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Daniel Bremmer „checkt“ seinen zweijährigen Sohn Benjamin morgens am Computer im Gemeinschaftsraum der Kita ein.

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Digitalisierung macht vor der Kita nicht halt

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Eine App ermöglicht es Eltern, den Alltag ihrer Kinder in der Krippe zu verfolgen.

Wir haben heute einen Ausflug zum Eisenbahnspielplatz gemacht“. So erscheint es auf dem Display von Fania Bremmer, deren zweijähriger Sohn in die Kita Blütenallee in Darmstadt geht. An anderer Stelle ist zu lesen, wann Benjamin gewickelt wurde oder wann der nächste Elternabend ansteht.

In der Kita Blütenallee im Darmstädter Stadtteil Arheilgen ist eine App für Mobiltelefone und Tablet-Computer getestet worden, die die Kommunikation zwischen Eltern und den pädagogischen Teams vereinfachen soll. Zudem soll sie dafür sorgen, dass Eltern am Alltag ihres Kindes in der Einrichtung teilhaben können – wenn auch nur virtuell.

Das jedenfalls ist das Ziel der PME-Familienservice-Gruppe, Trägerin von deutschlandweit mehr als 60 Kindertagesstätten und Krippen.

Über ein digitales Tagesprotokoll in der App erfahren die Eltern zum Beispiel, wann, was und wie gut das Kind gegessen hat, wie lange es geschlafen hat und wie oft und wann es gewickelt wurde. Wer die App nutzt, kann einstellen, ob solche Mitteilungen als Pushnachricht angezeigt wer- den sollen. Zudem können Eltern per App das Kind mit wenigen Klicks „krankmelden“ oder der Kita mitteilen, wer und wann das Kind am Nachmittag abholt.

Kurz vor dem Abholen schaut Benjamins Mutter Fania Bremmer in der App, ob ihr Sohn schon vom Mittagsschlaf aufgewacht ist.

„Die App hat sich als großer Erfolg herausgestellt: Sie kommt sowohl bei den Eltern gut an als auch bei den Betreuungspersonen“, sagt Kristina Müller aus der Abteilung Kita-Management der PME. Die Eltern fühlen sich dadurch gut informiert, auch wenn sie die Kinder mal nicht selbst abholen, und freuen sich über die Nachrichten von ihrem Kind, so die Beobachtung der Darmstädter Kitaleiterin, Yvonne Münster. Die App ist kein Muss, aber nahezu alle Eltern nutzen das Angebot, zeigen die Zahlen.

Mittlerweile wurde die App für alle Kindergärten und -krippen der PME eingeführt. In Frankfurt, Mainz, Hanau und Hofheim gibt es 16 weitere Einrichtungen im Rhein-Main-Gebiet, die diese App nutzen.

Dass das Angebot ausgerechnet in der Digitalstadt Darmstadt zuerst eingesetzt wurde, sei reiner Zufall, sagt Kristina Müller. „Die Kita, die zu den städtischen Darmstadts zählt, wurde 2016 neu eröffnet, und Appnutzung wurde hier von Anfang an in das Konzept miteingebracht.“

Selbst der zweijährige Benjamin weiß schon Bescheid: Nachdem sein Vater ihm die Hausschuhe angezogen hat, rennt er zum Computer, der im großen Gemeinschaftsraum der Kita steht. Auf dem Bildschirm ist jedes Kind mit einem Bildchen zu sehen. Den „Check-in“ übernimmt heute sein Vater, indem er auf das Foto klickt. Dann geht es weiter zur „Übergabe“ an die Erzieherin in der Gruppe.

„Die App ist nicht dafür da, die Tür- und Angelgespräche beim Bringen oder Abholen abzulösen. Aber sie ist eine Ergänzung. Dadurch, dass die Fakten wie Schlafenszeit oder Essverhalten schon geklärt sind, gibt es Freiraum, um stärker auf das individuell Erlebte und die Entwicklung des Kindes einzugehen oder über pädagogische Konzepte zu sprechen“, sagt Kristina Müller. Zudem soll die App Reibungsverluste minimieren. Etwa in der Kommunikation unter Elternteilen. „Vorher hatte meist nur derjenige die Infos, der das Kind abgeholt hat. Jetzt können beide Elternteile Zugriff darauf haben“, sagt Kitaleiterin Yvonne Münster.

Alles, was die Erzieherinnen in die App eingeben, wurde früher laut Kitaleitung schon auf Papier dokumentiert.

Immer wieder werden Benjamins Erzieherinnen – wie an jedem anderen Tag – zum Tablet- Computer der Gruppe greifen, um etwas zu protokollieren: Wenn sie ihn gewickelt haben, wenn sie vom Ausflug zurückgekommen sind oder wenn sie gerade mal ein Foto von ihm gemacht haben. „Alles, was in der App erfasst wird, haben wir vorher auch notiert – aber eben auf Papier. Neben dem Wickeltisch hing zum Beispiel eine Liste, und für die Eltern wurden Infos oder auch mal Bilder von Ausflügen am schwarzen Brett ausgehängt“, sagt Yvonne Münster. Der Zeitaufwand sei durch das digitale Tool eher reduziert worden. Sie schätzt, dass die Betreuungspersonen maximal eine halbe Stunde am Tag damit beschäftigt sind, die App zu pflegen.

Immer wieder am Tag wird auch Fania Bremmer, die Mutter von Benjamin, in die App schau- en. „Bevor ich meinen Sohn ab- hole, schaue ich in der App, ob die Erzieherinnen schon eingetragen haben, dass er wach ist. Falls er noch schläft, hole ich erst meine Tochter aus dem Kindergarten ab. Dann muss ich ihn nicht wecken“, sagt sie. Denn schlafen können die Kinder in der Kita ganz nach Bedarf. Die App ist nicht als lückenloses, minutenaktuelles Protokoll über den Tagesablauf der Kinder gedacht. „Es bietet aber eine gute Orientierung und Anhaltspunkte“, sagt Fania Bremmer.

Einzutragen, dass ein Kind gewickelt wurde oder aufgewacht ist, sind wenige Klicks, die innerhalb von Sekunden gemacht sind. „Gerade für etwas zeitintensivere Eingaben wie ein Kurzbericht von einem Ausflug mit Bildern übernehmen die Erzieherinnen in ruhigeren Phasen, zum Beispiel, wenn ohnehin gerade viele Kin- der schlafen“, sagt Yvonne Münster.

Für Benjamin ist das Tablet in der Hand seiner Erzieherin ein selbstverständlicher Anblick. Er spielt ganz normal weiter. Viel interessanter ist an diesem Tag der Fotograf, der die Kitaleiterin mit dem Tablet fotografiert. „Die Kinder heute wachsen ganz natürlich mit Handys und Tablets auf. Längst sind das auch in der Kita bekannte und keine besonderen Gegenstände mehr, denen sie mehr Aufmerksamkeit schenken. Für sie ist das Tablet ein Medium neben vielen anderen“, sagt Kristina Müller.

Wer am Morgen eingecheckt hat, muss natürlich auch wieder auschecken. Dabei hilft Benjamin am Computer wieder mit. „Für uns ist es wichtig, dass wir Benjamin abmelden, weil darüber auch die Zeit erfasst wird. Ist er länger als die Kernzeit von 8 bis 14 Uhr in der Kita, wird das stundenweise abgerechnet“, sagt Fania Bremmer. Für die Kita ist das Auschecken wichtig, um etwa im Notfall sehen zu können, wie viele Kin- der sich noch in den Räumen befinden.

Leiterin und Erzieherin Katrin Kob gibt in die App, wann sich Benjamin zum Mittagsschlaf hingelegt hat.

Für die PME-Gruppe ist die App erst ein Anfang. Die Prozesse innerhalb der Kitas sollen in den kommenden Jahren noch digitaler werden, auch für interne Angelegenheiten wie der Dienstplan.

„Warum sollte die Digitalisierung vor dem Kindergarten halt machen?“, sagt Fania Bremmer, die selbst in der Digitalbranche arbeitet.

Sie sieht in der App vor allem einen praktischen Nutzen: „Für mich ist die App ein grober Anhaltspunkt, wie ich den Nachmittag gestalte. Wenn ich schon sehe, dass Benjamin in der Kita wenig geschlafen hat, weiß ich, dass er am Nachmittag eher ein bisschen müde sein wird und kann das Programm danach anpassen.“ Sieht sie, dass er eher wenig zu Mittag gegessen hat, kauft sie unterwegs ab und zu noch eine Brezel.

„Und ich finde es schön, ab und zu mal ein Bild geschickt zu bekommen. Dadurch fühle ich mich meinem Sohn ein bisschen näher“, sagt sie. „Wenn ich sehe, wie oft die Kita kleine Ausflüge oder Ähnliches macht, und dass mein Sohn in guten Händen ist, hilft das meinem schlechten Gewissen, wenn ich vormittags auf Arbeit bin.“

Die App

Die Eltern-App ist Teil der Kita-Software, die für die PME-Familienservice-Gruppe entwickelt wurde und die auch nur in den Einrichtungen der Unternehmensgruppe genutzt werden kann.

Intention ist laut Unternehmen, dass Papier in den Kitas „bald nur noch beim Basteln und Malen zum Einsatz kommen wird“. Für alles rund um Planung, Dokumentation und Kommunikation gebe es die Kita-Software.

Die PME-Familienservice-Gruppe mit Sitz in Berlin, die an mehr als 70 Orten in Deutschland und Tschechien vertreten ist und Kooperationspartner in Österreich und der Schweiz hat, ist Träger von mehr als 75 betrieblichen Kindertagesstätten, Back-up-Centern, Familienkrippen und Pflegenestern. jjo

www.familienservice.de

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