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Ein „Ghostbike“ erinnert bis heute an die Getötete.

Justiz

Langsam, aber nicht mit Schritt-Tempo abgebogen

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Der Fahrer eines Sattelzugs übersieht beim Abbiegen eine Radlerin, die überrollt wird. Der Brummilenker wird in Darmstadt wegen fahrlässiger Tötung verurteilt und verwarnt.

Ich kann nichts rückgängig machen, aber es tut mir wahnsinnig leid, was geschehen ist.“ Ein 55-jähriger Mann aus Schweinfurt hat am Donnerstag im Saal 7 des Darmstädter Amtsgerichts mit den Tränen gekämpft, als er sich in seinem Schlusswort an die Vertreterin der Nebenklage wandte, um sich bei den Hinterbliebenen einer 38-jährigen Radfahrerin zu entschuldigen, die er am 28. November 2017 mit einem von ihm gesteuerten Sattelzug getötet hat. Der Mann hatte an jenem Morgen beim Abbiegen von der Bismarckstraße in die Kasinostraße die auf einem Radweg von hinten kommende Radlerin übersehen und sie überfahren. Die dreifache Mutter war sofort tot.

Der 55-Jährige, der auch nach einer Rehabilitation nicht mehr als Berufskraftfahrer arbeiten kann, wurde am Donnerstag von Strafrichterin Laura Gorges wegen fahrlässiger Tötung schuldig gesprochen. Die Richterin verwarnte den Mann und setzte die angedrohte Strafe von 90 Tagessätzen à 15 Euro zur Bewährung aus. Die Bewährungszeit beträgt zwei Jahre. Der Mann muss allerdings 400 Euro an die Verkehrsunfallopferhilfe zahlen.

Die Beweisaufnahme mit der Vernehmung etlicher Zeugen ergab am Donnerstag, dass der Fahrer des Sattelzugs auf der Bismarckstraße zunächst an einer roten Ampel angehalten hatte. Kurz vor dem Abbiegen nach rechts, so berichtete der 55-Jährige vor Gericht, habe er einen Rettungswagen bemerkt, der mit eingeschaltetem Blaulicht und Martinshorn die Bismarckstraße aus Richtung des Willy-Brandt-Platzes in Richtung Kasinostraße gekommen sei. Als der Krankenwagen dann jedoch zuvor auf das in der Nähe befindliche Gelände des Darmstädter Klinikums abgebogen sei, habe auch er seinen Abbiegevorgang in die Kasinostraße fortgesetzt. Die offenbar von hinten herannahende Radfahrerin, die geradeaus radeln wollte, habe er jedoch „nicht gesehen“, obwohl er regelmäßig in den Außenspiegel geschaut habe, sagte der Mann.

Nach Einschätzung des Sachverständigen Ralf Krüger hätte der Lastwagenfahrer die Radlerin etwa zehn Sekunden in seinem Außenspiegel sehen können, als sie sich auf dem Radweg von hinten dem Sattelzug näherte. Ein Zeuge berichtete, die Frau habe geschimpft, als ihr der Lastwagen in die Quere gekommen sei. Die Frau wurde dann von der Zugmaschine erfasst, stürzte und wurde überrollt. Nach Einschätzung des Gutachters wäre der Unfall vermeidbar gewesen, wenn der Fahrer des Sattelzugs noch vorsichtiger und nur mit Schrittgeschwindigkeit in die Straße eingebogen wäre. Die vom Fahrtenschreiber aufgezeichneten 17 Stundenkilometer seien noch immer zu schnell gewesen, warf auch die Richterin dem geständigen und reuigen Angeklagten vor.

Auch Staatsanwalt Ansgar Martinsohn stufte den „Grad des Verschuldens“ als „eher gering“ ein. Er forderte, den Angeklagten wegen fahrlässiger Tötung zu 90 Tagessätzen à 15 Euro zu verurteilen. Die Anwältin der Hinterbliebenen stellte keinen konkreten Strafantrag, verlas aber einen Brief des Witwers, der dafür plädierte, generell Abbiegeassistenten an Lastwagen einzubauen, Radfahrern an Ampeln früher Grünlicht zu gewähren und an Kreuzungen Aufstellflächen für Radler zu schaffen.

Der Anwalt des Angeklagten plädierte auf Freispruch, stimmte der Verwarnung dann aber zu.

An der Kreuzung und einer weiteren auf der Bismarckstraße, wo ein paar Tage zuvor ein Radler auch von einem Lastwagen erfasst wurde und ums Leben kam, hat die Stadt inzwischen runde Spiegel installiert, damit Lastwagenfahrer dort sehen können, was neben und hinter ihnen auf dem Radweg passiert.

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