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Der Prozess wegen Zwangsprostitution in Darmstadt wird fortgesetzt.

Darmstadt

Darmstadt: Rentner wegen Zwangsprostitution vor Gericht

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Bedroht und ausgebeutet: Ein 70-Jähriger aus Griesheim soll eine Frau zur Prostitution gezwungen haben. Beim Prozessauftakt in Darmstadt entsteht ein widersprüchliches Bild.

Er soll sie bedroht, geschlagen und ausgebeutet haben, soll ihre Wohnung per Video überwacht und sogar kontrolliert haben, was sie isst: Wegen Zwangsprostitution muss sich ein 70-jähriger Rentner aus Griesheim (Kreis Darmstadt-Dieburg) seit Dienstag vor dem Amtsgericht Darmstadt verantworten. Insgesamt 100 000 Euro soll Guido R. laut Anklage von der Geschädigten, Sonja Z. (beide Namen von der Red. geändert), zwischen Januar 2005 und Dezember 2017 erhalten haben.

Um sie gefügig zu machen, soll der gebürtige Italiener ihr laut Staatsanwalt unter anderem mit seinen Kontakten zur Mafia gedroht haben. Die vorgetragenen Vorwürfe gegen den weißhaarigen Senioren, der ruhig auf der Anklagebank sitzt, passen so gar nicht zu seiner Schilderung der Ereignisse. Kennengelernt haben will er Z., die zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Straßenstrich in Darmstadt tätig war, als er mit dem Auto an einer Ampel stand. Sie habe ihn nach Kleingeld für Zigaretten gefragt. Als er keines hatte, habe er sie mit zur naheliegende Tankstelle genommen. Sie habe ihm von ihren Problemen erzählt: Drei Kinder, zum Teil straffällig, keine Arbeit, viele Schulden. Eine Frau Ute bringe sie von Bad Kreuznach zum Straßenstrich und verlange dafür täglich 50 Euro. Ein Herr Hartmann sei ihr Zuhälter, dem sie ebenfalls Geld geben müsse. „Das tat mir weh im Herzen, ich wollte ihr helfen“, beteuert R..

Er habe ihr eine Wohnung in seiner Pension in Griesheim gegeben, auch ihre Kinder hätten einige Monate dort gewohnt. Doch es habe immer wieder Ärger gegeben; die Polizei sei gekommen, weil die Kinder etwas angestellt hätten. Auch seien nachts Männer aufgetaucht, die zu Z. gewollt hätten. Er habe ihr gesagt, dass dies nicht gehe, weil er selbst Familie habe. Manchmal habe er ihr Brathähnchen zu ihrer Arbeit auf der Straße gebracht, sie dorthin oder auch zum Arzt gefahren. Dafür habe sie ihm im Monat 30 Euro geben. Außer diesem Geld und der Miete für die Wohnung habe er nichts erhalten. Auch sei er nie ihr Freier gewesen und habe keine Beziehung zu ihr gehabt. „Ich habe ihr gesagt, such dir eine seriöse Arbeit“, so R..

Ganz anders schildern es Mitarbeiterinnen des Vereins Horizont, der in Darmstadt Straßenprostituierten hilft. Sonja „hatte unglaubliche Angst, sie zitterte, schaute sich dauernd um“, berichtet eine ehemalige Streetworkerin. Sie habe aus der Prostitution aussteigen wollen, habe es nicht mehr ausgehalten bei ihrem Zuhälter, bei dem sie seit zehn Jahren lebe. Er sei unter dem Namen „Der Italiener“ bekannt gewesen. Sie habe angefangen ihre Habseligkeiten beim Verein einzulagern und Geld anzusparen. „Unsere Einschätzung war, dass auf Grund der Dinge die da laufen, die Polizei eingeschaltet werden musste“, so die Zeugin. Die Verhandlung wird am Dienstag, 4. August, um 9 Uhr fortgesetzt.

Die Frankfurter Rundschau hat mit einer ehemaligen Edelprostituierten aus Frankfurt gesprochen, die ihrer Tätigkeit jetzt in einem Wald bei Darmstadt nachgeht. Der Verein Horizont hilft in Darmstadt Prostituierten, sie arbeiten oft unter äußert prekären Umständen.

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