Die Hirtinnen Maria Meyen (vorne) und Eliza Kuby mit den Schafen im Griesheimer Sand. 1200 Tiere gehören zur Herde.
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Die Hirtinnen Maria Meyen (vorne) und Eliza Kuby mit den Schafen im Griesheimer Sand. 1200 Tiere gehören zur Herde.

Darmstadt

Dünen bei Darmstadt: Schafe sichern Naturreservate

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Der Landschaftspflegehof Stürz setzt sich für seltene Tiere und Pflanzen im Rhein-Main-Gebiet ein. Für die Hirtinnen und Hirten ist das ein Knochenjob – rund um die Uhr.

Sandwolken wirbeln auf, Schlagloch reiht sich an Schlagloch, kaum Bäume, die Schutz vor der Hitze bieten würden – schon der Weg in die Griesheimer Düne macht dem Namen des Naturschutzgebiets bei Darmstadt alle Ehre. Die acht Esel, die unter den wenigen Kiefern Schatten suchen, stört die Hitze nicht. Heuschrecken zirpen, die Luft duftet nach Thymian. Blaues Natternkorn, gelbes Kreuzkraut und rosafarbene Kartäusernelken locken seltene Insekten an, die anderswo ausgestorben sind. Hier nisten Wachteln, Rebhühner und Schwarzkehlchen.

„Wir machen hier Hardcore-Naturschutz“, sagt Reiner Stürz. Er hat 1996 den Landschaftspflegehof Stürz mit anfangs 80 Schafen gegründet, um Naturschutz zu betreiben, um extreme Lebensräume zu erhalten und wiederherzustellen. Heute leben hier 520 Mutterschafe mit ihren Lämmern und rund 20 Esel. Bearbeitet werden ausschließlich Naturschutzgebiete und andere schützenswerte Lebensräume wie FFH- (Fauna-Flora-Habitatrichtlinie) und Natura-2000-Gebiete – insgesamt 1000 Hektar Fläche.

Beauftragt wird der Hof von Kommunen und Umweltverbänden, gefördert wird der Verein unter anderem vom Land Hessen. Würde man die Beweidung stoppen, hätte man in kurzer Zeit auf allen Flächen eine Verbuschung, die seltenen Arten hätten keinen Platz mehr, so Stürz. Zudem könnten die Flächen nur durch Beweidung, nicht durch Mahd gepflegt werden. Um die Fortführung seiner Arbeit zu sichern, hat der 62-Jährige vor einem Jahr gemeinsam mit Mitstreitern den Verein Landschaftspflege Südhessen gegründet.

Zahlreiche selbstständige Herden im Kreis Darmstadt-Dieburg, dem Kreis Groß-Gerau und an der Bergstraße hat der Landschaftspflegehof inzwischen mit aufgebaut. Für das neueste Projekt werden im Juli die Jungböcke von der Herde getrennt, damit sie ihre Mütter nicht decken. Sie werden nach Mörfelden-Walldorf gebracht, wo sie drei Monate lang 42 Hektar Sandmagerrasen beweiden.

Beweidung

Der Verein Landschaftspflege Südhessen beweidet 1000 Hektar Naturschutzflächen in der Rhein-Main-Region.  

Der Landschaftspflegehof Stürz produziert 14 Tonnen Fleisch im Jahr. Die Schur wird zu Düngepellets verarbeitet oder von den Werkstätten von „Die Lebensgemeinschaft“ in Schlitz zu Wolle gesponnen und weiterverarbeitet.

Betreut wird die neue Herde unter anderem von Eliza Kuby. Die 20-jährige Darmstädterin ist bisher für das Eselprojekt zuständig. Jetzt bekommt sie ihren eigenen Wohnwagen. Das heißt: kein Strom, kein Wasser, ein mit Gas betriebener Kühlschrank. „Luxus sieht anders aus“, sagt Maria Meyen. Die Biologin aus Marburg ist eine weitere Hirtin des Vereins und seit einem Jahr dabei. „Ich wollte die Praxis des Naturschutzes kennenlernen“, erzählt sie.

Der Job als Hirte bedeute zwar „die absolute Freiheit“, sagt Stürz, der seit 24 Jahren Tag und Nacht auf der Weide ist. Aber auch viel Arbeit rund um die Uhr. „Die Schafe müssen zwei- bis dreimal am Tag umgestellt werden“, erklärt er. Eine Fläche von vier Fußballfeldern bräuchten sie pro Tag.

Der Elektrozaun bietet auch Schutz gegen Wölfe. Maria Meyen öffnet ihn, um die Herde herauszulassen.

Wenn man abends um neun noch mal Wasser geben oder die Zäune umbauen müsse, könne es gut sein, dass man bis nachts um zwölf beschäftigt sei. Und morgens um vier gehe es schon wieder los, bevor die Hitze komme. „Dann schlafe ich gleich neben dem Wasserfass.“ So viel also zur Schäferidylle. Als Schäfer möchten die Mitwirkenden des Landschaftspflegehofs indes nicht bezeichnet werden: „Wir sind Hirten“, sagt Stürz. Man füttere nicht zu, kupiere den Lämmern keine Schwänze und versuche nicht, so viele Lämmer wie möglich heranzuziehen. Zudem beweide man ausschließlich Flächen, die nach streng ökologischen Standards gepflegt würden – Güllewiesen seien tabu.

Jetzt ist es im Griesheimer Sand Zeit, die Schafe „umzustellen“. Eliza stößt den Lockruf aus: „Kommt, kommt, kommt!“ Ein Blöken aus vielen Kehlen ist die Antwort. 1200 braune und weiße Wollknäule heben fast gleichzeitig die Köpfe und folgen der Hirtin durch die Öffnung im Elektrozaun. Lise und Frieda, die beiden Hütehündinnen, umkreisen die Herde, lassen kein Tier ausscheren.

Schaffen Platz für neuen Pflanzenbewuchs: die Schafe.

Manchmal hat Stürz schon die Straßenbahn angehalten, wenn er die Heidelberger Landstraße bei Darmstadt überqueren wollte. Oder es stauten sich 100 Autos auf der Autobahnbrücke, wenn die Herde von einem Schutzgebiet zum nächsten zog. „Wenn wir sieben Kilometer laufen, müssen wir neun Straßen überqueren“, sagt Stürz. Das sei „grauenhaft“.

Inzwischen widmet sich der Verein neben dem Weideprojekt Ried und Sand auch der Umsiedlung von Zauneidechsen in Riedstadt, Kreuzkröten in Bickenbach und der Dreifelderwirtschaft im neuen Schutzackerprojekt. Leider würde von der öffentlichen Hand Naturschutz nur betrieben, um Ausgleichsflächen zu schaffen oder weil es gesetzliche Auflagen gebe. Stürz ist überzeugt: „Wir müssen aufhören, Naturschutz um des Menschen willen zu machen.“

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