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Hinter den Mauern des Staatstheaters am Darmstädter Georg-Büchner-Platz kriselt es kräftig.

Staatstheater Darmstadt

Führungskrise im Staatstheater Darmstadt

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Hinter den Kulissen des Staatstheaters tobt eine Führungskrise. Der Stellvertreter von Intendant Wiegand soll suspendiert worden sein.

Wenn an diesem Donnerstagabend das Stück „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ von Theresia Walser wieder in das Programm des Staatstheaters Darmstadt aufgenommen wird, dann geht es um das Thema „Ich, Ich, Ich“. In Walsers Stück treffen drei Gattinnen ehemaliger Diktatoren bei einer Pressekonferenz aufeinander, um über die geplante Verfilmung ihres Lebens zu sprechen. Doch nach einem anfänglichen Geplauder geraten mit der Zeit Frau Imelda, Frau Leila und Frau Margot zunehmend aneinander, so dass ein Dolmetscher verzweifelt darum bemüht ist, „mit allerlei Übersetzungstricks ein kulturelles und diplomatisches Desaster zu verhindern“, wie es in einer Ankündigung des Theaters zu dem Stück heißt.

Ein Desaster ganz anderer Art soll derzeit hinter den Kulissen des Staatstheaters verhindert werden. Es geht nicht minder um den Ruf des Hauses am Georg-Büchner-Platz. Das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst hat in den vergangenen Monaten bereits mehrere Emissäre entsandt, um zum einen das Haus wieder wirtschaftlich auf Kurs zu bringen und zum anderen Verwerfungen, Kompetenzgerangel und Zerwürfnisse in der Theaterleitung in den Griff zu bekommen.

Doch das Personaltheater ist nun offenbar eskaliert. Nach einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) soll „dem Vernehmen nach“ Jürgen Pelz, der geschäftsführende Direktor und Stellvertreter des Intendanten

Karsten Wiegand, in der vorigen Woche vom Dienst freigestellt worden sein. Darüber hinaus soll Pelz, der 2010 vom Pfalztheater Kaiserslautern nach Darmstadt gewechselt war, verboten worden sein, das Theater zu betreten. Volker Schmidt, der Sprecher des Ministeriums für Wissenschaft und Kunst, sagte dazu auf Anfrage, aus personalrechtlicher Sicht könne er dazu nicht Stellung nehmen.

Pelz, der nach eigenen Angaben seit Mitte August krankgeschrieben sein soll, sagte der „FAZ“, er weise die Vorwürfe zurück, er habe seine Aufgaben nicht ordnungsgemäß erfüllt. Der Verwaltungswirt will sich auch mit juristischen Mitteln gegen die seines Erachtens verfälschte Darstellung seiner Amtsführung wehren. Er weigere sich auch, ein „Bauernopfer“ zu sein. Nachdem er mehrfach dem Ministerium berichtet habe, die Abläufe im Theater seien massiv gestört, es aber keine Besserungen gegeben habe, will er intern Position gegen Wiegand bezogen und auch Personen unterstützt haben, die offen Probleme angesprochen hätten. Damit sei er auf „Wiegands Feindesliste“ gekommen, sagte Pelz der „FAZ“.

Erst Mitte Oktober war bekannt geworden, dass dem Staatstheater Darmstadt in diesem Jahr ein Defizit droht. Prognosen hatten offenbar schon im September ergeben, dass das Budget des Hauses, das vom Land Hessen und der Stadt Darmstadt finanziert wird, bis zum Ende des Jahres einen Fehlbetrag von rund einer Million Euro ausweisen könnte. Aus diesem Grund wurde eine interne Haushaltssperre erlassen.

Laut Ministeriumssprecher Schmidt gab es allerdings schon zuvor „Hinweise auf Schwierigkeiten in der Verwaltung, insbesondere im Controlling“. Um diese „finanziellen Risiken“ in den Griff zu bekommen, sei bereits im März ein Fachmann aus dem Staatstheater Kassel nach Darmstadt entsandt worden, um die Theaterverwaltung bei der Analyse des Defizits sowie bei der Verbesserung der verwaltungsinternen Abläufe zu unterstützen.

Von Dezember an soll nun zudem ein Wirtschaftsprüfer zum Einsatz kommen, um die Vorgänge zu analysieren und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Weiterhin seien vakante Stellen im Bereich der Buchhaltung und im Controlling neu besetzt worden und für den Bereich Baumanagement liefen derzeit entsprechende Ausschreibungen. Technische Hilfestellungen, darunter neu eingeführte Prognosehilfsmittel im Bereich der Personalkosten, trügen ebenfalls zur Konsolidierung der Situation bei, sagte Schmidt.

Darauf, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Intendanten und seinem Stellvertreter schon seit Längerem nicht reibungslos verlief, deutet auch eine weitere Auskunft des Ministeriumssprechers hin, der mitteilte, dass bereits Ende 2018 ein externer Berater eingesetzt worden sei, um die Kommunikation innerhalb der Bühnenleitung zu verbessern. Die künstlerische Vorausplanung habe sich seitdem „erheblich verbessert und konsolidiert“. Öffentlich ausgetragene Konflikte und Schuldzuweisungen, so Schmidt, „tragen hingegen sicher nicht dazu bei, die Funktionalität des Staatstheaters sicherzustellen“.

Es bleibt abzuwarten, ob es künftig nur in den Kammerspielen des Staatstheaters um das Thema „Ich, Ich, Ich“ gehen wird.

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