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Darmstadt: Prozess nach Fehlgeburt im Linienbus

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Von: Jens Joachim

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An dieser Haltestelle in der Nähe des Darmstädter Klinikums (im Hintergrund) stieg die Schwangere in Begleitung von zwei hilfsbereiten Frauen aus.
An dieser Haltestelle in der Nähe des Darmstädter Klinikums (im Hintergrund) stieg die Schwangere in Begleitung von zwei hilfsbereiten Frauen aus. © Jens Joachim

Das Darmstädter Amtsgericht hat einen Busfahrer vom Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung freigesprochen. Eine Schwangere hatte um Hilfe gebeten und sich im Stich gelassen gefühlt.

Ich habe mein Kind verloren, die erbetene Hilfe nicht bekommen und mich nicht als Mensch wahrgenommen gefühlt.“ Es sind harte Worte, die eine zweifache Mutter am Montagvormittag im Saal 5 des Darmstädter Justizgebäudes unaufgeregt ausspricht.

Den Blick auf Amtsrichterin Ute Trautmann gerichtet, schildert die in Darmstadt-Eberstadt wohnende 35-Jährige ruhig und ohne Belastungseifer, welche für sie dramatischen Szenen sich am 31. Juli vorigen Jahres in einem Bus der Linie L zugetragen haben.

Darmstadt: Blutende Schwangere bittet Busfahrer um Hilfe

Die Frau berichtet, dass sie im Sommer vergangenen Jahres schwanger gewesen sei und an jenem Abend Unterleibsschmerzen bekommen habe. Daraufhin sei sie mit der Straßenbahn von Eberstadt bis zum Luisenplatz gefahren und sei dort in einen Bus eingestiegen, um zum städtischen Klinikum weiterzufahren.

Auf der Fahrt in Richtung Willy-Brandt-Platz habe sie bemerkt, dass sie stark blute. Einem ihr gegenübersitzenden Fahrgast habe sie ihre Notlage geschildert und ihn gebeten, dem Busfahrer zu sagen, er möge die Klinik verständigen. Als der Fahrgast beim Fahrer gestanden habe, hätten beide Männer gelacht, und der Fahrer soll geäußert haben, er kenne die Frau, sie sei „verwirrt“. Hier gehe es aber „nicht zur Irrenanstalt“.

Darmstadt: Fehlgeburt im Bus auf der Fahrt ins Klinikum

Die Frau schildert am Montag vor Gericht, dass sie „total unter Schock gestanden“ habe. Zwei Frauen, die am Willy-Brandt-Platz eingestiegen seien, seien dann an der nächsten Haltestelle am Klinikum mit ihr ausgestiegen und hätten sie zur Notaufnahme begleitet.

Laut dem Ambulanzbrief der Frauenklinik, den die Richterin später vorliest, war die Frau in der neunten Woche schwanger, als sie die Fehlgeburt erlitt.

Darmstadt: Busfahrer wegen unterlassener Hilfeleistung angeklagt

Auf der Grundlage der Schilderungen, die die Frau später bei der Polizei zu Protokoll gab, klagte die Staatsanwaltschaft den Busfahrer an, sich geweigert zu haben, der Schwangeren einen Krankenwagen zu rufen.

Vor der Strafrichterin äußert der angeklagte 64-Jährige jedoch, für ihn sei „kein Notfall erkennbar“ gewesen. Die Information, dass sich eine schwangere und stark blutende Frau im Bus befinde, sei bei ihm „nicht angekommen“.

Darmstadt: Staatsanwalt fordert Geldstrafe, Anwalt Freispruch

Der gelernte Betonbauer, der seit 15 Jahren als Busfahrer tätig ist, bestreitet auf Nachfrage auch, gelacht zu haben und gegenüber der Frau abfällige Bemerkungen gemacht zu haben. Als eine Frau jedoch an der Haltestelle Klinikum laut gefordert habe, er solle nochmals die Tür öffnen, habe er dies getan.

Staatsanwalt Markus Knell hält in seinem Plädoyer dem Angeklagten vor, die Frau habe sich in einer Gefahrenlage befunden, und er hätte via Notruf Hilfe holen können. Knell fordert, den nicht vorbestraften Mann zu einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 60 Euro zu verurteilen.

Amtsrichterin in Darmstadt: Unterlassene Hilfeleistung „nicht nachweisbar“

Der Anwalt des Mannes fordert hingegen Freispruch. In seinem Schlusswort bekräftigt der 64-Jährige, für ihn sei „keine Gefahr erkennbar“ gewesen. Gleichwohl tue es ihm leid, dass die Frau ihr Kind verloren habe.

Richterin Trautmann folgt schließlich dem Plädoyer der Verteidigung, spricht den Busfahrer frei. Es sei „nicht nachweisbar“, dass er die Umstände des Unglücks erkannt habe.

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