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Der ehemalige Forstmeister von Darmstadt bietet regelmäßig Führungen in den stark geschädigten Westwald an.

Darmstadt

Darmstädter Westwald: Grenzen für Bannwald werden geprüft

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Seit Jahren fordern Stadt und Umweltschützer, dass der Wald westlich von Darmstadt als Bannwald ausgewiesen wird. Jetzt kommt Bewegung in das Verfahren.

Seit bald 14 Jahren will die Stadt Darmstadt den westlich gelegenen Wald als Bannwald ausweisen lassen, weil er wichtig für das Stadtklima, als Lärmschutz und zur Erholung ist. 2006 hatte sie einen entsprechenden Antrag beim Regierungspräsidium (RP) Darmstadt gestellt und ihn 2013 noch einmal erneuert. Doch nichts geschah.

Nun kommt Bewegung in das Vorhaben, doch Umweltschützer sind skeptisch und Stadt und Regierungspräsidium geben sich gegenseitig die Schuld an der Verzögerung. Denn inzwischen hat das Thema an Brisanz gewonnen, seitdem das vom RP beauftragte regionale Entwicklungskonzept potenzielle Bebauungsflächen im Stadtteil Eberstadt in Teilen dieses Waldes aufzeigt. Der Naturschutzbeirat der Stadt hat deswegen eine Stellungnahme abgegeben, in der er „mit großem Bedauern und Unverständnis“ feststellt, „dass das Regierungspräsidium dem erklärten Willen der Stadt bisher nicht gefolgt, sondern untätig geblieben ist“. Er fordert das RP auf, die Ausweisung des Westwaldes als Bannwald „unverzüglich und uneingeschränkt umzusetzen“ und lehnt die empfohlene Siedlungsexpansion entschieden ab.

Laut RP ist jedoch der Grund für die Verzögerung bei der Stadt selbst zu suchen: „Der Vorwurf der Untätigkeit ist nicht berechtigt“, schreibt RP-Sprecher Christoph Süß auf Anfrage der Frankfurter Rundschau. Wegen andauernder Diskussionen über verschiedene Infrastruktureinrichtungen habe das Verfahren lange Zeit geruht. 2013 habe die zum RP gehörende Obere Forstbehörde aufgrund der Bedeutung des Westwaldes die Bannwaldausweisung vertieft geprüft. Aber von 2015 bis 2018 habe das Verfahren dann wegen „noch nicht abgeschlossener Planungsvorhaben auf Wunsch der städtischen Liegenschaftsverwaltung ausgesetzt werden müssen“. Da die Vorhaben zwischenzeitlich, zumindest teilweise, abgeschlossen worden seien, „soll das Verfahren nun möglichst zeitnah zu Ende gebracht werden“, so Süß. Im April 2019 sei man deswegen wieder an die Stadt herangetreten und habe ihr eine Grenzkarte der künftigen Bannwaldflächen „zur Überprüfung und zum Abgleich mit dem dortigen Liegenschaftskataster zugeleitet“. Es solle sichergestellt werden, dass nur Flächen im Besitz der Stadt einbezogen werden.

Schutz für grüne Lunge der Stadt Der Westwalderstreckt sich auf einer Fläche von rund 1600 Hektar zwischen Darmstadt, Griesheim und Weiterstadt und befindet sich damit inmitten des hessischen Rieds. Am Darmstädter Stadtwald macht er 57 Prozent aus.

Bannwaldist die höchste Schutzkategorie nach dem Hessischen Waldgesetz. Die Obere Forstbehörde (RP) kann im Einvernehmen mit der Obersten Forstbehörde (Land) Wald zu Bannwald erklären. Der Wald muss dafür aufgrund seiner Lage und seiner flächenmäßigen Ausdehnung in Hinblick auf seine Schutz-, Klimaschutz- und Erholungsfunktion in besonderem Maße schützenswert sein.

Hessenweitsind große Bannwald-Komplexe vor allem im Rhein-Main-Gebiet zu finden.

Der Naturschutzbeiratder Stadt ist ein ehrenamtliches Gremium, dessen Mitglieder vom Magistrat berufen werden. cka

Die Westwaldallianzist ein Zusammenschluss von Darmstädter Umweltverbänden und Vereinen, sowie Bürgerinitiativen. Infos unter: westwald.de/die-westwaldallianz

Den Eingang der Karte bestätigt zwar die Stadt, gibt den Ball aber zurück: „Auch die Entwicklung des Areals der ehemaligen Kelley Barracks und des Nathan Hale Depots hätte dem Verfahren nicht im Wege gestanden“, teilte Pressesprecher Klaus Honold mit. Derzeit prüften städtische Ämter wie Stadtplanungsamt, Umweltamt, Mobilitätsamt, Tiefbauamt die Karte. Ziel sei eine „genaue Abgrenzung des zukünftigen Bannwaldes“. Dieser Prozess sei aber noch nicht abgeschlossen, so Honold.

Dieses Vorgehen sorgt für Entrüstung bei der Westwaldallianz – einem Bündnis von Naturschutzverbänden, dass sich den Schutz des Waldes im gesamten Gebiet westlich der Heidelbergerstraße bis ins Ried auf die Fahnen geschrieben hat. „Wir wurden bisher nicht miteinbezogen“, sagte Sprecher Arnulf Rosenstock der FR. Das Vorgehen kritisierte er als „nicht transparent“ und „nicht seriös“. Hier werde offenbar etwas im „stillen Kämmerlein“ abgesprochen ohne Einbeziehung kompetenter Fachleute, Naturschützer und Öffentlichkeit. Es sei zu erwarten, dass ein „konfliktfreier Bannwald“ entstehen soll, der städteplanerische Ziele berücksichtige. „Doch das widerspricht dem Ziel, den Wald zu erhalten“, so Rosenstock.

Für die Ausweisung von Bannwald seien die Besitzverhältnisse des Waldes unerheblich. Einzig die gesetzlich geregelten Kriterien, die einen Wald schützenswert machen, müssten eingehalten werden. Die Planungshoheit liege beim RP. Sogar ein Antrag der Stadt sei nicht notwendig, erklärt Rosenstock, der früher Leiter des Hessischen Forstamtes Darmstadt war.

Einen wesentlichen Grund für die zögerliche Herangehensweise an die Bannwaldausweisung sieht Rosenstock in den Überlegungen zum Bau der ICE-Strecke von Mannheim nach Frankfurt. Die Entscheidungen hierfür sind noch nicht gefallen.

Je nachdem was länger dauert – Trassenplanung oder Bannwaldausweisung – gibt es jedoch ein Hintertürchen: Laut hessischem Waldgesetz kann der Bannschutz wieder aufgehoben werden, wenn der Neubau von Schienenverkehrsinfrastruktur erforderlich ist.

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