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Bastian Ripper packt vor dem Quartiersladen die Frühstückstüten in den Bollerwagen.

Darmstadt

Darmstadt: Viel Solidarität in der Postsiedlung

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Der Nachbarschaftsverein „Zusammen in der Postsiedlung“ hilft Senioren in der Corona-Krise mit einem Einkaufsservice, Mittagessen zum Mitnehmen und einer Frühstückstütenaktion.

Vor anderthalb Stunden ist in Darmstadt die Sonne aufgegangen. Bastian Ripper, der erste Sprecher des Nachbarschaftsvereins „Zusammen in der Postsiedlung“, ist am Montagmorgen früh aufgestanden, um mit einem Bollerwagen in einer Bäckerei-Filiale an der Ingelheimer Straße Croissants und Brötchen abzuholen. Ein paar Straßen weiter, im Quartierladen mitten in der einst für die Beamte und Bediensteten der Deutschen Post errichteten Siedlung an der Binger Straße, liegen im Zeitungsdesign gestaltete Papiertüten parat. Neben den frischen Backwaren aus der Bäckerei packt Ripper jeweils ein Glas Marmelade, Mandelcreme, Käse und Orangensaft – alles in Bio-Qualität – sowie ein kleines Fläschchen Sekt und eine aktuelle Tageszeitung in die 20 Frühstückstüten.

Vor einigen Monaten hatte der Verein angekündigt, in der Postsiedlung ein Frühstück für Seniorinnen und Senioren etablieren zu wollen. „Weil dies wegen der Corona-Pandemie in der geplanten Form nun nicht möglich ist, haben wir uns überlegt, den älteren Menschen die Bio-Frühstückspakete als Geschenk vorbeizubringen“, sagt Ripper.

Gleich zu Beginn der Corona-Krise hat sich Ripper zufolge in dem Verein eine Aktivengruppe gebildet, um älteren und chronisch kranken Menschen aus dem Quartier zu helfen, für die es gefährlich wäre, sich mit dem neuartigen Coronavirus zu infizieren. Bei dem Verein können sich auch solche Menschen melden, bei denen das Gesundheitsamt Quarantäne angeordnet hat. „Wir möchten gerne Solidarität im Quartier zeigen“, sagt Vereinssprecher Ripper, der als Vorstandsreferent beim Darmstädter Caritas-Verband tätig und dort auch mit psychiatrischen Themen beschäftigt ist. Wertschätzung gegenüber anderen Menschen hält Ripper für den „Schlüssel, um bei Menschen Türen zu öffnen“.

Auch Wolfgang und Elisabethe Starke freuen sich über die Frühstückstüten-Aktion des Nachbarschaftsvereins.

Beim Ausfahren der Frühstückstüten ist Ripper am Montagmorgen auch von einem Kamerateam der ARD begleitet worden, das die Corona-Hilfsaktion des Vereins für das Dokumentationsformat „7 Tage“ zum Thema „Solidarität“ ausgewählt hat. Die Sendung soll Anfang Juni im Fernsehkanal des Hessischen Rundfunks ausgestrahlt werden.

Auch dem früheren Quartiersfotografen Reinhard Launer, der seinen Fotoladen Ende vorigen Jahres nach mehr als drei Jahrzehnten schließen musste, bringt Ripper eine Frühstückstüte an der Hintertür vorbei. Der 68-Jährige, der sich über das Geschenk freut, sagt, für ihn habe sich seit Beginn der Corona-Beschränkungen nicht viel geändert. Weil er selbst auch immer wieder anderen Menschen seine Hilfe anbiete, sei er nun sehr dankbar, selbst Hilfe von anderen annehmen zu dürfen.

„Sich in andere Menschen hineinzufühlen und Empathie zu zeigen, ist für mich Solidarität“, sagt Launer, der von sich sagt, er sei auch „mit wenig zufrieden“. Er verneint auch die Frage, ob er einsam sei. „Wer einsam ist, der weiß sich nicht zu beschäftigen“, meint der frühere Fotograf, der noch einige stimmungsvolle Impressionen aus Kolumbien im Schaufenster seines geschlossenen Fotoladens ausgestellt hat.

Darmstadt: Verein in der Postsiedlung unterstützt Pakistan-Projekt

Über den Tellerrand schaut auch der Nachbarschaftsverein, der nicht nur solidarische Hilfen in der Postsiedlung anbietet. Der Verein bot vor einigen Wochen eine Wette an, um bis Ende April mindestens 1500 Euro für arbeitslose Textilarbeiter und -arbeiterinnen in der Provinz Sindh in Pakistan zu sammeln. Vereinssprecher Ripper berichtet am Montag, dass die „Quartierwette“ gewonnen worden sei und es Spendenzusagen über rund 2500 Euro gebe. Das Geld soll an die Hilfsorganisation Medico International überwiesen werden. „Insgeheim haben wir ja geahnt, wie solidarisch unser Quartier in und um die Postsiedlung im ‚wilden Süden‘ der Kernstadt ist. Aber das unsere solidarische Wette mit dem Quartier so toll unterstützt werden würde – das konnten wir nicht abschätzen“, sagt Ripper zufrieden.

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