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Die Fenster hat der Grafikdesigner Markus Hau noch während der Zeit seines Studiums an der Hochschule Darmstadt entworfen.

Darmstadt

Darmstadt: Neue Chorfenster nach der Bombardierung von Sankt Elisabeth

Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf weiht am Sonntag die vom Darmstädter Grafikdesigner Markus Hau gestaltete Glasfront hinter dem Altar von Sankt Elisabeth ein.

In der katholischen Kirche Sankt Elisabeth in Darmstadt sind am Donnerstag neun neu gestaltete Chorfenster vorgestellt worden. Die ursprünglich in dem Gotteshaus eingebauten Fenster hinter dem Altar waren auf den Tag genau vor 75 Jahren bei einem Bombenangriff zerstört worden. 420 000 Euro hat sich die Pfarrgemeinde das Projekt kosten lassen. Etwa die Hälfte der Kosten kam durch Spenden zusammen. Den Rest finanzierte die Gemeinde aus Eigenmitteln. Vom Bistum gab es bislang keine finanzielle Unterstützung.

In den vergangenen Jahrzehnten musste sich die Kirchengemeinde mit einem Provisorium aus einfachen Glasfenstern ohne jegliche Bildmotive begnügen. Doch seit ein paar Tagen strahlt das Sonnenlicht durch die mehr als 200 künstlerisch gestalteten, 80 mal 80 Zentimeter großen Scheiben in den Chorraum des Gotteshauses. Und das Licht projiziert – je nach Einstrahlwinkel – unterschiedliche farbliche Kompositionen in die Kirche. Mal erscheint die Sonne heller, mal etwa gedämpfter.

Darmstadt: Projekt beharrlich vorangetrieben

Für eines der derzeit deutschlandweit größten Kirchenfensterprojekte fasste die Gemeinde einen außergewöhnlichen Entschluss, der nicht ohne Risiko war: Im Rahmen eines studentischen Wettbewerbs bezog die Gemeinde den Darmstädter Professor Kris Scholz und 20 Studierenden des Fachbereichs Gestaltung der Hochschule Darmstadt ein.

Altar und Kruzifix werden von den blau, grün, gelb, rot und orange schillernden Fenstern umrahmt.

Bereits seit 2008 hatte sich eine Gruppe aus der Gemeinde mit dem Vorhaben beschäftigt. 2010 wurde dann schließlich ein Projektteam unter der Leitung von Edwin Christl gegründet. Zusammen mit Pfarrer Karl Heinrich Stein, Gerhard Schmitt und dem bereits verstorbenen Alfred Gahlmann sei der Fortgang des Projekts „beharrlich durch alle Höhen und Tiefen der Zeit vorangetrieben“ worden, heißt es im aktuellen Gemeindebrief der Elisabethgemeinde. „Wir freuen uns, dass nach elf auch anstrengenden Jahren ehrenamtlichen Engagements die neuen Chorfenster nun der Kirchengemeinde übergeben werden können“, sagte Projektleiter Christl am Donnerstag.

Für das Kirchenfensterprojekt wurde auch extra ein Kuratorium gegründet. Dem Gremium gehörten neben der Landtagsabgeordneten und Darmstädter Kulturausschussvorsitzenden Hildegard Förster-Heldmann (Grüne) auch der frühere Oberbürgermeister Peter Benz (SPD), die frühere Wissenschafts- und Kunstministerin Ruth Wagner (FDP), die ehemalige Rüsselsheimer Oberbürgermeisterin und frühere Staatssekretärin Ottilia Geschka (CDU), der Präsident der Hochschule Darmstadt, Ralf Stengler, sowie Heag-Holding-Vorstandsmitglied Markus Hoschek an.

Darmstadt: Projektteam setzte auf studentische Künstler

2014 entschied sich die Gemeinde dann für den abstrakten Gestaltungsentwurf von Markus Hau, der diesen mit dem Darmstädter Glasgestalter Hans Grobbauer realisierte. Der inzwischen 32-jährige Hau hat im Februar sein Studium als Diplom-Designer abgeschlossen. Gegen Widerstände aus dem Bischöflichen Ordinariat in Mainz setzte das Projektteam der Gemeinde darauf, die jungen studentischen Künstler bei der Fenstergestaltung einzubinden. Bei einem Projektvolumen von 420.000 Euro war dies keine Selbstverständlichkeit.

KIRCHE, FENSTER UND EINWEIHUNG Die neugotische KircheSankt Elisabeth wurde Ende September 1905 eingeweiht. Sie steht nördlich des Prinz-Georg-Gartens und des Herrngartens. Neben der Pfarrkirche Sankt Ludwig in der Innenstadt ist die Kirche das zweite katholische Gotteshaus in Darmstadt seit der Reformation.

Die früheren Glasfensterdes Chorraums führten eine „große Predigt über die Heiligung des Christenmenschen“ vor, wie es in der Festschrift zur Kirchenweihe heißt. Bei den Fenstermotiven dominierten Darstellungen der sieben Sakramente wie Taufe, Firmung und Eucharistie. Auch wurden die zwölf Apostel, die sechs Tage der Schöpfungsgeschichte sowie die vier Evangelisten gezeigt.

Die untersten Felderwiesen auf die 14 Werke der Barmherzigkeit hin.

Im Zweiten Weltkriegwurden die ursprünglichen Chorraumfenster zerstört. Seit dem Wiederaufbau waren nur provisorische bildlose Weißglasfenster eingebaut.

Das südliche Querhausund das Seitenschiff werden geprägt von dem theologisch wie künstlerisch bedeutenden Elisabeth-Fenster und den Franziskus-Fenstern von Bruno Müller-Linow.

Mit einem Pontifikalamtwird der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf am Sonntag das neue Chorfensterensemble feierlich einweihen. Der Gottesdienst beginnt um 10 Uhr. jjo

Laut Professor Scholz, der seit 2005 Professor für Photographie an der Hochschule Darmstadt ist, haben die Studierenden zunächst drei Semester lang an den Entwürfen gearbeitet und sich mit dem Großprojekt vertraut gemacht. Die Gruppe habe auch die Kathedralen in Reims und Köln sowie die Dombauhütte in Xanten besucht, um ein Gefühl für die Dimensionen von Kirchenfenstern zu erhalten. Auch Glashütten wurden besucht, in denen das Glas für die Kirchenfenster mundgeblasen wird.

Die Studierenden beschäftigten sich auch mit christlichen Farbsymboliken, der Geschichte der Kirche Sankt Elisabeth und dem Selbstverständnis der Gemeinde. Um die spätere atmosphärische Wirkung der Kirchenfenster beurteilen zu können, entstanden Computersimulationen und Modelle, um nachzuvollziehen, wie das Licht im Tagesverlauf in die Kirchenfenster fällt. Hierfür wurde das Gotteshaus auch mit spezieller Technik vermessen.

Pfarrer Stein berichtete, dass erst acht und zuletzt vier studentische Entwürfe ausgewählt worden seien, die dann in der Kirche ausgestellt wurden und zu denen sich die Gemeindemitglieder äußern konnten. Der Entwurf von Hau habe sich schließlich als Favorit herausgestellt, sagte der Pfarrer.

An Haus Entwurf lobt Scholz, dass sich dieser durch eine „große Eigenständigkeit“ auszeichne. Er sei „gestalterisch und technisch modern und radikal“, verzichte auf figurale Anspielungen, sei „nicht narrativ, sondern im weitesten Sinne abstrakt“. „Er ist nicht auf die Gestaltung einzelner Fenster angelegt, sondern entwickelt sich über den gesamten Chorraum“. „Die faszinierenden grafischen Strukturen, von denen die farbigen Flächen durchzogen sind, veranschaulichen göttliche Vielfalt und die Unendlichkeit der Schöpfung“, sagt Scholz.

So experimentell und extravagant der Entwurf ist, so schwierig erwies sich dessen Realisierung. Die Pfarrgemeinde beauftragte hierfür den Darmstädter Glasermeister Grobbauer und als Lieferanten der Fenstergläser zunächst eine bayerische Glashütte. Wegen Produktionsschwierigkeiten ging der Auftrag schließlich an die französische Glashütte Saint-Just in der Auvergne. Durch den Wechsel der Glashütte verzögerte sich auch die Fertigstellung des Projekts um zwei Jahre.

Eine besondere Herausforderung für die Glasbläser war die Größe der einzelnen Gläser. Normalerweise sind Scheiben für Kirchenfenster eher kleinteilig. Der Entwurf von Hau, der nach anderthalb Jahren des Experimentierens mit Hilfe eines speziellen Scanners und pigmentierter Tusche entstand, machte jedoch eine Größe von 80 Zentimetern nötig. In der Werkstatt von Grobbauer wurden dann die einfarbig gelieferten Gläser nach der Vorlage Haus kunstvoll gestaltet.

Weitere Spendenfür die neuen Chorfenster können auf das Konto bei der Sparkasse Darmstadt mit der Nummer DE61 5085 0150 0011 0073 84 unter dem Verwendungszweck „Kirchenfenster“ eingezahlt werden.

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