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Rückstände im Grundwasser: Darmstadt wird Modellkommune für Schutz des Rieds

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Von: Claudia Kabel

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Das Zentralklärwerk in Darmstadt soll mit einer vierten Reinigungsstufe ausgebaut werden.
Das Zentralklärwerk in Darmstadt soll mit einer vierten Reinigungsstufe ausgebaut werden. © Entega

Weniger Spurenstoffe sollen ins Grundwasser des hessischen Rieds gelangen. Dafür wurden im Auftrag des Umweltministeriums Ideen erarbeitet. Darmstadt wird nach Mörfelden-Walldorf zweite Modellkommune.

Das hessische Ried als größter Grundwasserspeicher Hessens ist mit Stoffen belastet, die aus Haushalten, Industrie, Medizin und Landwirtschaft stammen. Über das Abwasser und Oberflächengewässer gelangen diese Spurenstoffe ins Grundwasser, das zu 50 bis 60 Prozent das Trinkwasser Frankfurts und der Region speist. Dürresommer verschärfen die Situation.

Deshalb hat das Land das Dialogforum „Spurenstoffe im Hessischen Ried“ gestartet. Vor gut einem Jahr begannen Arbeitsgruppen zu verschiedenen Themen Programme zu erarbeiten, um das Grundwasser besser zu schützen. Beteiligt sind 30 Verbände, Unternehmen und Kommunen unter Begleitung des Fraunhofer Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI).

22 Steckbriefe mit Maßnahmen wurden am Dienstag im Frankfurter Haus am Dom an Umweltministerin Priska Hinz (Grüne) übergeben. Außerdem wurde ihr ein Urinbeutel überreicht, den sie dankend entgegennahm. Denn eines der Vorhaben ist die Reduktion von Röntgenkontrastmittel (RKM), dessen Umweltschädlichkeit zwar noch nicht belegt ist, das sich aber zunehmend im Grundwasser ablagert und als nicht abbaubar gilt.

Spurenstoffe im Hessischen Ried: Röntgenkontrastmittel im Trinkwasser

Das Mittel sei schon in Trinkwasser gefunden worden, sagte Jutta Niederste-Hollenberg vom Fraunhofer ISI. In Darmstadt soll ein Projekt starten, bei dem Urinbeutel an 26 000 Patientinnen und Patienten des Klinikums Darmstadt sowie zusätzlich an die Behandelten der niedergelassenen kardiologischen und radiologischen Praxen ausgegeben werden, um den Stoff aufzufangen, bevor er über die Toilette im Abwasser landet. „Darmstadt ist der größte Einträger von RKM im Ried“, sagte Marcel Wolsing von Entega.

„Nicht alle Spurenstoffe können durch Kläranlagen entfernt werden“, sagte Ministerin Hinz. Deshalb sei es wichtig, ihren Eintrag so weit wie möglich an der Quelle zu verhindern. Um dies zu erreichen, sollen nicht nur die Haushalte aufgeklärt werden - zum Beispiel darüber, dass man weniger Haushaltsreiniger verwenden und Medikamente nicht in der Toilette entsorgen soll –, sondern auch Landwirte, Betriebe, Arztpraxen, Studierende, Schüler:innen. Firmen sollen durch Auszeichnung motiviert werden. Aber es wurde auch schon einiges umgesetzt, wie Aufklärungsarbeit in der medizinischen Ausbildung an Unis oder bei der Bevölkerung.

Spurenstoffe im Hessischen Ried: Ausbau von Kläranlagen notwendig

Bei einem Schülerwettbewerb, der in Darmstadt im November startet, soll ein Infovideo gedreht werden, das im Hessischen Rundfunk ausgestrahlt wird. Den Preis für die besten Klassen stiftet das Pharmaunternehmen Merck, das bereits seine Betriebskläranlage in Darmstadt freiwillig mit einer vierten Reinigungsstufe ausbaut. Diese könne Spurenstoffe besser herausfiltern, brauche aber für ihren Betrieb mehr Energie, sagte Julia Klinger von Entega. Für den Ausbau des Darmstädter Zentralklärwerks, das Entega betreibt, soll jetzt eine Machbarkeitsstudie erstellt werden. In Mörfelden-Walldorf läuft bereits der Ausbau der Kläranlage.

Hans-Joachim Grommelt vom BUND betonte, dass der Ausbau der Kläranlagen sehr wichtig sei, um endlich etwas „da draußen“ zu bewirken. Indes dürfe die Wasserwirtschaft nicht zum „Reparaturbetrieb“ werden, hob Elisabeth Jreisat von Hessenwasser die Wichtigkeit der vorbeugenden Maßnahmen hervor.

Spurenstoffe im Hessischen Ried: Neue Messbrunnen geplant

Auch die Landwirte seien mit im Boot, sagte Willi Billau vom Hessischen Bauernverband. Wichtig sei, Pestizide nicht nur zu verbieten, sondern auch Alternativen anzubieten. Aufklärung sei wichtig, um lokalen Schadstoffbelastungen entgegenzuwirken.

Um die Effekte der umgesetzen Planungen zu überwachen, sollen weitere Messbrunnen gebaut werden. Im Zuge der Tagung wurde Darmstadt zur zweiten „Modellkommune zur Spurenstoffreduktion“ nach Mörfelden-Walldorf (Kreis Groß-Gerau) ernannt. In den Modellkommunen sollen die Maßnahmen des Dialogforums umgesetzt werden.

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