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Mit neun Jahren Bein verloren: Paralympics-Star trainiert in Dieburg Amputierte

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Von: May-Britt Winkler

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Heinrich Popow zeigt Annika, die wieder Hockey spielen will wie früher, wie es geht. Monika Müller
Heinrich Popow zeigt Annika, die wieder Hockey spielen will wie früher, wie es geht. Monika Müller © Monika Müller

Paralympionik Heinrich Popow zeigt Betroffenen in Dieburg (Landkreis Darmstadt-Dieburg), was man alles mit einer Sportprothese machen kann.

Die einen wünschen sich, mit beiden Beinen fest im Leben zu stehen, die anderen träumen davon, mit einem Bein zu rennen, zu toben und zu springen. Letztere haben sich am vergangenen Freitag in Dieburg zusammengefunden. Fünfzehn beinamputierte Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet sind gekommen, um sich von Leichtathletikstar und Paralympics-Goldmedaillengewinner Heinrich Popow sowie dem Veranstalter, dem Dieburger Sanitätshaus Klein, fit machen zu lassen mit einer Sportprothese. Manche sind hier schon geübt, andere stehen zum ersten Mal auf dieser Carbonfeder.

„Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Minitrampolin“, erzählt Annika Wein aus Hanau. „Man kann sogar darauf hüpfen, und wenn man damit rennt, dann gibt das richtig Schub.“ Vor zwei Jahren wurde der heute 13-jährigen das Bein wegen einer Knochenkrebsdiagnose amputiert. Nach der Regeneration bekam sie ihre inzwischen heiß geliebte Sportprothese, dank der sie wieder Hockey spielen und segeln kann. Heute ist sie hier, um sich ihr künstliches Glied neu einstellen zu lassen und ihr Vorbild Popow zu treffen.

Sportler mit Prothesen in Dieburg: „Wieder aufstehen“ ist hier das Motto

Der Paralympionik schraubt derweil an den Prothesen der Teilnehmenden herum. Annikas gebrauchtes Sportbein wird nur angepasst, Angela von Collas aus Langen-Mörfelden dagegen wird heute das erste Mal auf ihrer neuen Prothese gehen und hat sich beim Probelauf auch schon einmal kurz „hingelegt“. Aber „Wieder aufstehen“ ist hier das Motto. Jeder der Anwesenden hat einen Leidensweg hinter sich. Krebsdiagnosen, Unfälle oder wie bei von Collas ein künstliches Kniegelenk, dass sich entzündet und sie fast getötet hatte. Nach zahlreichen OPs entschied sie sich gegen ihr Bein und für das Leben. Aber dieses ist für einen sportlichen Menschen eingeschränkt, wenn man plötzlich keinen Sport mehr treiben kann.

Und hier kommt nun die Sportprothese ins Spiel. „Sie unterscheidet sich sehr von der Alltagsprothese“, erklärt Orthopädietechnikermeister Martin Brehm. „Sportkniegelenke müssen hohe Belastungen aushalten, die beim Laufen entstehen und auf die Prothese einwirken. Jede Sportart hat ganz bestimmte Anforderungen an die Prothese und die Bewegungen müssen erst gelernt werden.“ Und so beginnt Heinrich Popow sein Training: „Gehen mit geschlossenen Augen.“ Die Prothesenträger sollen beide Beine spüren und einsetzen lernen, das eigene und das künstliche.

Landkreis Darmstadt-Dieburg: Der Sport und eine passende Prothese retteten Paralympioniken Popow

Der 13-jährige Julian Schwarz rennt schon vorneweg. Fast zwei Jahre saß er im Rollstuhl, aber inzwischen ist er eine wahre Sportskanone, fährt Ski, spielt Tennis und macht Leichtathletik. Die Sportprothese bedeutet für ihn Teilhabe und Lebensfreude. Er hat Glück, noch nicht erwachsen zu sein, denn Kinder bis 16 Jahre bekommen diese Laufhilfe von den Krankenkassen erstattet. Erwachsene müssen entweder in der Berufsgenossenschaft sein oder selbst zahlen. Schwierig für alle, die die Kosten von 12 000 bis 15 000 Euro nicht selbst bezahlen können.

„Ein gesunder Körper ist gleich ein gesunder Geist“, weiß Leistungssportler Popow. Mit neun Jahren verlor er sein Bein. Der Sport und eine passende Prothese haben ihn damals gerettet. „Nach meiner OP haben mir ganz viele Leute gesagt, was ich alles nicht kann. Also habe ich gelernt, immer das Gegenteil zu machen. Man hat mir gesagt, ich würde niemals mehr richtig laufen können, und ich wurde der schnellste Mann mit einem Bein.“

Sportler mit Prothesen in Dieburg: „Scheiß drauf. Das Leben geht weiter!“

Das Siebenfache an Energie braucht ein Oberschenkelamputierter beim Gehen. Ein einstündiger Spaziergang fühlt sich für ihn also an wie eine siebenstündige Wanderung. Deshalb sind Training und Kondition wichtig. Julian zieht seine Sportprothese inzwischen kaum noch aus, ist immer in Bewegung, joggt, sprintet und springt. Er hat große sportliche Ambitionen. Angela von Collas ist da bescheidener: „Ich habe einen Hund. Bisher spielen nur andere mit ihm, aber es wäre schön, wenn ich auch mal selbst ein Stück mit ihm rennen könnte.“

Es sind diese kleinen Dinge, die für gesunde Menschen Alltäglichkeiten sind, für Menschen mit Beeinträchtigung indes Wunschtraum, Kraftaufwand und manchmal leider auch unerfüllte Sehnsucht. Doch an diesem Tag herrscht der Optimismus vor. Es wird gescherzt und gelacht, gefallen, wieder aufgestanden und positiv in die Zukunft geschaut: „Das Leben steht plötzlich Kopf, wenn man ein Bein verliert“, weiß Annika. „Ich könnte natürlich auch jeden Tag heulend in der Ecke liegen und jammern: Ich bin so ein armes Kind. Oder ich kann sagen: Scheiß drauf. Das Leben geht weiter!“ (May-Britt Winkler)

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