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Darmstadt: Sanierter Orgelsaal im Schloss

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Die feierliche Eröffnung des Orgelsaals erfolgte mit einem Eröffnungskonzert im Residenzschloss in Darmstadt.
Die feierliche Eröffnung des Orgelsaals erfolgte mit einem Eröffnungskonzert im Residenzschloss in Darmstadt. © Michael Schick

Das Instrument wäre beinahe nach China geschickt worden, nun bleibt es doch in der Darmstädter Schlosskirche. Von Sebastian Weissgerber.

Mit gleich zwei Konzerten hat die TU Darmstadt am Wochenende ihre neue Orgel in der jüngst sanierten ehemaligen Schlosskirche eingeweiht. Eigentlich hätte dies auch schon vor zwei Jahren geschehen sollen, doch Corona kam dazwischen. Dafür fiel das zweite Konzert am Sonntagvormittag auf den 81. Geburtstag des Orgelstifters Joachim Wilhelmy. „Das ist für mich das größte Geschenk“, freut sich der Jubilar. Dabei hatte er das historische Instrument des bedeutenden Orgelbauers Christoph Ludwig Goll eigentlich schon einer evangelischen Gemeinde in China versprochen.

Doch von vorne. Schon mit 16 Jahren faszinierte den Pfarrersohn Wilhelmy der Aufbau ein Orgel in Leverkusen. Als dann für den Straßenausbau in der Gemeinde in Lonsingen auf der Schwäbischen Alb eine Kirche samt Orgel abgerissen werden sollte, rettete der junge Gymnasiallehrer das Instrument für 350 Mark vor dem Schrottplatz. Zunächst im Partyschuppen, später sogar im eigens angepassten Wohnzimmer des neu gebauten Eigenheims, musizierte daran Wilhelmys Ehefrau. „Ich kann gar nicht spielen“, erklärt Wilhelmy. „Ich bin nur der Mechanicus, der Bastler.“

Tatsächlich hielt er die komplexe Maschine nicht nur in Schuss, sondern erweiterte sie sogar um einen zweiten Pfeifenkasten, ein sogenanntes Positiv, mit selbst gebauten Flöten aus Holz und Plastik sowie professionell gefertigten aus Metall. So konnte seine Frau auch mehrstimmige Bachwerke spielen, für die eben zwei Manuale gebraucht werden. Da die Wilhelmys keine Kinder haben und das Haus an die Wohlfahrt gehen soll, beschloss Wilhelmy nach dem Tod seiner Frau, die Orgel zu verschenken. Als TU-Kanzler Manfred Efinger, ein ehemaliger Schüler und lebenslanger Freund Wilhelmys, davon erfuhr, war diese aber leider schon so gut wie auf dem Weg nach China – und Wilhelmy viel zu anständig, um die Schenkung aufzulösen. Schließlich war es der Vermittler der chinesischen Gemeinde, der darauf bestand, das historische Goll-Manufakt würde im Darmstädter Residenzschloss den würdigeren Ort finden.

Fast gescheitert wäre der Umzug dann jedoch an einem Gutachter, der die eigenwillige Konstruktion als völlig ungeeignet betrachtete. Tatsächlich ist das alte frühromantische Goll-Hauptwerk mit der zur Industrialisierung aufgekommenen Kegellade und dem jüngeren barock angehauchten Positiv mit heutzutage wieder üblicher Schleiflade eine ungewöhnliche Kombination mit schwierigem Spielgefühl. Efinger ließ sich jedoch von seiner Herzensangelegenheit, bei der Sanierung der Schlosskirche auch wieder eine Orgel einzubauen, die der 1944 zerstörten möglichst nahe kommt, nicht abbringen. Ein anderer Sachverständiger bescheinigte der Konfusion kurzerhand Einzigartigkeit und lobte die Erhaltung der wertvollen und mittlerweile auch seltenen Arbeit von Goll durch Wilhelmy als beeindruckende Leistung mit viel Geschick und Erfindergeist.

Dennoch musste die Konstruktion vor dem Aufbau in Darmstadt grundlegend und fachgerecht saniert werden. Mehr als 110 000 Euro ließ sich die Universität dafür von 300 Darmstädter Menschen spenden, die am Wochenende zur Eröffnung eingeladen waren. Stiftungen, Vereine und Unternehmen verdoppelten den Betrag um etwas mehr als auf die veranschlagten 220 000 Euro. Da eine Orgel immer nur zusammen mit ihrem Raum funktioniert, wurde auch die Sanierung des Saals ganz auf die richtige Akustik ausgerichtet. So wirken etwa die schrägen Abschlüsse der Empore als Diffusor gegen Flatterechos und ihre Oberflächen lassen sich sogar für einzelne Konzerte mit anderen Bedürfnissen austauschen.

Die ehemalige Kirche, die seit dem Wiederaufbau des Schlosses nur noch als Lagerraum und Magazin der Hochschulbibliothek diente, bleibt auch in Zukunft ein weltlicher Ort. Neben öffentlichen Konzerten und Kulturveranstaltung können ihn die Bürger:innen für private Feiern mieten.

Otto Maria Krämer betätigte sich als Organist an der restaurierten Goll-Orgel.
Otto Maria Krämer betätigte sich als Organist an der restaurierten Goll-Orgel. © Michael Schick

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