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Volkstrauertag 2017: Militäranhänger und Friedensaktivist:innen treffen am Denkmal aufeinander.
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Volkstrauertag 2018: Militäranhänger und Friedensaktivist:innen treffen am Denkmal aufeinander.

Darmstadt

Streit über Gedenken an Gefallene

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Am Leibgardistendenkmal treffen alljährlich Militär-Anhänger und Friedensaktivist:innen aufeinander. Nun könnte ein zerstörtes Blumenbukett zu einer Klage führen. Aber im Grunde geht es um die Verschleierung von Verbrechen im Zweiten Weltkrieg.

Von den meisten Passant:innen unbeachtet steht der bronzene Löwe von Lanzen aufgespießt zwischen Darmstädter Friedensplatz und Schlossgraben. Doch um das Leibgardistendenkmal ist ein Streit entbrannt, dessen Auswüchse nun in einer Klage gipfeln.

Alljährlich zum Volkstrauertag treffen sich Mitglieder des Vereins Kameradschaft der Leibgardisten und des Infanterie-Regiments 115 vor dem 1928 enthüllten Denkmal, um der gefallenen Soldaten und der Opfer der beiden Weltkriege zu gedenken.

Vor 400 Jahren gegründet

Die vor vierhundert Jahren vom hessischen Landgrafen Ludwig V. aufgestellten Leibgardisten kämpften nicht nur im Dreißigjährigen Krieg, sondern kamen später unter verschiedenen Regimentsbezeichnungen auch im Ersten und Zweiten Weltkrieg zum Einsatz. Unter anderem als Infanterie-Regiment 115. Bis heute bestehen kameradschaftliche Verbindungen zur Bundeswehr. 1988 fand unter Mitwirkung des Heimatschutz-Regiments 115 Darmstadt-Hessen eine große Heeresübung statt. Stellvertretender Kommandeur war dabei Oberstleutnant der Reserve Helmut Weipert. Er ist heute Vorsitzender des Vereins, dessen Ziel es ist, die Tradition der Leibgardisten zu bewahren.

Aktivisten stören Gedenkfeierlichkeiten

Doch seit einigen Jahren stellen sich den Militäranhänger:innen regelmäßig Friedensaktivist:innen entgegen und stören die Gedenkfeierlichkeiten. Die Initiativen Bündnis gegen rechts und Bunt ohne Braun kritisieren, dass hier die Geschichte verklärt und die Verbrechen Nazideutschlands verschwiegen werden. Beim Volkstrauertag 2020 wurde nun ein von der Kameradschaft niedergelegtes Blumenbukett zerstört. Entrüstet über diese „Sauerei“, wie Weipert das Wegwerfen und Zertrampeln der Blumen im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau bezeichnet, hat der Vereinsvorsitzender einen „persönlichen Brief“ an die Sprecherin des Bündnis Bunt ohne Braun, Renate Dreesen, geschrieben. Darin fordert er sie auf, dafür sorgen, „dass die Feindseligkeiten gegenüber unserer Kameradschaft künftig unterbleiben“. Dieses Schreiben samt Namen und Privatadresse von Dreesen veröffentlichte der 80-Jährige jetzt in der aktuellen Ausgabe der Mitgliederzeitschrift „Der Leibgardist 1621“.

Denkmal

Das Leibgardistendenkmal des Künstlers Heinrich Jobst wurde 1928 enthüllt, finanziert von Angehörigen ehemaliger Leibgardisten zur Erinnerung an Gefallene des Darmstädter Leibgarde-Regiments 115, dem bis dato ältesten Regiment der Welt.

1958 wurden zum Gedächtnis an die Gefallenen des Zweiten Weltkriegs an der Schlossgrabenmauer links und rechts neben dem Denkmal die Schlachtorte 1939–1945 eingemeißelt.

Dadurch wurde die „fast ausschließlich militärische Katastrophe des ersten Kriegs mit den Massakern an der Zivilbevölkerung und dem Völkermord des zweiten vermengt“, schreibt der Brite Simon Winder 2010 in seinem Bestseller „Germany, oh Germany“. cka

Mehr zur Kameradschaft im Artikel „Kameradschaft der Leibgardisten vor Auflösung“

„Dass meine Adresse ohne mein Wissen in einem rechten Militärblatt veröffentlicht wird, kann ich nicht so stehen lassen“, sagt Dreesen der FR. Dies verletze ihre Persönlichkeitsrechte in grober Weise. Deswegen habe sie Anzeige erstattet. Sie und ihre Gruppe hätten niemanden angegriffen, man habe lediglich die Geschichte aufgearbeitet. Wieso die Blumen verschwunden seien, wisse sie nicht.

Darmstädter Regiment beteiligt

In ihrem Buch „Verfälschte Erinnerung – das Leibgardisten-Denkmal in Darmstadt“ haben Hannes Heer, Peter Behr und Renate Dreesen 2018 die Ergebnisse ihrer Recherchen zu den Darmstädter Regimentern, die in der Tradition des hessischen Leibregiments stehen, veröffentlicht und kommen zu dem Schluss: „Alle genannten Einheiten waren an den Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1945 beteiligt, wie zahllose Dokumente belegen.“ In Städten wie Kiew, Bjelgorod oder Stalingrad, deren Namen in die Schlossgrabenmauer gemeißelt sind, sei „mit unermesslich viel Blut Geschichte geschrieben“ worden. Sie stünden für den zweiten deutschen Genozid an den slawischen Völkern.

Deswegen fordern die Friedensaktivist:innen seit Jahren von der Stadt, dass eine Tafel die Geschichte des Denkmals erklärt und die Beteiligung der Darmstädter Regimenter am Holocaust in der Sowjetunion und am Völkermord an der sowjetischen Bevölkerung ebenso dokumentiert wird wie die Kriegsverbrechen im besetzten Italien 1943 bis 1945. Wie die Stadt auf Anfrage mitteilte, wurde dieser Wunsch bei der Stadt auch in Absprache mit der TU Darmstadt „grundsätzlich positiv aufgenommen und sollte zur Umsetzung gelangen“. Allerdings habe man sich bisher nicht über die Formulierung einigen können, denn die Initiator:innen betonten im Textvorschlag unabweislich die Beteiligung Darmstädter Regimenter an Kriegsverbrechen der Wehrmacht, „die im Einzelnen nicht absolut sicher wissenschaftlich nachgewiesen ist“, so Pressesprecher Daniel Klose. Klare Position der Stadt sei, dass historische Verbrechen, insbesondere im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus und Kriegsverbrechen der Wehrmacht, aufgeklärt, aufgearbeitet und benannt werden müssten.

Stadt startet Forschungsprojekt

Um die Frage der Beteiligung der Darmstädter Regimenter historisch aufzuarbeiten, sei auf Initiative von Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) ein Forschungsprojekt unter Leitung von Peter Oliver Loew, Direktor des Deutschen Polen-Instituts am Institut für Geschichte der TU Darmstadt, 2020 ins Leben gerufen worden. Nach Vorlage der Ergebnisse solle erneut über die Formulierung der Texttafel gesprochen und entschieden werden, hieß es weiter. Das Projekt ist auf zwei Jahre angelegt.

Kameradschafts-Vorsitzender gegen Infotafel

Helmut Weipert ist dagegen, dass eine Tafel aufgestellt wird. Ihn regt das Thema auf. „Die Leibgardisten haben ihr Leben gegeben und werden immer als Kriegsverbrecher dargestellt. Ich bin es satt“, sagt er. In allen Kriegen fänden Verstöße gegen die Genfer Konvention statt. Man habe nie die Kriegsverbrechen deutscher Soldaten gutgeheißen, und er sei dagegen eingetreten, dass so etwas noch einmal geschehe. Aber es müsse aufhören, „uns oder unsere Eltern dafür verantwortlich zu machen“, so der 80-Jährige. Dass in der Kameradschaft nach dem Krieg auch Mitglieder mit eindeutiger Nazi-Vergangenheit vertreten waren und zum Beispiel per Nachruf geehrt wurden, wie etwa 1984 Karl Wolff, Generaloberst der Waffen-SS, scheint Weipert nicht zu stören. Auf die Frage nach Wolff und seiner Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord an mindestens 300 000 Jüdinnen und Juden, sagt Weipert: Er könne sich nicht an ihn erinnern. Mehr zur Kameradschaft im Artikel „Kameradschaft der Leibgardisten vor Auflösung“ .

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