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Sozialwohnungsbau in Darmstadt scheitert an Kosten

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Von: Annette Schlegl

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In den bisher gebauten drei Häusern der Darmstädter Bau- und Wohngenossenschaft Wohnsinn leben auch Menschen mit niedrigem Einkommen.
In den bisher gebauten drei Häusern der Darmstädter Bau- und Wohngenossenschaft Wohnsinn leben auch Menschen mit niedrigem Einkommen. © Jens Joachim

Die Darmstädter Baugenossenschaft Wohnsinn kann Wohnraum für geringe Einkommen im Ludwigshöhviertel nicht verwirklichen. Grund: die explodierenden Kosten.

Darmstadt – „Wir können keine Sozialwohnungen mehr bauen.“ Diesen Hilferuf sendet Robert Ahrnt, Vorstandsmitglied der Darmstädter Bau- und Wohngenossenschaft Wohnsinn. Schuld an dieser Misere sind explodierende Bau- und Grundstückspreise sowie steigende Zinsen. Das geplante neue Wohnprojekt im Ludwigshöhviertel steht laut Ahrnt auf der Kippe.

Wohnsinn ist eine Genossenschaft, die in ihren Häusern generationenübergreifende und sozial gemischte Wohnformen anbietet. Drei Gebäude mit insgesamt rund 120 Wohnungen wurden bisher gebaut. Ein Drittel sind jeweils Sozialwohnungen, zwei Drittel sind frei finanziert.

Genossenschaft müsste für Sozialwohnungen 7,75 Euro statt erlaubten 6,75 Euro pro Quadratmeter nehmen

Das vierte Projekt im Ludwigshöhviertel, der sogenannte „Wohntraum“ mit rund 40 Wohnungen, beinhaltete eigentlich ebenfalls „mindestens 12 bis 13 Sozialwohnungen“, so Ahrnt. Daraus wird jetzt aber nichts mehr. Um Kostendeckung zu erreichen, müsste die Genossenschaft in den Sozialwohnungen eine Miete von 7,75 Euro pro Quadratmeter verlangen. Das ist ein Euro zu viel. „6,75 Euro pro Quadratmeter sind für Haushalte mit geringem Einkommen festgeschrieben, um den Zuschuss von der Stadt und vom Land zu bekommen“, sagt Ahrnt und fordert: „Wenn die Baupreise um 20 bis 30 Prozent steigen, muss auch die Förderung um diesen Prozentsatz steigen.“

Wohnsinn bekomme es derzeit nicht hin, das Objekt so zu finanzieren, dass Sozialwohnungen möglich sind. Gegenüber dem dritten Wohnprojekt in der Lincoln-Siedlung im Stadtteil Bessungen, das Ende 2020 fertiggestellt wurde, haben sich die Kosten immens erhöht. Dort konnten die 14 Sozialwohnungen mit einer Miethöhe von 6,50 Euro pro Quadratmeter realisiert werden.

Wohnsinn in Darmstadt: 16 Euro pro Quadratmeter bei frei finanzierten Wohnungen

Mieter, die in die 27 bis 28 frei finanzierten Wohnungen im Ludwigshöhviertel ziehen wollen, werden ebenfalls kräftig zur Kasse gebeten: Sie zahlen 16 Euro pro Quadratmeter – plus 4,80 Euro pro Quadratmeter an Genossenschaftseinlage. „Die bekommen sie aber wieder zurückgezahlt, wenn sie ausziehen“, so Ahrnt.

Auch hier lohnt sich der Vergleich zum Wohnprojekt in der Lincoln-Siedlung: Bewohner, die eine Mindestgenossenschaftseinlage von 200 Euro pro Quadratmeter einbrachten, mieteten dort eine 82-Quadratmeter-Wohnung für 7,40 Euro pro Quadratmeter. Die Miete für frei finanzierte Wohnungen habe sich mit 16 Euro pro Quadratmeter aktuell also mehr als verdoppelt, erklärt Ahrnt. Und dieser Mietpreis enthalte keinerlei Gewinnaufschlag, „wir übertragen nur die reellen Kosten auf die Mieter“.

Generationenübergreifend und sozial gemischt wohnen die Mieter in den „Wohnsinn“-Gebäuden.
Generationenübergreifend und sozial gemischt wohnen die Mieter in den „Wohnsinn“-Gebäuden. © Jens Joachim

Die Genossenschaft könne die Miethöhe für das Wohnprojekt im Ludwigshöhviertel im Gegensatz zu großen Baugesellschaften nicht mit anderen Objekten querfinanzieren. Es sei zwar möglich, Kredite aufzunehmen, „aber auch die Kreditkosten müssen irgendwo hingesteckt werden“.

Grundstückspreis ist für Darmstädter Genossenschaft enorm gestiegen

675 Euro pro Quadratmeter bezahlte die Genossenschaft für das Grundstück in der Lincoln-Siedlung. Beim „Wohntraum“ im Ludwigshöhviertel, der eigentlich Ende 2024 bezugsfertig sein soll, wurden dagegen 1500 Euro pro Quadratmeter aufgerufen. Das Areal wurde von der BVG New Living, einer 100-prozentigen Tochter des städtischen Immobilienunternehmens Bauverein AG, an Wohnsinn verkauft. „Wir haben eine Reservierung, die noch ein paar Monate gültig ist“, sagt Ahrnt. In einer Generalversammlung soll bis dahin geklärt werden, ob der „Wohntraum“ ohne Sozialwohnungen realisiert wird „ober ob wir mit dem Bau noch warten und das Risiko in Kauf nehmen, dann vielleicht nicht mehr zum Zug zu kommen“. (Annette Schlegel)

Die Neuapostolische Kirche plant derweil in der Innenstadt von Darmstadt einen großen Neubau, in dem 24 Wohnungen entstehen sollen. Von sozialem Wohnungsbau ist auch dort nichts zu finden.

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