Adolf Hitler fährt am 20. März 1935 im offenen Cabriolet durch Eberstadt und passiert dabei auch die Synagoge (im Hintergrund).
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Adolf Hitler fährt am 20. März 1935 im offenen Cabriolet durch Eberstadt und passiert dabei auch die Synagoge (im Hintergrund).

Darmstadt

Darmstadt: Die Geschichte der Juden in Eberstadt

  • Jens Joachim
    vonJens Joachim
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Michael Zimmermann beschreibt in seinem Buch, wie die jüdische Bevölkerung im heutigen Darmstädter Stadtteil ausgegrenzt, integriert sowie letztlich vertrieben und vernichtet wurde.

Für den evangelischen Pfarrer Wolfgang Weißgerber war vor 85 Jahren dieser „heiter-frohe Frühlingstag“ ein „wundervolles Erlebnis“ und unerwartetes „Geschenk vom Himmel“: Am 20. März 1935 hatte Adolf Hitler bei Lorsch die Baustelle der Reichsautobahn Frankfurt-Mannheim besichtigt. Am Nachmittag ließ sich Hitler auf der Reichsstraße 3 nach Darmstadt fahren.

Auch im einige Kilometer weiter südlich gelegenen Eberstadt hatte die NSDAP eifrig die Information von der Durchfahrt des „Führers“ unter der Bevölkerung verbreitet. Die Heidelberger Straße war mit Hakenkreuzfahnen geschmückt. Und am Straßenrand schwenkten jubelnde Menschen Hakenkreuzfähnchen.  

Von dem Ereignis, das der vom Nationalsozialismus ergriffene und linientreue Eberstädter Pfarrer einen Monat später rückblickend in einem Artikel für das von ihm herausgegebene „Evangelische Gemeindeblatt für Eberstadt an der Bergstraße“ als „Feiertag“ verklärte, gibt es zwei kurz hintereinander aufgenommene Amateurfotos.

Adolf Hitler wird vor der Synagoge in Eberstadt fotografiert

Auf einem ist zu sehen, wie Hitler im Ledermantel im offenen Cabriolet steht und seine rechte Hand zum Gruß hebt. Dass Hitler just in diesem Moment gerade an der Eberstädter Synagoge vorbeifuhr, hatte ihm wohl zuvor niemand gesagt. Drei Jahre später wurde beim Novemberpogrom 1938 auch jene 1914/15 an der Modaubrücke errichtete Synagoge durch Brandstiftung von SA-Leuten zerstört.

Die Synagoge an der Eberstädter Modaubrücke von 1915.

Das historische Foto ist auch in einem Buch abgedruckt worden, in dem die Geschichte der Juden im heutigen Darmstädter Stadtteil kenntnisreich beschrieben wird. In dem von der in Eberstadt ansässigen Hans Erich und Marie Elfriede Dotter-Stiftung herausgegebenen Buch geht es darum, wie die jüdische Bevölkerung seit dem 16. Jahrhundert erst ausgegrenzt, dann integriert und schließlich auf brutale Art und Weise vernichtet wurde.

Der Autor Michael Zimmermann hat sich bereits über viele Jahre mit dem Thema beschäftigt. Für sein Buch hat Zimmermann auch jahrhundertealte Zeugnisse ausgewertet und in etlichen Archiven in Darmstadt, Hessen und auch anderen Bundesländern recherchiert. Aus dem Ausland wertete er zudem wichtige Informationen des in Jerusalem ansässigen Zentralarchivs für die Geschichte des jüdischen Volkes und der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aus.

Darmstadt: Einzelporträts über die Juden in Eberstadt

Zimmermann stellt vor allem die persönlichen Geschichten der Menschen jüdischen Glaubens ins Zentrum seines Buchs, die er in 24 Familien- und Einzelporträts schildert. Die Ausgrenzung und Vernichtung der Juden will er anhand dieser Einzelschicksale verdeutlichen.

Um deutlich zu machen, dass die jüdischen Bewohner Eberstadts von 1933 nicht vergessen sind, werden 79 gleich zu Beginn des Buchs mit ihren Namen, Geburtsdaten und ihrer Adresse genannt, auch wenn es vielen von ihnen glücklicherweise gelang, rechtzeitig auszuwandern oder zu fliehen.

Das Buch

Michael Zimmermann: Juden in Eberstadt - Ausgrenzung. Integration. Vernichtung, 168 Seiten, Justus von Liebig Verlag, 15 Euro.

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