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Waren den Nazis trotz Anbiederung des Künstlers suspekt: Werke wie „Der Geiz“ von Bernhard Hoetger auf der Mathildenhöhe.

Debatte

„Es gibt noch mehr Kandidaten“

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Kritiker fordern eine konsequentere Änderung von Straßennamen in Darmstadt.   

Für die einen ist sie „Lumperei“ für andere längst überfällig und begrüßenswert: die vom Darmstädter Magistrat beschlossene Umbenennung der Hindenburgstraße. Seit bald 20 Jahren wird sie heiß diskutiert, jetzt scheint ein Ende der Debatte absehbar, doch es gibt Forderungen, dass die Namensänderungen über die geplanten acht Straßen hinausgehen müssten.

Neben dem früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg sollen sieben weitere Personen mit einer NS-Affinität als Namensgeber für Straßen wegfallen. Darunter Christian Heinrich Kleukens, ein Mitglied der Darmstädter Künstlerkolonie. Dies hatte der Magistrat nach Empfehlungen eines Fachbeirats beschlossen. Doch es gab auch fünf Fälle, die der von der Stadt einberufene Fachbeirat mehrheitlich als kritisch erachtete. Zu ihnen gehören neben Hindenburg auch Bernhard Hoetger, Robert Cauer, Karl Krolow und Max Ratschow. Dass aus diesem Kreis nur Hindenburg aus dem Straßenverzeichnis verschwinden soll, liegt laut Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) an der historischen Verantwortung des früheren Reichspräsidenten, der Adolf Hitler zum Kanzler ernannte.

Unter den vier verbleibenden Personen mit NS-Verstrickungen befindet sich ein weiteres Mitglied der Künstlerkolonie: Bernhard Hoetger, der 1912 bis 1914 den Platanenhain auf der Darmstädter Mathildenhöhe mit zahlreichen Skulpturen ausgestaltete. Am heutigen Freitag will die Stadt in einer Pressekonferenz ihre Pläne zur Pflege der Anlage vorstellen.

Das Parlament stimmt am 18. Juni über die Straßenumbenennung ab. Ab Oktober sollen Informationsveranstaltungen folgen, im Frühjahr 2020 eine Ausstellung.

Die Umbenennung der Hindenburgstraße und sieben weiterer Straßen (siehe Box) soll nach Abschluss der Informationsphase erfolgen

„Wir begrüßen natürlich die Umbenennung der Hindenburgstraße“, sagt Peter Friedl von der Darmstädter Deutschen Friedensgesellschaft-Vereinigte Kriegsdienstgegner der FR. Er ist einer der drei Rentner, die im vorigen Jahr die Hindenburg-Straßenschilder kurzfristig mit „Halit-Yozgat-Straße“ überklebten und sich dafür jetzt vor Gericht verantworten sollen. Überrascht sei man nicht darüber, dass der Magistrat neben Hindenburg weitere Straßen umbenennen wolle, „sondern darüber, dass es so wenige sind“. Weitere Kandidaten stünden zur Umbenennung an. „Bernhard Hoetger ist sicher einer von ihnen“, sagt Friedl. Keine Straße verdiene es, nach NS-Funktionären oder nach Personen, die sich den Nazis an den Hals geworfen oder sich mit ihnen eingelassen hätten, benannt zu sein. Die Gruppe hat eine Liste erstellt, auf der sich Namen wie Arnold Krieger und Kasimir Edschmid finden.

Dass Hoetger als von der NS-Bewegung Überzeugter in die Kritik gerät, ist auch in Hinblick auf die Unesco-Welterbebewerbung interessant. Er ist untrennbar mit der Mathildenhöhe als Zentrum des Darmstädter Jugendstils verknüpft. Vor diesem Hintergrund wäre es schwergefallen, den berühmten Namen aus dem Straßenverzeichnis zu löschen. Das räumte sinngemäß auch OB Partsch bei der Vorstellung der Ergebnisse des Fachbeirats ein. „Das Ergebnis macht uns nachdenklich und bedrückt.“ Man werde aber keine Statuen abbauen. „Wir wollen keine Talibanisierung der Erinnerungskultur.“

Beim Institut Mathildenhöhe sieht man die Neuigkeiten gelassen: „Die Biografien von Hoetger und Kleukens sind uns bestens bekannt und werden schon seit Jahren erforscht“, teilte Direktor Philipp Gutbrod der FR mit. „In den Werken der beiden Künstler in der Zeit vor 1914 sehen wir jedoch kein nationalistisches oder chauvinistisches Gedankengut, sondern eine ausgeprägte Weltoffenheit, die im Zentrum unserer Welterbebewerbung steht.“ Hoetger habe eine Fülle unterschiedlicher stilistischer Phasen durchlaufen, die jeweils von spezifischen Zeitkontexten geprägt gewesen seien. Kleukens habe eine Art „Corporate Identity“ für Ernst Ludwig und sein Großherzogtum geschaffen. Die Verstrickungen, Überzeugungen und Werke der beiden Künstler während der Nazidiktatur wolle man weiter erforschen und die Ergebnisse in späteren Ausstellungen vorstellen.

Indes gehen auch für die Linkspartei die Umbenennungspläne nicht weit genug. Stadtverordnete Martina Hübscher-Paul sagte der FR: „Ich finde die Haltung des Magistrats nicht konsequent.“ Hoetger wegen der Welterbebewerbung beizubehalten, sei „ein bisschen dünn“. Hier müsse zumindest ein Schild auf die historische Aufarbeitung und seine Verstrickungen während der Nazizeit angebracht werden. Nur mit Transparenz könne es zu einem Lerneffekt kommen.

Auch innerhalb des grün-schwarz-dominierten Magistrats gab es zu Hindenburg Differenzen: Nicht nur AfD und FPD sollen gegen die Umbenennung gestimmt haben, sondern auch zwei Mitglieder der CDU, während sich eines enthielt. Wie aus Politikerkreisen zu hören ist, war es das erste Mal, dass CDU-Magistratsmitglieder gegen eine Vorlage stimmten.

Was Aufwand und Umsetzung der Änderungen betrifft, gibt es noch keine Details. Die Wissenschaftliche Buchgesellschaft, eine der etwa 180 Anlieger der Hindenburgstraße, nahm die Pläne positiv auf. Mit genügend Vorlauf könne man Prospekte und Kataloge mit neuer Adresse drucken, sagte Sprecherin Christina Herborg. Als neuen Namen schlägt die Buchgesellschaft zwei ihrer Gründungsmitglieder vor: den Philosophen Wilhelm Weischedel und den SPD-Politiker Carlo Schmid, einen der Väter des Grundgesetzes.

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