Fehlplatzierung: Der „Tutti“-Kiosk unter dem wie eine Kolonnade gestalteten Vordach des Staatstheaters Darmstadt.  
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Fehlplatzierung: Der „Tutti“-Kiosk unter dem wie eine Kolonnade gestalteten Vordach des Staatstheaters Darmstadt.  

Darmstadt

Kiosk am Staatstheater Darmstadt wird nach Kritik wieder abgebaut

  • Jens Joachim
    vonJens Joachim
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Die „Tutti-Pop-up-Box“ am Georg-Büchner-Platz vor dem Darmstädter Staatstheater wird in diesem Sommer nicht geöffnet und künstlerisch bespielt. Architekten hatten in einem Schreiben an Staaststheater-Intendant Karsten Wiegand einen respektlosen Umgang mit der Baukultur in Darmstadt bemängelt.

Update vom Freitag, 24. Juli 2020, 14:25 Uhr: Nach einem Einspruch des Stuttgarter Architekten Arno Lederer wird das geplante Projekt „Tutti“ am Georg-Büchner-Platz vor dem Staatstheater Darmstadt in diesem Sommer nicht realisiert. Der umstrittene Kiosk, der bereits im Eingangsbau des Theaters errichtet worden war, wird nun wieder abgebaut.

Laut einer Mitteilung des Staatstheaters soll das Projekt mit der sogenannten „Tutti-Pop-up-Box“ nun erst im Frühsommer nächsten Jahres an einer anderen Stelle des Georg-Büchner-Platzes stattfinden.

Fermi tutti! Staatstheater-Architekt beharrt auf anderen Standort 

Auch während eines Treffens am vergangenen Montag beharrten Architekt Lederer und Marc Oei, der zusammen mit Lederer und Jórunn Ragnarsdóttir Geschäftsführender Gesellschafter des Stuttgarter Architekturbüros LRO ist, darauf, den bereits aufgebauten weißen Kiosk an einem anderen Standort zu platzieren. 

Eine temporäre Duldung des Bauwerks in diesem Sommer kam für die beiden Architekten offenbar aus prinzipiellen urheberrechtlichen Erwägungen nicht in Frage. Das unter dem kolonnadenartigen Theatervorbau aufgebaute weiße Häuschen entstelle „den Sinn des gesamten Entwurfs“, hatten die Stuttgarter Architekten moniert. Während etliche Bürger und auch Stadtverordnete den Einwand nicht nachvollziehen konnten, bekam der Architekt des Theaterumbaus von der Darmstädter Sektion des Bunds Deutscher Architekten unterstützende Rückendeckung.

Neuer Anlauf im Frühsommer 2021 geplant

Wegen des Konflikts mit den Architekten war die für den 10. Juli geplante Eröffnung des „Tutti“-Kiosks zunächst verschoben worden. Nun hat das Staatstheater Darmstadt angekündigt, im Frühsommer nächsten Jahres einen neuen Anlauf zu starten, um das Projekt zu realisieren. 

Während eines Gesprächs zwischen Lederer, Oei, Vertretern des Staatstheaters und des mit dem Projekt beauftragten Diese-Designstudio aus Darmstadt, habe man sich auf einen anderen Standort verständigt, heißt es in einer Mitteilung des Theaters.

Trotz „vielseitiger Unterstützung“ habe sich in den „konstruktiven Gesprächen zwischen allen Beteiligten“ jedoch schnell herauskristallisiert, dass „aufgrund der notwendigen Genehmigungen, den Corona-Besonderheiten und der Sommerpause des Theaters eine Realisierung am Georg-Büchner-Platz in diesem Sommer nicht mehr zu schaffen! sei. 

Intendant Wiegand: „Kulissenhaftes, träumerisches Projekt“

„Vielleicht war es zu ambitioniert ein solches Projekt so spontan realisieren zu wollen", kommentierte Staatstheater-Intendant Karsten Wiegand die Absage des Projekts. Wiegand äußerte geradezu prosaisch und metaphorisch, dass Projekt werde nun als „kulissenhaftes, träumerisches Projekt über Fernweh in unserer Imagination stattfinden“.

Das Projekt mit der multifunktional einsetzbaren Pop-Up-Box war als temporäre „künstlerische Intervention“ geplant, um in der Corona-Zeit Künstler zu unterstützen und das soziale Leben auf dem Georg-Büchner-Platz in den Sommermonaten kulturell zu bereichern.

Bereits im vergangenen Jahr hatte das Darmstädter Design-Studio Diese in Kooperation mit dem Staatstheater im Rahmen der Theatertage und des „Bauwhat“-Festivals auch ein Kunstfestival und eine „Summer School“ veranstaltet und den Theaterplatz künstlerisch bespielt. 

Seinerzeit waren allerdings temporäre Bauten auf dem Vorplatz aufgebaut und nicht - wie diesmal - in den Baukörper integriert worden.

Kiosk am Staatstheater Darmstadt erzürnt Architekten

Erstmeldung vom Freitag, 10. Juli, 19:38 Uhr: Der Protest hat seine Wirkung nicht verfehlt: Die für Freitagnachmittag geplante Eröffnung eines Kiosks am Eingang des Staatstheaters Darmstadt ist kurzfristig abgesagt worden.

Arno Lederer, Jórunn Ragnarsdóttir und Marc Oei, die drei Gesellschafter des Stuttgarter Architekturbüros Büro LRO Architekten, das in den Jahren 2002 bis 2006 für die Sanierung und Erweiterung des Theaters und 2010 auch für die Neugestaltung des Georg-Büchner-Platzes vor dem Haus zuständig war, hatten sich dieser Tage mit einem Schreiben an Intendant Karsten Wiegand gewandt.

Architekten: Kiosk entwertet Erscheinungsbild des Baus 

In dem Schreiben kritisierten die Architekten, dass durch den Einbau der „Tutti-Pop-up-Box“ unter das Theatervordach das Erscheinungsbild des Gebäudes „nachhaltig entwertet“ werde. Nach ihren Worten ist das Vordach des Theaters in Anlehnung an eine Kolonnade entworfen worden.

Typologischer Bezug auf Kolonnaden

Das Dach sei „ein wesentliches Entwurfsmerkmal in Zusammenhang mit dem Eingangsbauwerk“, und es nehme „typologisch Bezug auf Kolonnaden, wie sie bei historischen öffentlichen Gebäuden zur Gesamtkomposition gehören“.

Würde man den linken Teil der Kolonnade zubauen – was in den vergangenen Tagen bereits geschehen ist –, „wäre damit das Bauwerk nicht nur beeinträchtigt, sondern der Sinn des gesamten Entwurfs entstellt“, schrieben die Architekten. Es sei für sie auch „überhaupt nicht nachvollziehbar, wie respektlos in diesem Fall mit Baukultur umgegangen wird“.

Kiosk-Ausbau am Staatstheater Darmstadt gestoppt

Die Chefs des Stuttgarter Architekturbüros wurden in dem Schreiben an Wiegand sogar noch deutlicher. Sie forderten ihn nochmals auf und baten ihn „inständig, von diesem die Architektur des Theaters entstellenden Vorhaben abzusehen“. Zudem werde man die Angelegenheit wegen einer Verletzung des Urheberrechts anwaltlich klären lassen. Zugleich bot das Büro seine Hilfe an, den Kiosk an anderer Stelle zu etablieren.

Nachdem auch die Darmstädter Sektion Gruppe des Bunds Deutscher Architekten die Errichtung des Kiosks in einer Stellungnahme als Bedrohung eines „einzigartigen Ensembles“ kritisiert hatte, stoppte das Staatstheater kurzfristig den Ausbau der Box. Auch die für das Wochenende geplanten Veranstaltungen wurden abgesagt.

Suche nach neuem Standort für „Tutti-Pop-up-Box“

Ein Sprecher des Staatstheaters Darmstadt teilte mit, mit dem Büro LRO und dem „Diese Studio“, das für den Aufbau des Kiosks zuständig war, sei inzwischen Kontakt aufgenommen worden. Zudem werde „mit Hochdruck an einer konstruktiven und einvernehmlichen Lösung gearbeitet“.

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