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Darmstadt: Wehrmachtsmajor Karl Plagge erhält eigenen Platz

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Von: Claudia Kabel

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Karl Plagge (Bildmitte mit Brille) nach einer Militär-Parade in Litauen. Das Foto entstand zwischen 1941 und 1944.
Karl Plagge (Bildmitte mit Brille) nach einer Militär-Parade in Litauen. Das Foto entstand zwischen 1941 und 1944. © privat

Zum 125. Geburtstag des Darmstädter Majors Karl Plagge läuft eine Ausstellung. Außerdem wird ein Carré im Ludwigshöhviertel nach dem Retter von mindestens 250 Juden benannt.

Seinen 125. Geburtstag hätte Major Karl Plagge an diesem Sonntag, 10. Juli, gefeiert. Der Darmstädter war bis vor 20 Jahren weitgehend unbekannt in der Stadt – seine Leistung als Retter von mindestens 250 Jüdinnen und Juden während des Holocausts wurden erst ab 2005 gewürdigt. Damals ehrte der Staat Israel ihn in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als „Gerechter unter den Völkern“; ein Titel, den bislang gut 400 Deutsche erhielten. Die Darmstädter Geschichtswerkstatt zeigt anlässlich Plagges Geburtstags eine Ausstellung im Offenen Haus.

Plagge war im Zweiten Weltkrieg im besetzten litauischen Vilnius für eine Militär-Reparaturwerkstatt verantwortlich und hatte seine Position von Sommer 1941 an dazu genutzt, möglichst viele jüdische Männer und Frauen als „kriegsentscheidende Arbeiter“ im Fuhrpark der Wehrmacht einzusetzen. Dort machte er ihnen die Arbeits- und Lebensbedingungen so erträglich wie möglich, wie Überlebende berichteten. „Es war deshalb nicht überraschend, dass wir unseren Beschützer Major Plagge sehr verehrten und respektierten“, schrieb Samuel Esterowicz, der mit seiner Familie interniert war. „Jene, die persönlichen Kontakt mit ihm hatten, beschrieben Plagge als einen Menschen von höchstem moralischem Charakter.“

Plagge warnte seine Arbeitskräfte auch vor der drohenden Räumung und Deportation durch die SS, als die Befreiung von Vilnius, der heutigen Hauptstadt Litauens, durch die Sowjetarmee bevorstand. Dadurch gelang 35 Juden die Flucht. Rund 250 konnten sich retten, indem sie tagelang mit Plagges Wissen in verborgenen Unterschlüpfen ausharrten. Heute heißen nach Karl Plagge die 2008 umbenannte ehemalige Frankensteinkaserne in Pfungstadt und ein neues Gebäude der Technischen Universität (TU). Außerdem wird der Quartiersplatz am denkmalgeschützten Carré im neuen Ludwigshöhviertel den Namen des früheren Wehrmachtsmajors tragen.

Veranstaltungen

Die Ausstellung der Geschichtswerkstatt „Karl Plagge – ein Gerechter unter den Völkern“ ist bis 21. Juli im Foyer des Offenen Haus zu sehen, Rheinstraße 31, in Darmstadt. Geöffnet ist sie Montag bis Donnerstag von 10 bis 17 Uhr, freitags von 10 bis 13 Uhr.

Eine Gedenkfeier an Karl Plagges Grab wird der Magistrat am Sonntag, 10. Juli, ab 11 Uhr auf dem Alten Friedhof, Herdweg 105, abhalten. cka

Den Anstoß für die Recherchen zu Plagge gab der US-amerikanische Arzt Michael Good, Sohn einer Überlebenden. Er hatte mit anderen Nachfahren Material gesammelt, das ein ganz neues historisches Bild des Soldaten entwarf, und verfasste darüber das Buch „Die Suche nach Major Plagge“. Unterstützung bei der Recherche leistete die Leiterin des Archivs der TU Darmstadt, Marianne Viefhaus, die mit dafür sorgte, dass Plagges mutiges Verhalten in der Stadt bekanntwurde.

Der 1897 in Darmstadt geborene Plagge besuchte das Ludwig-Georgs-Gymnasium, das ihn ebenfalls posthum ehrte. Nach dem Abitur wurde er für den Ersten Weltkrieg eingezogen, kämpfte unter anderem bei Verdun und erkrankte dann in britischer Kriegsgefangenschaft an Polio, wodurch er lebenslang hinkte.

Er studierte an der Technischen Hochschule, der heutigen TU, Maschinenbau und arbeitete später in der Darmstädter Maschinenfabrik Hessenwerke. Plagge trat in die NSDAP ein, soll aber nie von der Naziideologie überzeugt gewesen sein. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs gelang ihm die rasche Rückkehr nach Darmstadt, wo er sich als ehemaliges Parteimitglied einem Entnazifizierungsverfahren stellen musste. Wie die Geschichtswerkstatt berichtet, tauchte in dessen Verlauf „völlig überraschend die Beauftragte einer Familie Überlebender aus Wilna auf und berichtete von der gelungenen Rettung dieser Familie dank Plagges mutigem Verhalten“. Plagge wurde jedoch auf eigenen Wunsch als Mitläufer eingestuft – er lehnte einen Freispruch als „nicht belastet“ ab, weil er vor dem Krieg zunächst die NSDAP unterstützt habe. Seine Berufstätigkeit in einer Darmstädter Firma konnte er wieder aufnehmen und pflegte freundschaftliche Beziehung zu der Familie der Überlebenden, die nach ihm hatte suchen lassen.

Am 19. Juni 1957 starb Karl Plagge in Darmstadt, er hinterließ keine Nachkommen. Noch heute existiert das internationale Plagge-Netz – ein Verbund von Nachkommen der Geretteten sowie Forschenden. Auch die Geschichtswerkstatt ist Teil des Netzes.

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