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Führung durch den Darmstädter Wald: Könnte das ein geheimer Gang sein? Blick in eine Brunnenstube oberhalb vom Goetheteich.
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Führung durch den Darmstädter Wald: Könnte das ein geheimer Gang sein? Blick in eine Brunnenstube oberhalb vom Goetheteich.

Darmstadt

Darmstadt: Von Räubern, Höhlen und einer Kolonie im Wald

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
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Vor einhundert Jahren zogen Forscher in den Damstädter Wald, um nach Geheimgängen und einer Räuberhöhle zu suchen. Gästeführer Matthias Lothhammer begibt sich auf eine historische Spurensuche.

In Darmstadt ist manches nicht so, wie es scheint, und einiges verhält sich anders als gemeinhin angenommen wird. Da gibt es eine historische Postkarte von 1905, auf der Personen in langen wallenden Kleidern ins Bild hineinretuschiert wurden. Da findet sich eine Schatzkarte, die spiegelverkehrt gezeichnet wurde und Bombentrichter im Wald, die gar keine sind.

Gästeführer Matthias Lothhammer hat sich dem Darmstädter Wald mit all seinen Rätseln und Geheimnissen verschrieben. Schon als Kind führte sein Schulweg entlang des Böllenfalltors durchs Grüne, wo heute seine neueste Tour „Gänge und Höhlen am Herrgottsberg“ beginnt. Die 260 Meter hohe Erhebung über der Stadt bezeichnete Philipp Dieffenbach 1821 in seiner „Geschichte der Residenzstadt Darmstadt“ bereits als „eine der schönsten Anlagen Deutschlands“.

Gästeführer Matthias Lothhammer zeigt die Kopie einer alten Postkarte vom Böllenfalltor in Darmstadt mit hineinretuschierten Personen.

„Der Wald hier war noch vor einhundert Jahren ein kultivierter Ausflugsort für die bürgerliche Stadtgesellschaft“, sagt Lothhammer. Wie auf einer Postkarte ersichtlich ist, stand direkt am Parkplatz Böllenfalltor ein Tempel, „so nannten die Darmstädter alle Arten von Schutzhütten“, erklärt Lothhammer. Wer ihn begleitet, wird nicht nur an wildromantische und entlegene Winkel im Darmstädter Wald geführt, sondern erfährt auch zahlreiche historische Fakten und Anekdoten.

Zum Beispiel über Räuber, die dort im frühen 19. Jahrhundert ihr Unwesen getrieben haben. Laut amtlichem Polizeibericht sollen sich im Jahr 1826 „einige, bereits dem Knabenalter entwachsene, Jungen von ungefähr 14 Jahren, die besonders durch das Lesen von Räuberromanen erweckte und genährte Idee einer Räubergenossenschaft und den Hang zu einem Räuberhandwerk, ausgebildet haben“.

Ein verwunschener Ort im Darmtädter Wald: der Goetheteich am Herrgottsberg.

Später sollen diese Jungen und weitere, die sich ihnen anschlossen, Überfälle bis hin zu einem Mord verübt haben, vor allem am Nieder-Ramstädter Fußpfad, der ersten Etappe von Lothhammers Tour. Die jungen Räuber sollen den Plan gehabt haben, eine Räuberhöhle im Wald zu bauen. Die Idee ihres Anführers ist laut Lothhammer überliefert: „Es sollte im Wald eine große Höhle gegraben und ausgemauert werden, dann wieder mit Sand bedeckt, der Sand mit Rasen belegt werden. Die Höhle sollte inwendig aus mehreren Abteilungen bestehen, unter denen sich auch eine Waffenkammer befinden sollte. Alle gekaperten Sachen sollten in diese Höhle geschleppt werden. Doch wollten sie, ehe es an den Bau der Höhle ging, untersuchen, ob nicht die Herrgottsberghöhle nach hinten erweitert und dazu eingerichtet werden könne.“

Die Herrgottsberghöhle soll es wirklich gegeben haben, sagt Lothhammer. In amtlichen Quellen heiße es: „Eine, das Kapuzinerloch genannte, etwa sechzehn bis siebzehn Schritte lange Naturhöhle am Herrgottsberg“. Und genau diese Höhle wurde von den Räubern benutzt. Davon ist Lothhammer überzeugt.

Touren in Darmstadt

Mehr als 2000 Führungen , 400 davon öffentlich, der Rest individuelle Gruppenführungen, hat Darmstadt-Marketing 2019 angeboten.

Im Programm sind normalerweise bis zu 70 verschiedene Themen, darunter jedes Jahr auch einige neue. Während der Pandemie wurde das Programm eingeschränkt. Jetzt sind Führungen wieder mit gewissen Auflagen möglich.

Die nächste Tour „Geschichten über geheime Gänge und Höhlen rund um den Herrgottsberg“ mit Matthias Lothhammer findet am 20. Oktober, 16 Uhr, statt. Treffpunkt: Parkplatz am Böllenfalltor, Nieder-Ramstädter Straße 251. Tickets für 6 Euro gibt es unter: darmstadt-tourismus.de/fuehrungen

Weitere Führungen finden in der nächsten Zeit zum Unesco-Welterbe Mathildenhöhe, in den Orangeriegarten, durch Bessungen und zum Park Rosenhöhe statt. Außerdem gibt es Themenführungen zu Nachhaltigkeit in der Stadt.

Infos: darmstadt-tourismus.de

Doch mit dem sogenannten Kapuzinerloch hat es noch eine andere Bewandtnis. Hatte doch Landgraf Ernst Ludwig den Plan, an der Stelle des alten Darmstädter Schlosses sein eigenes Versailles zu erbauen. Dafür wurden Steine benötigt, viele Steine. Und die konnte man rund um den Herrgottsberg abbauen. Dort gibt es graugrün gesprenkelten Uralit, Amphibolit und Kalksilikatfelsen. Aus den Steinen wurde nicht nur von 1716 bis 1726 das heutige Residenzschloss erbaut, sondern 1720 auch die Orangerie in Bessungen.

Die Steinbrecher und Waldarbeiter, die dafür aus Italien und Böhmen geholt wurden, lebten in einer Kolonie im Wald bei ihrer Arbeitsstelle. Laut Lothhammer sind es rund 200 Menschen gewesen, die in Holzhütten hausten und amtlich auch dort gemeldet waren, wie Bessunger Kirchenbücher belegten. Der heutige Stadtteil war damals noch eigenständig. Noch heute können Überreste der Siedlung gefunden werden, Teile von Ziegeln, Bodenverdichtungen und ein alter Müllplatz. Und sie nutzten, wie Lothhammer annimmt, eine Höhle namens Kapuzinerloch, um darin ihre Lebensmittel zu kühlen.

An der Teufelsklaue in Darmstadt soll Goethe einst gedichtet haben... ...

Durch den Abbau der Steine bis etwa 1735 entstand zudem ein herausragender Felsen, genannt die Teufelsklaue. Um ihn ranken sich zahlreiche Mythen von einem wütenden Satan, der den Felsen dorthin schleuderte, bis zu einer heidnischen Opferstelle, die sich dort befunden haben soll. Heute ziert ein Metallschild das Gestein, die den Felsen als „Goethefelsen“ tituliert. Denn an seinem Fuß soll Johann Wolfgang von Goethe das Gedicht „Fels-Weihgesang. An Psyche“ verfasst haben. Neuere Forschungen belegen allerdings, dass der Dichter einen anderen Felsen meinte. „So gibt es heute zwei Goethefelsen, den neuen und den alten“, sagt Lothhammer.

All dies erfährt man auf Lothhammers Führung. Aber sie ist mehr als ein historischer Rundgang. Der 53-Jährige hat selbst im Stadt- und im Staatsarchiv recherchiert und ist dabei auf eine interessante Begebenheit gestoßen: Im Jahr 1920 machten sich drei namentlich nicht bekannte Forscher auf den Weg, um die unterirdischen Gänge, die vom Darmstädter Schloss zum Herrgottsberg führen sollen, zu untersuchen und die ehemalige Räuberhöhle samt eines angeblichen Schatzes zu finden. Ihren Forschungsbericht sowie eine von ihnen angefertigte Karte vom Gebiet um den Herrgottsberg hat Lothhammer vor wenigen Jahren entdeckt. In der Handschrift heißt es: „Man hört noch von vielen Leuten unserer Zeit, dass sie in früheren Jahren am Herrgottsberge in der Höhle gewesen seien. Auf das Vorhandensein des Ganges, nebst Abzweigungen, lassen auf die, mit eisernen Falltüren verschlossenen Eingänge schließen, welche sich in alten Häusern der Stadt vorfinden.“ Ferner finde sich in der Nähe des Herrgottsbergtempels eine Mulde, in der noch vor 15 bis 20 Jahren Mauerreste gesehen worden seien ...

Für Lothhammer bildete dies den Stoff, um daraus eine faktenbasierte Führung zu kreieren. „2020 jährten sich die Tage, als die Forscher in den Wald aufbrachen, der 13. August und der 20. Oktober, zum hundertsten Mal“, sagt Lothhammmer. Das habe gut für eine Stadtführung gepasst. Wegen Corona konnte sie jedoch vergangenes Jahr nicht stattfinden und wurde deshalb dieses Jahr nachgeholt und war schon nach wenigen Tagen ausgebucht. Ein zweiter Termin wird im Oktober stattfinden.

Rund um den Herrgottsberg bei Darmstadt führt Matthias Lothhammer die Teilnehmenden seiner Führung über teils verwunschene Pfade.

Doch Vorsicht: Die zweistündige Führung, die von Darmstadt-Marketing angeboten wird, ist mehr als ein historischer Rundgang. Sie entwickelt sich in ihrem Verlauf zu einer Spurensuche nach einer Höhle, die es früher einmal gegeben haben soll. Dafür kommen nicht nur Zirkel und Geodreieck zum Einsatz, die Teilnehmenden dürfen selbst auch Schritte zählen, um den geheimnisumwobenen Ort zu finden.

Doch bis es soweit ist, führt der verschlungene Weg vorbei an vermeintlichen Geheimgängen, dem Gedenkstein einer ehemaligen katholischen Kapelle, dem Fundament des Herrgottstempels und dem Goetheteich, einem besonders verwunschenen Ort. Die Zuhörerinnen und Zuhörer erfahren, warum der Darmstädter Wald seit Jahrhunderten durch schnurgerade Schneisen zerteilt ist und was es mit dem unterirdischen System aus vermeintlichen Gängen auf sich hat, die die Forscher gefunden haben wollen.

Und die Räuber? Die ganze Bande wurde verhaftet und am 16. Oktober 1829 vom Großherzoglichen Hofgericht in Darmstadt zu ein bis zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt, wie Lothhammer berichtet. Vorgeworfen wurde ihnen das Führen eines Räuberbundes, Unterschlagung, Diebstähle, tätliche Angriffe, Auflauern am Fußpfad nach Nieder-Ramstadt, Planung mehrerer Morde und sogar Mord. Überliefert ist von der Räuberbande noch folgendes Zitat aus einer Zeitschrift von 1834: „Wir haben überhaupt Ruhm darin gesucht, dass nach unserem Tod über uns eben solche Bücher geschrieben und so viel gesprochen werden sollte, wie über die Bücher, die wir gelesen haben.“

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