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Polizisten auf dem Schlossgrabenfest 2018.

Urteil

Ehemaliger Polizeianwärter für versuchte Gefangenenbefreiung bei Schlossgrabenfest verwarnt

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Der frühere Polizeianwärter ist nach seinem Vergehen beim Darmstädter Schlossgrabenfest nicht mehr im Dienst.

Knapp ein Jahr nach den gewaltsamen Ausschreitungen neben dem Schlossgrabenfestgelände in Darmstadt ist ein früherer Kommissaranwärter der hessischen Polizei wegen versuchter Gefangenenbefreiung und Amtsanmaßung verwarnt worden. Der 23-Jährige hatte in der Nacht zum 3. Juni vergangenen Jahres versucht, seine Freundin und drei Bekannte aus einer Polizeiumstellung herauszulotsen.

Strafrichter Bruno Beil sprach den Mann zwar schuldig, strafmildernd wirkte sich jedoch für ihn aus, dass er ein umfassendes Geständnis ablegte, Reue zeigte und inzwischen auch aus dem Polizeidienst ausscheiden musste. Der frühere Polizeikommissaranwärter, der bereits nach der Tat vom Dienst suspendiert worden war, muss möglicherweise seine Dienstbezüge in Höhe von rund 36 500 Euro zurückzahlen. Sven Golücke, der Anwalt des Angeklagten, berichtete am Dienstag vor Gericht, dass es eine entsprechende Forderung des Innenministeriums gebe.

„Sie sind bestraft genug“, sagte Richter Beil bei der Urteilsbegründung. Zudem sei der Tatbestand der Gefangenenbefreiung eigentlich „nicht für so einen Fall gemacht worden“. Sollte der 23-Jährige während seiner einjährigen Bewährungszeit straffällig werden, müsste er eine Geldstrafe von 70 Tagessätzen je zehn Euro zahlen. Das Strafmaß hatte Staatsanwältin Cyd Hergenröder gefordert und dafür plädiert, die Strafe nicht zur Bewährung auszusetzen. Anwalt Golücke hatte ebenfalls eine Verwarnung mit einem Strafvorbehalt gefordert.

15 Polizisten wurden am Rande des Schlossgrabenfests von Angreifern verletzt

Der Angeklagte hatte am späten Abend des 2. Juni zusammen mit seiner Freundin und Bekannten privat das Schlossgrabenfest besuchen wollen und hatte sich dabei auch im benachbarten Herrngarten aufgehalten. Nach dem Ende der Musikdarbietungen waren dort in der Nacht zum Sonntag, 3. Juni, gegen 2 Uhr Polizeibeamte von einer größeren Menschenmenge massiv attackiert worden. Vor allem durch Flaschenwürfe waren seinerzeit 15 Beamte von Angreifern verletzt worden. Die Polizei nahm daraufhin zahlreiche Personen fest und kesselte auch mehrere Gruppen aufgrund der unübersichtlichen Lage ein.

In einem der Polizeikessel befand sich nach übereinstimmenden Angaben der Staatsanwältin und des Anwalts des Angeklagten auch die Freundin sowie drei weitere Bekannte des damaligen Kommissaranwärters, der zu diesem Zeitpunkt bereits auf dem Nachhauseweg war und sich im nördlichen Darmstädter Stadtteil Arheilgen aufhielt.

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Nach einem Telefongespräch mit seiner verängstigten Freundin machte sich der Polizeischüler daraufhin auf den Rückweg in die Innenstadt. Nachdem er von einem Polizisten das Kennwort „Cristal“ für zivile Einsatzkräfte erfahren hatte, nutzte er dieses in Kombination mit seinem Dienstausweis mehrfach, um zunächst in die Polizeiabsperrung zu seiner Freundin und zu seinen Bekannten zu gelangen.

Falsches Spiel des Polizeianwärters flog auf

Daraufhin, so Staatsanwältin Hergenröder, habe er wieder seinen Ausweis gezückt und unter Nennung des Einsatzkennworts zu den Polizeikräften gesagt, dass seine vier Begleiter zu ihm gehörten und er mit ihnen den Polizeikessel verlassen müsse. Dabei habe er den Kollegen gegenüber vorgetäuscht, dass er an dem Einsatz als ziviler Polizeibeamter teilnimmt. Sein falsches Spiel flog aber auf und er wurde von seinen Kollegen festgenommen. Die eingeleiteten Ermittlungsverfahren gegen seine Freundin und seine drei Begleiter wurden nach Angaben von Anwalt Golücke eingestellt, weil sie nicht an den Ausschreitungen beteiligt waren.

Richter Beil zeigte sich in seiner Urteilsbegründung zwar zum einen verständnisvoll, weil der Angeklagte seiner Freundin habe helfen wollen. Es habe allerdings auch die Option gegeben, einfach bei ihr im Polizeikessel zu bleiben. Weil er „in einer Konfliktsituation falsch gehandelt“ habe, könne er auch nicht im Polizeidienst bleiben, sagte der Richter.

Weil weder die Staatsanwältin noch der Anwalt des Angeklagten Rechtsmittel einlegten, ist das Urteil rechtskräftig.

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