+
Der tanzende Architekt: Ernst May (gespielt von Mathias Znidarec) und Ensemblemitglieder treten auch im Untergrund auf.

Darmstadt - Kranichstein

Kranichstein präsentiert sich kreativ

  • schließen

Das Staatstheater Darmstadt  inszeniert ein Stationentheaterstück mitten im Stadtteil.  

Wie kann man einen Stadtteil wie Kranichstein, der auf den ersten Blick von seinen wuchtigen und monströs wirkenden mehrgeschossigen Hochhäusern fast schon erschlagen wird, angemessen repräsentieren? Dieser Frage hat sich der Regisseur und Autor Volker Schmidt gestellt, als er vor etwa einem Jahr damit begann, einen „Theatralen Stadtteilspaziergang“ durch das vor einem halben Jahrhundert erbaute Stadtquartier zu entwickeln, in dem inzwischen 12 000 Menschen aus mehr als 70 Nationen leben.

In einem mehrmonatigen Rechercheprozess setzte sich Schmidt gemeinsam mit Bewohnern aus Kranichstein mit deren Lebenserfahrungen im Stadtteil auseinander. Die Erzählungen und Geschichten verwoben der Regisseur und sein Team dann mit der Historie des „Waldsatelliten“, der Ende der 1960er Jahre nach den Plänen des renommierten Frankfurter Architekten Ernst May entstanden ist. Mays Idee war, Autos in Tiefgaragen zu verbannen und den Bewohnern von „Neu-Kranichstein“ Licht, Luft und Sonne bei gleichzeitig hoher Verdichtung im Wohnen zu bieten.

Das Staatstheater Darmstadt um Intendant Karsten Wiegand wollte mit dem Stück zudem in einem Pilotprojekt herausfinden und sich auf das Wagnis einlassen, ob und wie es gelingen kann, die Komfortzone und die geschützten Räume des Theaters am Georg-Büchner-Platz zu verlassen und mit einem Stationentheaterstück das Theaterspielen in einen Stadtteil zu verlegen, der vor etlichen Jahren noch als sozialer Brennpunkt galt. Die mit viel Applaus bedachte Premiere des Stücks am Mittwochabend hat gezeigt, dass das Pilotprojekt gelungen ist. So wurden bei verschiedenen Castings – auch auf der Straße – Schülerinnen und Schüler aus Kranichstein für das Theaterspielen gewonnen, deren Talente möglicherweise unentdeckt geblieben wären.

„Kranichstein represent (Deutschland braucht das)“, der Titel des Stücks, entstammt übrigens einer Liedzeile des Rappers Olexesh, der seine Jugend in Kranichstein verbrachte und seine Heimat zum Fundament seiner (Gangster-)Rapperkarriere machte. Das von Olexesh vermittelte Bild hat jedoch wenig mit der Lebensrealität der Menschen zu tun.

Die Schülerinnen und Schüler, der Stadtteilpolizist und die Senioren, die in dem Stück mitwirken, auch die Menschen, die Holzfliesen bemalt haben, die nun eine Bühne auf einer Wiese zieren, präsentieren jedenfalls ein anderes Kranichstein, das multikulturell, facettenreich und kreativ ist.

Weitere Rundgänge gibt es bis Ende Juni. Die nächsten beginnen Donnerstag bis Samstag, 5. bis 8. Juni, jeweils um 18.30 Uhr am Staatstheater.  Weitere Infos unter www.staatstheater-darmstadt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare