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Klimahysterie ein Generationenkonflikt? „Vater frisst Kinder“ (li.) und „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“ lauten die Bildtitel.

Darmstadt

Klimahysterie in Bilder übersetzt: „Unwort Bilder“-Ausstellung in Darmstadt startet virtuell

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Neun Fotografinnen und Fotografen beschäftigen sich mit dem diffamierenden Begriff „Klimahysterie“. Wegen der Corona-Pandemie präsentiert das TU-Kunstforum die Schau im Internet.

Außergewöhnliche Zeiten bedürfen besonderer Wege“, sagt Julia Reichelt, die Kuratorin und Leiterin des Kunstforums der Technischen Universität (TU) Darmstadt. Zum ersten Mal ist am Donnerstagabend die Foto-Ausstellung zum „Unwort des Jahres“ nicht mit vielen Menschen, Sekt und Häppchen eröffnet worden, sondern mit einer virtuellen Vernissage in einer fast menschenleeren Industriehalle.

Gut und gerne 500 Besucherinnen und Besucher hätten in der früheren Maschinenbauhalle 4 auf dem Innenstadtcampus der TU Darmstadt am Donnerstagabend Platz gefunden. Doch angesichts der Coronavirus-Pandemie wurde die klassische Eröffnung abgesagt. Gleichwohl loggten sich mehr als 100 Menschen bei Facebook ein, um den Live-Stream der virtuellen Vernissage zu erleben, die auch wegen der Improvisationsfähigkeit der anwesenden Fotografen ihren Charme hatte. Alle in der Ausstellungshalle anwesenden Akteure achteten darauf, einen ausreichenden Sicherheitsabstand zueinander einzuhalten.

Neben einem Trailer, einer dreidimensionalen filmischen Tour durch die Ausstellung und Interviews mit den neun Fotografinnen und Fotografen wurden auch Grußworte und Kurzstatements von Manfred Efinger, dem Kanzler der TU Darmstadt, Nina Janich, der Sprach- und Literaturwissenschaftlerin und Vorsitzenden der „Unwort“-Jury sowie von dem Soziologen und Sozialpsychologen Harald Welzer live gesendet.

Virtuelle Führungen durch die Ausstellung bieten die Unwortfotografinnen und -fotografen an diesem und am darauffolgenden Sonntag, 22. und 29. März, jeweils um 16 Uhr auf dem „Unwort Bilder“-Facebook-Account an. Weitere Informationen stehen im Internet unter www.unwort-bilder.de und unter www.tu-darmstadt.de/kunstforum

Welzer äußerte in seinem Gastbeitrag die Hoffnung, dass die aktuelle Corona-Pandemie zu einer „Lerngeschichte“ werden könnte. Wenn derzeit die Gesundheitspolitik als „praktische Solidarität“ der jüngeren Generation mit der älteren Generation gelebt werde, dann könnte doch künftig auch die ältere Generation in der Klimaschutzpolitik praktische Solidarität mit jüngeren Menschen und künftigen Generationen üben, forderte Welzer in seiner Videobotschaft.

Die beiden Fotografinnen Julia Essl und Rahel Welsen sowie deren Kollegen Stefan Daub, Jan Nouki Ehlers, Albrecht Haag, Jens Mangelsen, Sebastian Reimold, Jens Steingässer und Andreas Zierhut hatten sich seit der Bekanntgabe des Unworts auf Motivsuche begeben, um das diffamierend gemeinte Wort „Klimahysterie“ kreativ in neun Doppelbilder visuell zu übersetzen.

Entstanden sind etwa bewusst kitschig wirkende Kreationen wie ein Landschaftsbild mit einem Sonnenaufgang im Morgennebel und dem Heck eines Autos, Nahaufnahmen eines jungen Baums und eines Kindes oder eine visuelle Umsetzung der Beschäftigung mit der Schöpfungsgeschichte im Zeitalter des Baumsterbens. Jan Nouki Ehlers interpretiert die Klimahysterie in seinem Doppelbild als Generationenkonflikt. Für Ehlers steht auf der einen Seite die Elterngeneration, die mit ihrer Lebensweise, Profitgier und Rücksichtslosigkeit die Zukunft der nachfolgende Generationen in gewisser Weise schon aufgezehrt hat. Und auf der anderen Seite begehre die heutige Schülergeneration auf, wie einst die 68er-Generation. Seine beiden Bilder versteht Ehlers als „Analyse der Situation“, aber „nicht als ein Aufruf zur Aktion“.

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