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Darmstadt: Prozessauftakt nach Giftanschlag in Gebäude der TU

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Von: Jens Joachim

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In diesem Gebäude des Fachbereichs Materialwissenschaften auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt wurde der Giftanschlag im August 2021 verübt.
In diesem Gebäude des Fachbereichs Materialwissenschaften auf dem Campus Lichtwiese der TU Darmstadt wurde der Giftanschlag im August 2021 verübt. © Jens Joachim

Eine 33-jährige Studentin soll an der TU Darmstadt Lebensmittel mit Chemikalien versetzt haben. Die Staatsanwaltschaft fordert, die Beschuldigte wegen einer paranoiden Schizophrenie in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen.

Etwas mehr als 14 Monate nach dem Giftanschlag auf Angehörige der Technischen Universität (TU) Darmstadt hat am Dienstag vor dem Darmstädter Landgericht der Prozess gegen eine 33-jährige Mainzerin begonnen. Der Frau, die seit dem Wintersemester 2017 als Studentin am Fachbereich Materialwissenschaften der TU eingeschrieben war, wird von der Staatsanwaltschaft versuchter heimtückischer Mord vorgeworfen. Allerdings gilt die Frau als psychisch krank, es handelt sich daher um ein Sicherungsverfahren.

Zum Auftakt des Prozesses vor der 11. Strafkammer des Darmstädter Landgerichts beantragte Staatsanwalt Ansgar Martinsohn, die Beschuldigte wegen paranoider Schizophrenie in einer psychiatrischen Klinik unterzubringen. Unter dem Einfluss ihrer Erkrankung soll die 33-Jährige nach Darstellung des Staatsanwalts in der Nacht zum 23. August 2021 versucht haben, sieben Menschen im Gebäude L2|01, dem Sitz des Fachbereichs Materialwissenschaften auf dem Außencampus Lichtwiese der TU, zu vergiften.

Giftanschlag in Darmstadt: Giftmischung in Labor der TU hergestellt

Der Studentin, die sich unter dem Einfluss ihrer psychischen Erkrankung von mehreren vermeintlichen „Stalkern“ bedroht gefühlt haben will, wird von der Anklage vorgeworfen, sich an jenem Montag zwischen 2.42 Uhr und 4.25 Uhr in dem TU-Gebäude an der Alarich-Weiss-Straße aufgehalten zu haben. In einem damals leicht zugänglichen Labor in dem Unigebäude soll sie dann eine Mischung aus mehreren giftigen Chemikalien – darunter Aceton und Isopropanol – hergestellt haben.

In Teeküchen und Aufenthaltsräumen habe sie dann die Giftmischung in offene Milchtüten, Wasserbehälter und ein Glas Honig gefüllt.

Justizbedienstete warten vor dem Gerichtssaal im alten Justizgebäude auf die Beschuldigte.
Justizbedienstete warten vor dem Gerichtssaal im alten Justizgebäude auf die Beschuldigte. © dpa

Prozessauftakt nach Giftanschlag in Gebäude der TU Darmstadt

Zu Beginn des Prozesses machte die gebrechlich wirkende und zierliche Beschuldigte weder Angaben zu ihrer eigenen Person noch zu Anschuldigungen des Staatsanwalts. Während der Verhandlung behielt die Frau ihre grüne Steppjacke über ihrem grauen Kapuzenpullover an und saß fast regungslos nach vorne gebeugt auf der Vorderkante ihres Stuhls,

Eine Mordkommission des Polizeipräsidiums Südhessen, für die anfangs mehrere Dutzend Beamtinnen und Beamte tätig gewesen waren, war im vergangenen Jahr recht schnell auf die Studentin aufmerksam geworden. Anfang September 2021 wurde die Frau von der Polizei in eine psychiatrische Klinik in Darmstadt gebracht. Einen Monat später sei sie dann in das Mainzer Universitätsklinikum verlegt worden, berichtete ein Oberarzt der Darmstädter Klinik im Gerichtssaal.

Giftanschlag in Darmstadt: Beschuldigte trug Mütze mit Kupfer- und Aluschicht

Der Arzt sagte aus, er habe bei der Frau, die auf ihn „sehr bizarr“ und ungepflegt gewirkt habe, eine Psychose diagnostiziert. So habe sie etwa eine Mütze mit sich geführt, in die eine Kupferschicht und eine Aluminiumfolie eingelegt worden seien, berichtete der Psychiater. Die Frau habe auch von Beeinflussungstechniken gesprochen, über die Stimmen in ihren Kopf gelangen würden. Aus psychiatrischer Sicht seien dies akustische Halluzinationen, paranoide Ideen und Wahnvorstellungen gewesen, die die Frau geäußert habe, sagte der Oberarzt.

Mehrere Zeuginnen und Zeugen berichteten, sie hätten sich in den Teeküchen und Aufenthaltsräumen des TU-Gebäudes Kaffee oder Tee zubereitet und teilweise auch zu sich genommen. Kurz vor dem Konsum hätten sie den Geruch von Lösungsmitteln wahrgenommen und die Getränke auch weggekippt. „Wir sind nicht davon ausgegangen, dass wir einem Verbrechen zum Opfer fallen“, sagte ein Zeuge. Eine Frau sagte auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Volker Wagner aus, sie habe eher einen unzufriedenen Doktoranden als möglichen Täter verdächtigt.

Die Anwälte Björn Seelbach (r.) und Christian Kunath haben zu Beginn des Sicherungsverfahrens gegen eine 33-Jährige Frau aus Mainz im Gerichtssaal des Landgerichts Platz genommen.
Die Anwälte Björn Seelbach (r.) und Christian Kunath haben zu Beginn des Sicherungsverfahrens gegen eine 33-Jährige Frau aus Mainz im Gerichtssaal des Landgerichts Platz genommen. © dpa

Nach Giftanschlag: Landgericht Darmstadt hat rund 150 Personen geladen

Nach dem Konsum der vergifteten Lebensmittel bekamen einige der TU-Angehörigen gesundheitliche Probleme bis hin zu Vergiftungserscheinungen. Ein 30-Jähriger schwebte kurzzeitig sogar in Lebensgefahr. Zeugen berichteten am Dienstag von Herzrasen und Taubheitsgefühlen an Armen und Beinen sowie von Verfärbungen der Haut.

Für das Verfahren sind rund 150 Personen geladen, darunter Zeuginnen und Zeugen sowie Sachverständige. Vorerst wurden von der Schwurgerichtskammer 16 Verhandlungstage bis zum 6. Februar 2023 angesetzt.

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