1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Darmstadt: Wie Wildtiere auf Hitze reagieren

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Hungrig und achtsam: Ein Reh sucht auf einem Feld bei Groß-Umstadt nach mit Tau bedeckten Gräsern und Kräutern.
Hungrig und achtsam: Ein Reh sucht auf einem Feld bei Groß-Umstadt nach mit Tau bedeckten Gräsern und Kräutern. © May-Britt Winkler

Die hohen Temperaturen in Darmstadt machen auch Fröschen, Eichhörnchen und Rehen zu schaffen. Von May-Britt Winkler.

Der Dichter Friedrich Rückert hat es schon im 19. Jahrhundert auf den Punkt gebracht: „Der Teufel hat die Welt verlassen, weil er weiß, die Menschen machen selbst die Höll’ einander heiß.“ Damals sprach gewiss noch keiner vom menschengemachten Klimawandel, aber die Kernaussage war eine Art Prophezeiung. Zwar brutzelt man mancherorts noch unbeschwert in der sengenden Sonne vor sich hin, doch kommen auch immer mehr Klagen: „Es ist so heiß!“, „Der Rasen ist schon ganz braun!“ und: „Verdammt, so viele Wespen dieses Jahr!“

„Die Insekten profitieren in der Tat von der Wärme“, sagt Lothar Jacob vom Kreisverband Dieburg des Naturschutzbunds (Nabu). „Sie sparen Energie, wenn sie von der Sonne aufgeheizt werden, und die Feuchtigkeit, die sie brauchen, nehmen sie überwiegend über die Blüten auf. Die Larven konnten hervorragend gedeihen.“

Wer jetzt wieder schimpft, weil die lästigen Tiere an den Kuchen wollen: Wespen sind nützlich für das Ökosystem, denn sie bestäuben ebenso wie Bienen und Hummeln und sichern somit den Erhalt unserer Fauna.

Andere Wildtiere jedoch litten stark unter den Temperaturen und der Dürre, so der Biologe: „Für Frösche wie die Gelbbauchunke, die jetzt noch Kaulquappen hat, ist es wichtig für ihren Fortbestand, dass die Gewässer nicht austrocknen. Während sich die erwachsenen Kröten an feuchteren Stellen eingraben können, stirbt der Nachwuchs. Außerdem haben Fische ein großes Problem. Der Wasserspiegel sinkt und warmes Wasser löst weniger Sauerstoff. Schadstoffe konzentrieren sich und für Fische ist das oft tödlich.“

Libellen mögen es eigentlich warm, allerdings ist ihre Fortpflanzung ebenso an Gewässer gebunden und somit ist auch ihr Nachwuchs gefährdet. Selbst Eidechsen und Schildkröten meiden zu große Hitze. Suchen sie sonst eigentlich vornehmlich sonnige Orte, um sich aufzuwärmen, müssen sie an sehr heißen Tagen darauf achten, nicht auszutrocknen. „Außerdem hat die Ringelnatter, die oft schwimmend im Wasser jagt, Schwierigkeiten, Nahrung zu finden, wenn die Tümpel ausgetrocknet sind“, erläutert der Naturschützer.

Wasserstellen gibt es zwar noch, aber dafür muss man oft tiefer in den Wald gehen. Wer zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist, kann wunderbare Beobachtungen machen: „Es ist fast wie in Afrika: Die Tage sind heiß, die Nächte kalt und um die Wasserlöcher schart sich das Leben – nur eben mit unseren heimischen Tieren.“

Waldspaziergängerinnen und -spaziergänger sollten daher ihre Hunde anleinen und sich unaufdringlich verhalten, wenn sie ein Wildtier in der Nähe entdecken. Besonders oft sieht man gegenwärtig Rehe auf Feldern, Wiesen oder manchmal sogar im Garten. Wasserknappheit mache diesem Wildtier weniger zu schaffen als Eichhörnchen, Hirschen oder auch Wildschweinen, die ausreichend trinken müssten, erklärt Sebastian Scholz vom Forstamt Darmstadt: „Rehe sind Konzentratselektierer. In frischen Blättern und Kräutern ist sehr viel Feuchtigkeit drin, und sie nehmen ihren Flüssigkeitsbedarf überwiegend über die Nahrung und den Morgentau auf. Wenn natürlich alles noch mehr austrocknet, dann wird es auch für sie ernster.“

Fledermäuse – sonst oft unter dem Dach lebend – haben es insofern gut, dass sie, bepackt mit ihrem Nachwuchs, ihre Behausung wechseln können, was wiederum dazu führt, dass sie auch gern mal im heimischen Schlafzimmer landen. Doch keine Panik: Bei offenem Fenster finden die kleinen Säuger meist von selbst wieder hinaus und ihr Kot ist zudem noch ein hervorragender Dünger. Vögel haben derzeit gewiss ein stattliches Nahrungsangebot aufgrund der zahlreichen Insekten, doch auch ihnen setzt die Hitze zu. Der Nabu rät deshalb, Wasserschalen auf den Balkon oder in den Garten zu stellen. Möglichst in sicherer Entfernung von Büschen, so dass Katzen oder Marder rechtzeitig gesehen werden. „Auch die Igel stürzen sich gern auf meinen aufgestellten Wassernapf“, beobachtet Lothar Jacob regelmäßig. „Wichtig ist, einen Stein oder ein Stück Holz mit reinzulegen, damit sich hineingefallene Insekten retten können.“

Zwar wäre Regen für die Tier- und Pflanzenwelt gerade ein Segen, aber der kommt oft als heftiges Gewitter daher. Der ausgetrocknete Boden kann das Wasser dann kaum aufnehmen, sodass Gebiete überschwemmen. Und es gibt laut Lothar Jacob ein weiteres Problem, insbesondere für Wassertiere: „Bei Starkregen werden sehr viele Schadstoffe wie Nitrat, Phosphat und Düngemittel von den Äckern in die Bäche und die Gewässer geleitet.“

Zudem erhöht sich die Gefahr des Blitzschlags mit Waldbrandgefahr, die dann auch den Menschen bedroht. Der Mensch selbst ist manches Mal die Brandgefahr, etwa durch unachtsam weggeworfene Zigaretten, Hauptgrund für Waldbrände seien jedoch Blitzeinschläge, so Jacob: „Nadelbäume sind voll mit ätherischen Ölen, die deutlich unter 100 Grad entflammbar sind, und sie brennen wie eine Öllampe.“ Ein Supergau für die Tiere. Viele sind nicht mobil genug, um entkommen zu können, und selbst schnelle Tiere können die Orientierung verlieren und ins Verderben laufen.

Schadensbegrenzung müsse daher jetzt beginnen, sagt Jacob. Der Grundwasserspiegel dürfe nicht weiter abgesenkt, Wasser müsse gespart und die Ökosysteme müssten renaturiert werden.

Durstig: Ein Igel trinkt Wasser aus einem Napf.
Durstig: Ein Igel trinkt Wasser aus einem Napf. © Lothar Jacob

Auch interessant

Kommentare