter der Stadtakademie. Der Frage nach Identität und Herkunft will die Akademie an sechs Themenabenden nachgehen; am Dienstag wurde die Reihe mit einem Vortrag von Jochen Oltmer, Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück, eröffnet.

Ein undefinierter Begriff

Oltmer, der unter anderem in der Bundesstiftung Vertreibung und Migration tätig ist und zum Beraterkreis der Ausstellung „Making Heimat“ zählt, hat sich in verschiedenen Publikationen mit Flucht- und Auswanderbewegungen auseinandergesetzt. „Migration hat es als wissenschaftlicher Begriff in unsere Alltagssprache geschafft“, sagt Oltmer, „allerdings wird er undefiniert im Alltag benutzt.“ Im europäischen Zusammenhang werde zwischen „Mobilität“ und „Migration“ unterschieden: Während der erste Begriff eine Bewegung von EU-Bürgern bezeichne, werde mit Migration die Bewegung der Menschen von außerhalb der EU in Mitgliedsstaaten bezeichnet. „Damit einher geht eine Unterscheidung in ‚erwünscht‘ und ‚unerwünscht‘“, sagt der 52-Jährige.

So häufig auch über Migration gesprochen wurde, so wenig sei in den vergangenen Jahrzehnten eine ernsthafte Debatte darüber in der bundesrepublikanischen Gesellschaft geführt worden. „Während Städte wie Frankfurt oder München schon um 1980 Pläne zu dem Thema Migration in der Schublade hatten, gab es das Thema auf Bundesebene einfach nicht.“ Nur punktuell sei es aufgetaucht, etwa nach dem Ungarnaufstand 1956 oder in Zusammenhang mit der Fluchtbewegung aus Vietnam Ende der 1970er Jahre.

„Adenauer wollte 1956 keine Flüchtlinge aus Ungarn aufnehmen, da die Bundesrepublik mit der Wiedereingliederung der Vertriebenen beschäftigt sei“, sagt Oltmer. Nachdem sich aber Kirchen und Verbände für die Verfolgten aus Ungarn positioniert hatten, änderte die Regierung ihre Haltung. In den 70er/80er Jahren gabe es dann eine andere Situation: Während sich die bundesrepublikanische Gesellschaft mit den Flüchtlingen aus Vietnam solidarisierte, wurden gleichzeitig Verfolgte aus Polen mit Argwohn beäugt.

„Geografische Nähe spielte bei der Aufnahme keine Rolle“, sagt Oltmer. Mit den vietnamesischen „boat people“ wurde Nähe assoziiert, mit den Polen dagegen Ferne. „Es wird spannend sein, wie die Forschung die Ereignisse vom Herbst 2015 in diesen Kontext einordnet.“

Im Zusammenhang mit der Fluchtbewegung 2015 überraschte Oltmer die Zuhörer auch mit Zahlen: Die immer wieder verbreitete Aussage, heute seien mehr Menschen auf der Flucht als je zuvor, sei falsch. „Da die Weltbevölkerung wächst, steigt zwar die Zahl der Menschen, die in Bewegung sind, nicht aber deren Anteil“, sagt Oltmer. Der Anteil der Menschen in Migrations- oder Fluchtbewegung liege seit Jahrzehnten nahezu unverändert bei 0,6 Prozent der Weltbevölkerung.

Auf Nachfrage räumt Oltmer auch mit der Behauptung auf, moderne Kommunikationsmöglichkeiten würden Migration begünstigen. „Schon im 19. Jahrhundert gab es Abermillionen Auswandererbriefe von Amerika nach Europa, so wurden auch damals schon Importbraut und -bräutigam von Familien angeworben, wenn auch langsamer als heute.“

Integration in ihrer Verschiedenheit wird bei den kommenden Veranstaltungen das Thema sein. „Es wird spannend zu hören sein, wie individuell diese verläuft“, sagt Stadtakademie-Leiter Grubauer.

Informationen zur Veranstaltungsreihe 

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