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Darmstadt: Sensoren an Fahrrädern messen den Abstand beim Überholen

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Von: Annette Schlegl

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Seit dem Vorjahr sind innerorts 1,50 Meter Mindestabstand zum Radfahrer einzuhalten.
Seit dem Vorjahr sind innerorts 1,50 Meter Mindestabstand zum Radfahrer einzuhalten. © Monika Müller

23 Sensoren protokollieren Überholvorgänge. Der ADFC Darmstadt hat sie zusammengebaut. Das Projekt hat nun den Deutschen Fahrradpreis gewonnen.

Klaus Görgen ist mächtig stolz: Der „Open Bike Sensor“ hat am Donnerstag den Deutschen Fahrradpreis 2022 in der Kategorie „Service & Kommunikation“ gewonnen – und der ADFC Darmstadt hat kräftig zu diesen Meriten beigetragen. Seit Juni vorigen Jahres sind nämlich Fahrräder mit diesen Sensoren in und um Darmstadt unterwegs und messen per Ultraschall den Seitenabstand bei Überholvorgängen.

Die Ergebnisse fließen in eine interaktive Karte ein, die anderen Radfahrer:innen aufzeigen kann, wo Gefahrenstellen lauern. Die Daten können aber auch dem Mobilitätsamt als Grundlage für den Um- und Ausbau der Radinfrastruktur dienen.

Darmstadt: Sensoren werden am Fahrradsattel oder Gepäckträger montiert

Der „OpenBikeSensor“ sitzt in einem Gerät, das an der Sattelstütze oder am Gepäckträger montiert ist. Der Ultraschallsensor zeichnet die GPS-Daten des Radfahrers oder der Radfahrerin auf und misst den Seitenabstand nach links und rechts.

Der Sensor an der Sattelstütze misst den Abstand beim Überholvorgang. Der Radfahrer drückt den Schalter am Lenker.
Der Sensor an der Sattelstütze misst den Abstand beim Überholvorgang. Der Radfahrer drückt den Schalter am Lenker. © H. Hofmann

Ein Kabel führt zu einem Schalter am Lenker, wo er oder sie das Überholen eines parkenden Autos oder den Überholvorgang eines Autofahrers bestätigt; sein Kennzeichen wird dabei nicht übermittelt.

Darmstadt: Visualisierung von Daten in einer Open-Street-Map

Die gesammelten Daten werden in einer Open-Street-Map visualisiert. Dort erscheinen die Streckenabschnitte dann jeweils als grün, gelb oder rot eingefärbte Linien – je nachdem, ob der Mindestabstand von 1,50 Metern innerorts oder zwei Metern außerorts eingehalten oder unterschritten wurde. Auch die Zahl der Überholenden in den einzelnen Straßen ist in der Visualisierung ersichtlich.

„Jeder, der will, kann für uns Testfahrer werden“, sagt Görgen, der als Pressesprecher des ADFC Darmstadt fungiert. Die gesammelten Werte der „OpenBikeSensoren“ werden auf eine 15-Gigabyte-SD-Karte geschrieben und dann per WLAN ausgelesen. „Wir haben vor dem Büro des ADFC auf dem Darmstädter Bahnhofsvorplatz ein Gäste-WLAN installiert, mit dem die Daten von den Geräten in ein paar Minuten an unsere Server übertragen werden können“, sagt Görgen.

Darmstadt: Sensoren zeichnen Überholvorgänge auf

12 312 Überholvorgänge auf 8545 Kilometern Straße sind so seit Sommer vergangenen Jahres schon aufgezeichnet worden – der Großteil davon in der Darmstädter Innenstadt, aber auch einige im Landkreis.

Dennoch empfindet der ADFC-Sprecher das Datenmaterial der 23 Sensoren, die in und um Darmstadt herumfahren, als noch nicht relevant genug. Deshalb hofft er auf weitere Messfahrer:innen, und zwar vor allem in den Kreiskommunen.

ADFC Darmstadt veröffentlicht Daten auf einer Plattform

Das Projekt „Open Bike Sensor“ (OBS) ist in der Radverkehrsinitiative Zweirat Stuttgart entstanden und wurde stufenweise in einer bundesweiten Community entwickelt. Der ADFC Darmstadt ist ein wichtiger Teil davon.

Er hat eine Open-Data-Visualisierungs-Plattform (adfc-darmstadt.de/obs/roads.html) aufgebaut, die die Messungen der 23 Geräte im Gegensatz zu vielen anderen Städten öffentlich frei verfügbar und nutzbar macht. „Wir haben uns bei einem Rechtsreferenten abgesichert und lassen die Nutzer der Geräte vorab eine Nutzungsvereinbarung unterschreiben“, sagt Görgen.

Pionierarbeit in Darmstadt wird mit dem Deutschen Fahrradpreis gewürdigt

Die Sensoren sind bisher in keinem Geschäft erhältlich. Sie müssen selbst zusammengebaut werden; die Anleitung ist für jedermann als Open Source auf der Website openbikesensor.org verfügbar. Der ADFC Darmstadt nahm selbst 2000 Euro in die Hand, um die 23 Geräte herzustellen.

Der Open Bike Sensor muss aus vielen Einzelteilen montiert werden.
Der Open Bike Sensor muss aus vielen Einzelteilen montiert werden. © B. Walger

„Wir haben rund 50 Bauteile bei zwölf Herstellen bestellt, die zusammengelötet werden müssen“, sagt Görgen. Auch hier haben die Darmstädter übrigens Pionierarbeit geleistet: Sie haben mitgeholfen, das Gerätegehäuse zu verbessern, das aus dem 3-D-Drucker kommt.

Für den Sieg beim Deutschen Fahrradpreis, der in Köln verliehen wurde, gibt es 5000 Euro. Die gehen aber nicht nach Darmstadt, sondern an die mehr als 1000-köpfige Community.

Lesen Sie weiter: Darmstadt im Fahrradklima-Test - Nicht gut, aber besser als andere: Beim Fahrradklima-Test des ADFC steht Darmstadt im Vergleich zu 2018 etwas besser da. „Gleis 66“ nennt sich die neue Fahrradwerkstatt im „Fürstenbahnhof“, bei der es sich um ein Inklusionsprojekt der Stadt handelt, dass mit Unterstützung des ADFC Darmstadt-Dieburg im Darmstädter Hauptbahnhof realisiert wurde. In der Werkstatt werden junge Erwachsene und Menschen mit Behinderung auf eine Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt vorbereitet.

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