Zersägt, umgeworfen, beschmiert: ein zerstörter Hochsitz bei Darmstadt-Kranichstein.
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Zersägt, umgeworfen, beschmiert: ein zerstörter Hochsitz bei Darmstadt-Kranichstein.

Rhein-Main

Darmstadt: Militante Gegner der Jagd zerstören Hochsitze

  • Jens Joachim
    vonJens Joachim
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Mehr als 100 Jäger-Ansitze sind seit Jahresbeginn in Hessen demoliert worden, auch in Darmstadt. Spuren deuten auf autonom agierende Tierschützer der „Animal Liberation Front“ als Täter hin.

Selbsternannte „Tierbefreier“ sägen Jäger-Hochsitze an oder brennen sie nieder. Militante Täter hinterlassen auch in Südhessen Signet der „Animal Liberation Front“. Staatsschutz-Kommissariat des Polizeipräsidiums Südhessen in Darmstadt ermittelt

Update, Dienstag, 21.07.2020, 19:46 Uhr: Die Täter rücken in der Dunkelheit mit Akku-Sägen und Sprühdosen an und verstehen sich als „Streiter der Nacht“: Seit Anfang des Jahres sind in Hessen nach einer Auflistung des hessischen Landesjagdverbands mehr als 100 Jägerhochsitze zerstört worden.

Die „jagdlichen Einrichtungen“, wie sie von der Forstbehörde Hessen Forst genannt werden, wurden zersägt, umgeworfen oder angezündet und mit Farbe beschmiert. Der Landesjagdverband bewertet die Taten als „Anschläge“. Inzwischen sind die Beschädigungen ein Fall für den Polizeilichen Staatsschutz.

Tierschützer zerstören Hochsitze: Logo der Tierbefreiungsfront wird aufgesprüht

Bislang haben die unbekannten Täter nur wenige Spuren hinterlassen. In Frankfurt/Bergen-Enkheim konnte die Polizei vor einigen Monaten Fußspuren auf einem Farbklecks sichern. Auf das Holz oder die Dächer der Hochsitze sprühen der oder die Täter entweder die Buchstaben-Kombination „A.L.F.“, das aus den drei Buchstaben bestehende Logo oder den ausgeschriebenen Namen der „Animal Liberation Front“ (Tierbefreiungsfront). Laut Tierschutzorganisation haben sich Menschen die Abkürzung A.L.F. „angeeignet, die im Namen der Tierrechte illegal handeln“.

Kripo in Darmstadt: Allein 20 Tatorte in Südhessen

In den vergangenen Wochen waren der oder die militanten Täter ausschließlich in Südhessen aktiv. Den Ermittlern vom Staatsschutzkommissariat der Darmstädter Kriminalpolizei sind inzwischen 20 Tatorte bekannt.

Seit Anfang Juli wurden 14 Hochsitze in der Nähe von Rüsselsheim-Königstädten und dem Schönauer Hof, jeweils zwei bei Darmstadt-Kranichstein und Trebur im Kreis Groß-Gerau zerstört und zwei weitere Ansitze im Naturschutzgebiet Münster im Landkreis Darmstadt-Dieburg umgeworfen.

Tierbefreieungsfront

Die radikalen Aktivisten des Untergrundnetzwerks „Animal Liberation Front“ (A. L. F.) steigen nachts in Ställe ein oder zerstören Jägerhochsitze, die entweder zersägt und umgeworfen oder angezündet werden. Die Bewegung entstand 1976 in Großbritannien und agiert weltweit. Sie besteht nach eigenen Angaben aus autonomen Zellen ohne Mitgliedschaft, öffentliche Vertreter und Hierarchien. Ob die Aktivisten, wie behauptet, „nicht vernetzt“ sind und „unabhängig agieren“, darf bezweifelt werden. jjo

Selbstbezichtigungsschreiben der mutmaßlichen Jagdgegner sind bislang nach Informationen der FR weder beim Forstamt Darmstadt noch beim hessischen Landesjagdverband in Bad Nauheim oder der Stiftung Hessischer Jägerhof eingegangen.

Tierschützer zerstören Hochsitze: Verdächtige Fotos und Aussagen

Ein Mann aus Trebur, der Inhalte einer A.L.F.-Facebookseite teilt und der inzwischen auch der Polizei bekannt ist, postete auf seinem Facebook-Account Ende März ein Foto, auf dem er neben einem umgekippten Hochsitz mit Zigarette und Cowboyhut zu sehen ist.

Kurze Zeit später, am 1. April, fragte der Mann dann seine knapp 5000 Facebook-„Freunde“, ob jemand „Lust“ habe in der Nacht „ein paar Hochsitze zu demolieren, natürlich unter Berücksichtigung des vorgeschriebenen Sicherheitsabstandes“.

Jäger titulierte der Mann zudem in dem Eintrag als „geistig minderbemittelt“. Zugleich schrieb der Mann vielsagend, es sei „lediglich eine Frage“, ob „jemand Lust hätte“. Denn Fragen seien „bekanntlich nicht strafbar“.

Tierschützer zerstören Hochsitze: Mann aus Trebur räumt frühere Straftaten ein

Gleichwohl veröffentlichte das Boulevardblatt „Bild am Sonntag“ am vergangenen Wochenende ein eigenes Foto, auf dem der angeblich 38-Jährige Mann aus Trebur mit verschränkten Armen auf einem weiteren demolierten Jägerhochsitz provokativ posiert. Die Zeitung zitierte den Mann mit den Worten, er habe „mit den aktuellen Zerstörungen nichts zu tun“.

Gleichwohl räumte der Mann aus Trebur ein, „vor einigen Jahren“ letztmals mit bis zu 30 ALF-Aktivisten Hochsitze in Hessen, Bayern und Sachsen umgesägt und angezündet zu haben.

Tierschützer zerstören Hochsitze: Jagdverband unterstützt Reviere mit mobilen Hochsitzen

Der hessische Jagdverband unterstützt unterdessen zwei von den Zerstörungen stark betroffene Reviere mit mobilen Holzböcken, damit in den kommenden Wochen insbesondere Wildschweine gejagt werden können.

Der demolierte Hochsitz, der am vergangenen Donnerstagmittgag in der Nähe von Darmstadt-Kranichstein am Fernradweg R8 entdeckt worden war, ist inzwischen wieder aufgerichtet und von einer Holzbaufirma repariert worden.

An dem Hochsitz hängt ein Zettel, auf dem zu lesen ist, dass in den vergangenen Wochen mehrfach jagdliche Einrichtungen „mutwillig beschädigt oder zerstört worden sind. Eine Strafanzeige sei gestellt worden.

Zugleich werden Zeugen gesucht, die möglicherweise Personen oder Fahrzeuge gesehen haben, die etwas mit den Sachbeschädigungen zu tun haben könnten. 

Der Polizeiliche Staatsschutz (Zentralkommissariat 10) des Polizeipräsidiums Südhessen in Darmstadt nimmt Hinweise zu den Tätern unter der Telefonnummer 06151/9690 entgegen.

Gegner der Jagd: Hochsitz zwischen Kranichstein und Messel kaputt

Update, Montag, 20.07.2020, 19:30 Uhr: Jagdgegner sind abermals in Südhessen aktiv gewesen. In der Nähe eines Parkplatzes in einem Waldstück zwischen Darmstadt-Kranichstein und Messel in der Nähe der Speierhügelschneise haben sie einen Hochsitz zersägt, umgerissen und beschmiert.

Laut einer Mitteilung der Polizei hatten Spaziergänger am Sonntagabend, 19, Juli, die zerstörte Holzkonstruktion entdeckt. Auf das Holz sprühten die Täter mit roter Farbe die Buchstaben A.L.F.. Die drei Buchstaben sind die Abkürzung für autonom agierende Zellen der „Animal Liberation Front“ (Tierbefreiungsfront). Nach ersten Schätzungen ist ein Schaden von mindestens 1000 Euro entstanden.

Laut einer Mitteilung der Polizei in Darmstadt kann der Zeitraum der Tat bislang nicht konkret eingegrenzt werden. Ein Zusammenhang zu den in Rüsselsheim, Dieburg und Münster vorgefundenen beschädigten Hochsitzen werde geprüft und könne nicht ausgeschlossen werden.

Die weiteren Ermittlungen habe die Kriminalpolizei in Darmstadt  übernommen. Der Polizeiliche Staatsschutz (Zentralkommissariat 10) nimmt Hinweise zu den Tätern unter der Telefonnummer 06151/9690 entgegen.

In den vergangenen Wochen sind in Frankfurt und der Rhein-Main-Region bereits mehrere Dutzend Jägerkanzeln zerstört oder in Brand gesetzt worden.

Gegner der Jagd: Drei Hochsitze bei Kranichstein und Münster zerstört

Erstmeldung, Freitag, 17.07.2020, 18:57 Uhr: In der Nähe des Darmstädter Stadtteils Kranichstein und in einem Naturschutzgebiet bei Münster (Kreis Darmstadt-Dieburg) sind drei Jäger-Hochsitze zerstört worden.

Bei den Tätern könnte es sich um militante Tierschützer handeln. An dem Hochsitz, der an der Feldschneise bei Darmstadt-Kranichstein am Fernradweg 8 zersägt wurde, entdeckten die Ermittler die aufgesprühten Buchstaben „A.L.F.“. Die Kombination steht für „Animal Liberation Front“. Die selbst ernannten „Tierbefreier“ hatten vor einigen Jahren Selbstbezichtigungsschreiben nach der Zerstörung von Hochsitzen veröffentlicht.

Der demolierte Jägersitz in Kranichstein war laut Polizei am Donnerstagmittag, 16. Juli, entdeckt worden. Wann die Sitze in dem Naturschutzgebiet bei Münster beschädigt worden seien, sei unklar. Die Polizei grenzt den Tatzeitraum zwischen Sonntag, 5. Juli, und Dienstag, 14. Juli, ein. 

Tierschützer zerstören Hochsitze: Polizei prüft Zusammenhänge mit Taten in Rüsselsheim

Die Polizei prüft laut einer Mitteilung Zusammenhänge mit Taten im Bereich Rüsselsheim. Dort waren zwischen dem 2. und 3. Juli 14 Hochsitze mutwillig zerstört worden.

Die Kriminalpolizei in Darmstadt hat die Ermittlungen übernommen. Zeugen, die verdächtige Beobachtungen gemacht haben, werden gebeten, sich mit den Beamten des Zentralkommissariats 10 unter der Rufnummer 06151/9690, in Verbindung zu setzen. Der Polizeiliche Staatsschutz bearbeitet auch Straftaten aus dem Bereich der politisch motivierten Kriminalität.

Hainburg-Hainstadt: Mobiler Hochsitz zerstört

In der ersten Juli-Woche war auch in der ehemaligen Tongrube an der „Langs Schneise“ im Waldgebiet am Ortsrand von Hainburg-Hainstadt eine Holzhütte auf einem einachsigen Anhängergestell vollkommen zerstört und einen kleinen Abhang hinunter auf die untere Ebene der Tongrube gestoßen worden.

Auf der Vorderseite der Hütte wurde vermutlich mit Sprayfarbe das Wort „Hanau“ und verschiedene nicht leserliche Tags geschmiert worden, berichtete das Polizeipräsidium Südosthessen in einer Mitteilung vom 8. Juli.

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