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Darmstadt: Zahl der Obdachlosen steigt stark

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Nicole Frölich, Wolfgang Koehler und Bürgermeisterin Barbara Akdeniz servieren die Vorspeise.
Nicole Frölich, Wolfgang Koehler und Bürgermeisterin Barbara Akdeniz servieren die Vorspeise. © Renate Hoyer

Nach zwei Jahren Pandemie zieht das Weihnachtsessen im Darmstädter „Braustüb’l“ viele Bedürftige an. Von Sebastian Weissgerber

Rund 180 Menschen haben am 3. Advent beim Weihnachtsessen für Bedürftige im Restaurant Braustüb’l gespeist. Nicht allen ist die Armut anzusehen. So trägt ein Herr Jackett und eine perfekte Gelfrisur. Die rumänische Großfamilie, die sich seit Jahren auf dem Bahnhofsvorplatz eingerichtet hat, parkt hingegen drei voll beladene Kinderwägen mit Decken, Isomatten und Pullovern vor der Darmstädter Privatbrauerei. Eine andere Frau ist mit ihrer Tochter gekommen, die vom Downsyndrom betroffen ist. Wenigstens drei Gäste sind auf einen Rollstuhl angewiesen. Und noch mehr haben einen Rollator oder können sich nur mit Krücken bewegen. Die vier und sieben Jahre alten Kinder einer geflüchteten ukrainischen Familie freuen sich über die großen Überraschungseier in ihren Geschenktüten.

Wer unmittelbar von Wohnungslosigkeit bedroht ist, kann sich an die kommunale Obdachlosenbehörde unter der Telefonnummer 06151 /13-3277 oder die Abteilung Schuldnerberatung und Wohnungssicherung unter der Telefonnummer 06151/ 13-2163 wenden.

Der Verein Horizont e. V. unterhält Übernachtungsmöglichkeiten in der Bismarckstraße 100 und in der Rheinstraße 312. Familien können in der Nieder-Ramstädter Straße 61, 65, 65b unterkommen. Außerdem sind für Paare und Familien in der Pension „Im Elsee“ (Raiffeisenstraße 3) fünf Plätze vorhanden.

Das Diakonische Werk Darmstadt-Dieburg hat in der Otto-Röhm-Straße 26 ein Mutter-Kind-Haus (Muki), Telefon 06151/ 397 2773. Die Notaufnahmestelle für Frauen im Benzweg 6 und das Männerübernachtungsheim im Zweifalltorweg 14 sind ebenfalls durchgängig besetzt.

Die Teestube in der Alicenstraße 29 ist eine ambulante Beratungsstelle mit angegliedertem Tagesaufenthaltsbereich für Menschen in Wohnungsnot. Dort gibt es Duschen, Beratung und eine medizinische Ambulanz. Das Büro für Sozial- und Wohnberatung, Gräfenhäuser Straße, ermöglicht auch eine Unterbringung mit Hunden. swo

Bereits zum siebten Mal hat Brauereichef Wolfgang Koehler zu dem Essen eingeladen, dass die vergangenen beiden Jahre wegen Corona ausfallen musste. „Die Pandemie führte dazu, nur noch mehr zu vereinsamen. Jeder fühlte sich zurückgedrängt und isoliert“, sagt Koehler. Endlich könne man wieder gemeinsam feiern und Wärme spenden. Seinen Dank spricht er vor allem Nicole Frölich aus. Sie ist die Leiterin der Wohnungslosenhilfe des Diakonischen Werks Darmstadt und die Organisatorin des Adventsessens. Ihr gilt ein tosender Applaus, der so laut ist, dass unter den vielen lobenden Hereinrufen nur ein „Bravo, Nicole!“ herauszuhören ist. Die kurzen Worte der Bürgermeisterin Barbara Akdeniz erhalten anschließend kaum noch Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich dürfte den wenigsten Gästen, denen sie heute zusammen mit Oberbürgermeister Jochen Partsch und Stadtbaurat Michael Kolmer Kartoffelsuppe, Rinderbraten mit Rotkraut und zum Nachtisch Griesschnitten mit warmen Kirschen serviert, bewusst sein, dass sie seit elf Jahren als Sozialdezernentin für die Hilfsarbeit der Stadt Darmstadt verantwortlich ist.

Diese Aufgabe meistere Akdeniz dabei vorbildhaft, sagte Frölich später im Pressegespräch. So bestünde rein gesetzlich zwar für jeden Menschen in Deutschland der Anspruch auf eine Unterkunft. „In Darmstadt wird das aber nicht nur gesagt, sondern auch wirklich gelebt.“ Die Angebote von der Teestube als tägliche Anlaufstelle mit Duschen und Waschmaschinen bis zu den insgesamt drei Wohnheimen für Männer, Frauen und Müttern mit Kindern griffen nicht nur hervorragend ineinander, die Stadt Darmstadt stelle darüber hinaus an jeder Einrichtung Sozialarbeiter:innen auf. Vergleichbares würde bundesweit gerade mal eine Handvoll Städte leisten, sagt Frölich, die mit dem Diakonischen Werk der größte Anbieter in der hiesigen Wohnungslosenhilfe ist. Etwa 1000 Menschen nähmen ihre Angebote in Anspruch. „Manche kommen nur zum Duschen, andere suchen die Geselligkeit.“

Doch innerhalb eines Jahres hat sich die Zahl der Wohnsitzlosen auf rund 300 Menschen verdoppelt, die die Stadt neben den Obdachlosenunterkünften auch in Hotels und Pensionen unterbringt. Bei 67 Haushalten konnte die Wohnungssicherungsstelle durch Darlehen oder Gespräche mit den Vermietern allein in diesem Jahr den Verlust der eigenen vier Wände verhindern. Die Gründe für den Anstieg seien mannigfaltig, erklärt Sozialstadträtin Akdeniz. Natürlich sei es attraktiv, in der Stadt zu wohnen. Andererseits könnten „andere Gebietskörperschaften beim sozial geförderten Wohnungsbau gerne noch nachlegen“, kritisiert die Bürgermeisterin. So stammten von den 2500 Haushalten auf der Warteliste für eine Sozialwohnung in Darmstadt mehr als 500 aus den Landkreisen. Bei allem Selbstlob und den Seitenhieben auf die Peripherie betont Akdeniz dabei wiederholt vor allem folgende Botschaft: „Wenn Sie das Gefühl haben, da ist jemand in Bedrängnis, dann rufen Sie an.“ Neben den Telefonnummern der zahlreichen Beratungsstellen (siehe Infobox) solle in der Not auch die 110 gewählt werden. „Es ist unser Anspruch, dass niemand draußen übernachten muss und es für jeden einen Platz gibt.“

Auch wenn die Stadt ein gutes Bild von sich zeichnet, steht die Wohlfahrt vor großen Herausforderungen, klagt Volker Knöll. Er ist als Geschäftsführer des Diakonischen Werks für 1400 Mitarbeiter zwischen Alsfeld und Worms zuständig. Und weil er in Darmstadt wohnt, hat auch er sich heute die Kellnerschürze umgelegt. Die gestiegenen Energiekosten brächten viele Menschen zum ersten Mal in ihrem Leben in die Not, sich Hilfe im Sozialsystem zu suchen. (Sebastian Weissgerber)

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