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Ausstellungsmacher Holger Köhn, Christian Hahn und Peter Oliver Loew (von links).

Ausstellung

Polnische Lebenswege in Hessen

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Erstmals zeichnet eine Ausstellung die Geschichte polnischer Migranten im Rhein-Main-Gebiet nach. Sie ist in Darmstadt zu sehen.

Als Pole kann man alles, in Deutschland braucht man einen Fachwerker, um einen Herd anzuschließen“. „Ich bin Deutscher, weil ich pünktlich sein will, aber ich bin Pole, weil ich immer zu spät komme.“ Solche und andere Antworten, Anekdoten und Einschätzungen haben Holger Köhn und Christian Hahn vom Büro für Erinnerungskultur in Babenhausen in Gesprächen mit zahlreichen Leuten polnischer Herkunft gesammelt. Sie fragten, was typisch polnisch oder typisch deutsch ist, wo die Menschen sich heimisch fühlen und wie ihr Leben verlaufen ist – oder das ihrer Vorfahren.

Mit einer solchen Kiste kamen Auswanderer wie Herr Wodniok mit ihrem Hausstand an.

All diese Eindrücke sind in die Ausstellung „Lebenspfade – Polnische Spuren im Rhein-Main-Gebiet“ eingeflossen, die seit Donnerstag im Haus der Geschichte in Darmstadt zu sehen ist. Auf Initiative des Deutschen Polen-Instituts widmet sich damit zum ersten Mal eine Ausstellung den aus Polen zugewanderten Menschen im Rhein-Main-Gebiet. Die Schau präsentiert auf zahlreichen Tafeln die Lebensgeschichten von mehr als 50 Polen. Spieler des einzigen polnischen Fußballklubs Polonia Wiesbaden sind ebenso vertreten wie die Frankfurter Kinderärztin und Begründerin der Polenhilfe, Krystyna Graef, oder die polnisch-stämmige Gräfin Sophie Kisseleff, eine der bekanntesten Spielbankbesucherinnen Bad Homburgs und vermutlich die Vorlage für die spielsüchtige Babuschka in Dostojewskis „Der Spieler“.

Unterteilt ist die Ausstellung in verschiedene Themenblöcke wie Zwangsarbeit, Kirche, Darstellende Kunst, Wissenschaft oder Nachkommen. Eine dieser Nachkommen ist die Ober-Ramstädter Abiturientin Sandra Mowschowitz, deren Großvater Abraham als Jude in mehreren Konzentrationslagern inhaftiert war. Mit seiner Familie hatte er zu Lebzeiten nie darüber gesprochen. Sie hat nach ihm geforscht, und ihre Ergebnisse sind Teil der Ausstellung geworden. Neben den Texttafeln gibt es Video- und Audiostationen, auf denen zum Beispiel Zeugenaussagen des ersten Frankfurter Auschwitzprozess laufen. „Das ist aber harter Tobak“, warnt Institutssprecher Andrzej Kaluza. In Schaukästen sind außerdem private Leihgaben wie Schallplatten, Reisekoffer oder Transportkisten zu sehen.

150 000 bis 180 000 Polnischstämmige leben laut Polen-Institut zwischen Wiesbaden und Hanau, Heppenheim und Bad Nauheim. Genau könne man das nicht sagen, erklärt Kaluza. Es gebe keine Statistik über die, die einen deutschen Pass hätten, manche würden sich auch nicht als Polen fühlen. „Wirklich präsent sind sie nicht. Dabei handelt es sich um Deutschlands zweitgrößte Zuwanderungsgruppe“, schreibt Peter Oliver Loew, stellvertretender Direktor des Polen-Instituts und Autor der Ausstellung in seinem Begleitbuch zur Schau.

Die Rhein-Main-Region war im Gegensatz zum Ruhrgebiet oder den Großstädten im Norden und Osten Deutschlands lange Zeit kein Anziehungspunkt für Polen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts besuchten betuchte polnische Gäste Kurorte wie Wiesbaden, Bad Nauheim oder Bad Homburg. Im Zweiten Weltkrieg gelangten Zehntausende polnische Zwangsarbeiter in die Region. Viele von ihnen starben. Manch Überlebender blieb hier. Bezeichnet wurden sie als „Displaced Persons“.

Mit der Ausstellung wird Kulturgut generiert“, sagt Johannes Kistenich-Zerfaß, Leiter des Hessischen Staatsarchivs, das an dem Projekt mitwirkte. Es gehe weniger darum Archivgut zu zeigen, sondern darum, neue Quellen ins Archiv aufzunehmen.

Das Programm im Überblick

Polnische Musik: Gespräch über Menschen und Geschichten mit einigen Tönen: Donnerstag, 21. März, 18 Uhr.

Polenlese – Leopold Tyrmand: Filip.Lesung aus dem Frankfurt-Roman des rebellischen Autors am Sonntag, 7. April, 17 Uhr, Deutsches Polen-Institut.

Verschlungenedeutsche und polnische Lebenspfade? Präsentation des Schulprojekts zur Ausstellung, Donnerstag, 2.Mai, 18 Uhr, Haus der Geschichte.

Andrzej Klamt: Die geteilte Klasse.Filmvorführung und Gespräch mit dem Regisseur, Sonntag, 4. Mai, Rexkino.

Nächste kostenlose Führungen: Samstag, 16. März, 14 und 16 Uhr, Sonntag, 17. März, 15 Uhr. Führungen auf Anfrage an loew@dpi-da.de. Kostenlose Gruppenführungen von Schülern unter harald.hoeflein@stad.hessen.de.

Zu sehen ist die Schaubis 5. Mai im Haus der Geschichte, Karolinenplatz 3., Mo 11 bis 19 Uhr, Di bis Fr 11 bis 17 Uhr, Wochenende 16./17. März 11 bis 18 Uhr und So 5. Mai 11 bis 18 Uhr.

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