Der beschädigte Siebenarmige Leuchter auf dem Vorplatz der Gedenkstätte Liberale Synagoge
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Der beschädigte Siebenarmige Leuchter auf dem Vorplatz der Gedenkstätte Liberale Synagoge

 Darmstadt

Darmstadt: Nach Gewalttat fordert Förderverein Überwachung der Gedenkstätte Liberale Synagoge

Die Menora, die an das 1938 zerstörte jüdische Gotteshauses auf dem Darmstädter Klinikgelände erinnert, ist schwer beschädigt worden. OB Jochen Partsch spricht von einer „verwerflichen Tat", Fördervereinsvorsitzender Martin Frenzel von einem „Akt der Barbarei“ und fordert eine Videoüberwachung.

Update vom Mittwoch, 17. Juni 2020, 22:30 Uhr: Unbekannte haben in der Nacht zum Dienstag die Menora an der Gedenkstätte Liberale Synagoge auf dem Gelände des städtischen Klinikums an der Bleichstraße in Darmstadt schwer beschädigt. Möglicherweise wurde auf das massive Edelstahlrohr, mit dem der siebenarmigen Leuchter verbunden ist, mit brachialer Gewalt eingetreten, so dass die Metallstange stark deformiert wurde. Das Kunstwerk widerstand jedoch der mutmaßlichen Gewalttat und zerbrach nicht. Die Stadt Darmstadt erstattete Anzeige bei der Polizei, hieß es am frühen Dienstagabend in einer Mitteilung.

Zum wiederholten Male sei nun ein Kunstwerk im öffentlichen Raum „Opfer eines Gewaltakts geworden“, teilte die Stadt mit. Und abermals hätten die Täter auch vor einem sakralen Objekt nicht zurückgeschreckt. „Die Rohheit, mit der hier vorgegangen wurde, macht mich traurig, aber sie fordert gleichzeitig unsere Entschlossenheit, dagegen vorzugehen“, äußerte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne). Das Kunstwerk sei „ein Zeichen des Lichts und des Friedens“. Als religiöses Sinnbild habe die Menora „höchsten Rang im jüdischen Glauben“.

Polizei in Darmstadt ermittelt und bittet um Hinweise

Eine Sprecherin des Polizeipräsidiums Südhessen sagte auf Anfrage am Mittwochnachmittag, ermittelt werde wegen des Verdachts der Sachbeschädigung. Auch der Staatsschutz sei in die Ermittlungen eingebunden. Es gebe zudem keine Hinweise darauf, dass die Reifenspuren, die auf der Grünfläche zu sehen sind, auf der auch die Menora steht, mit der Beschädigung im Zusammenhang stünden. Die Reifenabdrücke seien wohl älteren Datums. Die Polizei stehe erst am Anfang der Ermittlungen und bitte um Hinweise unter der Telefonnummer 06151/969-0.

Förderverein verurteilt Beschädigung als „Akt der Barbarei“

Der Förderverein Liberale Synagoge bezeichnete die Beschädigung an dem Kunstwerk am Eingang der Gedenkstätte als „Anschlag“. Vereinsvorsitzender Martin Frenzel sprach von einem „Akt der Barbarei und der Verwüstung“ und einer „Schande für unsere Stadt“. Er forderte zugleich, an der Gedenkstätte Überwachungskameras zu installieren.

Siebenarmiger Leuchter erinnert an Zerstörung der Synagoge

Am früheren Standort der am 9. November 1938 von den Nazis geschändeten und zerstörten Synagoge steht der Leuchter zur Mahnung. Das Kunstwerk macht auf den Ort der Zerstörung eines Gotteshauses aufmerksam und leitet hinüber zur Gedenkstätte, die an die Zerstörung erinnert. „Wer sich daran vergreift, setzt sich über das hinweg, was unsere Gesellschaft zusammenhält: Respekt, Toleranz, Anerkennung und Achtung der eigenen Geschichte. Diese Tat ist verwerflich“, äußerte Oberbürgermeister Patsch.  

Das Kunstwerk, das die Menora, den siebenarmigen Leuchter der jüdischen Liturgie, darstellt, wurde vom Darmstädter Grafiker Helmut Lortz entworfen, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre und an den derzeit mehrere Ausstellungen in der Stadt erinnern. Der Leuchter ist 2,50 Meter hoch, aus Edelstahlrohr gefertigt. An der Unterhalb des Leuchters ist in das Kunstwerk ein Davidsstern integriert worden. 

„Denkmal dient der mahnenden Erinnerung“

An dem Kunstwerk sind zudem zwei Schrifttafeln von Fritz Haußmann angebracht, auf denen in deutscher und hebräischer Sprache zu lesen ist „Hier stand die 1876 erbaute Synagoge der Jüdischen Gemeinde Darmstadt. Sie wurde am 9. November 1938 von frevelnder Hand niedergebrannt und zerstört. Dieses Denkmal dient der mahnenden Erinnerung. Die Stadt Darmstadt 1967“. Damals wurde das Kunstwerk in einer Grünanlage des Klinikums aufgestellt.

Am 9. November 2009, zur Einweihung der Gedenkstätte Liberale Synagoge, erhielt der markante Leuchter einen neuen Standort auf dem Vorplatz der Gedenkstätte, der seit 2011 den Namen „Julius-Landsberger-Platz“ trägt. Landsberger war von 1859 bis 1889 Großherzoglicher Landesrabbiner der Provinz Starkenburg in Darmstadt.

In Darmstadt wurden mehrere Kunstwerke zerstört oder gestohlen

In den vergangenen Jahren sind mehrfach Kunstwerke, die in Darmstadt öffentlich und frei zugänglich aufgestellt worden sind, zerstört oder gestohlen worden – so unter anderem Ende 2017 die Bronzereliefs des Mahnmals für die Opfer der Brandnacht auf dem Waldfriedhof und Anfang April dieses Jahres der Kopf des Luise-Büchner-Denkmals in der Nähe des Justus-Liebig-Hauses.

Gedenkstätte Liberale Synagoge besteht seit 2009

Die Gedenkstätte Liberale Synagoge auf dem Darmstädter Klinikgelände besteht seit mehr als zehn Jahren. Die eindrucksvolle Synagoge galt einst als eine Zierde der Stadt und ihre vier Türme überragten die Dächer Darmstadts. Doch von der einst prächtig ausgestatteten und 1876 eingeweihten Liberalen Synagoge an der Friedrichstraße, die – wie das orthodoxe jüdische Gotteshaus an der Bleichstraße und die Synagoge im Stadtteil Eberstadt – am 9. November 1938 von SA-Leuten zerstört und angezündet wurde, sind nur noch einige Grundmauern übriggeblieben.

Fast 40 Jahre lang erinnerte nur die Menora an die Synagoge

Und selbst diese Überreste der Darmstädter Liberalen Synagoge wären fast zerstört worden. Es dauerte 65 Jahre, ehe sie im Oktober 2003 „auf scheinbar wundersame und doch nicht zufällige Weise bei den Bauarbeiten fürs neue Klinikumsgebäude wiederauftauchten“, wie Martin Frenzel in seinem Vorwort zu dem von ihm herausgegebenen Band „‚Eine Zierde unserer Stadt‘: Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Liberalen Synagoge Darmstadt“ schreibt. Fast 40 Jahre lang, so Frenzel, der auch Vorsitzender des Fördervereins Liberale Synagoge Darmstadt ist, habe es vor Ort nur die Lortzsche Edelstahlkonstruktion der Menora gegeben.    

Überreste des jüdischen Gotteshauses wurden geborgen und konserviert

Dem hartnäckigen Einsatz einer kleinen Schar von Darmstädter Bürgern christlichen und jüdischen Glaubens sowie dem früheren Oberbürgermeister Peter Benz (SPD) war es schließlich zu verdanken, dass die Funde der zerstörten Synagoge gegen erheblichen Widerstand schließlich geborgen, restauriert und konserviert wurden. Nach jahrelangem zähen Ringen konnte vor mehr als zehneinhalb Jahren die Gedenkstätte auf dem Klinikgelände eröffnet werden.

Beschädigung der Menora „eine Schande für unsere Stadt“

Der Förderverein Liberale Synagoge hat den Vandalismus an der vom Darmstädter Künstler Helmut Lortz geschaffenen Menora am Eingang der Gedenkstätte Liberale Synagoge als „Anschlag“ bezeichnet. Fördervereinsvorsitzender Martin Frenzel verurteilte in einer Mitteilung die Sachbeschädigung als „Akt der Barbarei und der Verwüstung“ und sprach von einer „Schande für unsere Stadt“ scharf verurteilt. „Wir sind zutiefst erschüttert über diesen barbarischen Zerstörungsakt gegen die Menora der Liberalen Synagoge und verurteilen diesen Akt der Barbarei gegen die Erinnerungskultur unserer Stadt aufs Schärfste“, äußerte Martin Frenzel, der Vorsitzende des Fördervereins, in einer Mitteilung. Diese Tat sei „eine Schande für unsere Stadt“, die einst eine nationalsozialistische Hochburg gewesen sei. 

Siebenarmiger Leuchter ein kostbares „Wegzeichen der Demokratie“

Der Förderverein erinnert daran, dass der siebenarmige Leuchter 1967 als ein wichtiges Symbol für die 1938 von den Nazis vernichtete Liberale Synagoge eingeweiht worden sei, zu einer Zeit, als die Überreste des jüdischen Gotteshauses noch unerkannt tief unter der Erde weilten. Bis Oktober 2003, als scheinbar zufällig bei der Erweiterung des städtischen Klinikums die Fragmente des Sakralbaus wiederaufgetaucht seien, sei das von Lortz geschaffene Kunstwerk „das einzige Momentum“ gewesen, das an die ehemalige Liberale Synagoge erinnert habe, so Frenzel. Die Menora sei vom früheren Oberbürgermeister Ludwig Engel (SPD) auch als „kostbares ‚Wegzeichen der Demokratie“ gewürdigt worden und habe bei Erinnerungstagen als Treffpunkt gedient.

Kunstwerk von Helmut Lortz stand an der falschen Stelle

Lange Zeit, so Frenzel, habe jedoch das Kunstwerk an der falschen Stelle gestanden. Erst seit dem Herbst 2003 stehe das Kunstwerk am richtigen Standort der ehemaligen Liberalen Synagoge an der Ecke der Friedrich- und der Fuchsstraße. Dass ausgerechnet im Jahr des 100. Geburtstags des im Jahr 2007 verstorbenen Künstlers Helmut und 75 Jahre nach der Befreiung von der NS-Diktatur dieses symbolische Kunstwerk demoliert werde, sei „besonders verwerflich“.

Förderverein fordert Überwachungskameras an Gedenkstätte

Der Förderverein hat nach den Worten Frenzels im Jahr 2011 die Benennung des Julius Landsberger-Platzes in unmittelbarer Nähe der Menora initiiert und dort 2013 mit Bürgerspenden zwei Gedenktafeln zu Ehren des ersten Thora-Gelehrten und Großherzoglichen Rabbiners Dr. Julius Landsberger anbringen lassen. Frenzel fordert nun, es sei „nötig, die Gedenkstätte künftig mit Hilfe von Überwachungskameras besser vor Anschlägen dieser Art zu schützen“.

Gedenktafeln zur Erinnerung an jüdische Mitbürger beschmiert

Frenzel erinnert zudem daran, dass bereits vor Ausbruch der Corona-Pandemie zwei Gedenktafeln des Fördervereins - eine Tafel im Wolfskehlschen Garten in Bessungen und eine Tafel an der Johanneskirche zur Erinnerung an Heinrich Blumenthal, den Gründer des Darmstädter Johannesviertels und ersten Gemeindevorsteher der Liberalen Jüdischen Gemeinde, beschmiert und verunstaltet worden seien. Und weiter äußerte Frenzel: „Wir wollen mit unserem erinnerungskulturellen Engagement ein Zeichen gegen Antisemitismus und Intoleranz, für ein weltoffenes, liberales und geschichtsbewusstes Darmstadt setzen.“ Dies sei nach den Anschlägen von Halle und Hanau und dem Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke-Mord notwendiger denn je.

Rundgang „Jüdisches Darmstadt“ am Sonntag

Der Förderverein Liberale Synagoge organisiert angesichts Anschlags auf die Menora der Gedenkstätte Liberale Synagoge und 75 Jahre nach der Befreiung von der Nazi-Diktatur am kommenden Sonntag, 21. Juni, von 14.30 Uhr an, erstmals nach der dreimonatigen Zwangspause wieder einen Rundgang „Jüdisches Darmstadt - Auf den Spuren der Liberale Synagoge“.

Wegen der Corona-Pandemie bittet der Förderverein um vorherige schriftliche Anmeldung zur Rundführung bis Samstag, 20. Juni, unter der E-Mail-Adresse martin.frenzel@liberale-synagoge-darmstadt.de. Das Tragen eines Mund-und-Nasen-Schutzes und das Einhalten von eineinhalb Metern Mindestabstand ist beim Rundgang verpflichtend. Teilnehmende des Rundgangs werden gebeten, selbst einen Mund- und Nasenschutz mitzubringen.

 

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