Kinoreihe

Einblicke in vergangene Zeiten in Darmstadt

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Historische Stummfilme zeigen das Stadtleben zu Beginn des 20. Jahrhunderts

Ob Pferdekutsche, Straßenbahn, Automobil oder Motorrad – rund um den „Langen Ludwig“ am Luisenplatz herrschte schon anno 1938 viel Verkehr. Das Getümmel in der Innenstadt ist nur eine von verschiedenen Ansichten Darmstadt aus der Vorkriegszeit, die im Rahmen der Vorstellung „Kino Varieté“ am Freitag in der Centralstation zu sehen war.

Nach Frankfurt oder Hanau gastiert die Kinoreihe des Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main nun in Darmstadt. Gezeigt werden dabei Stummfilme, außerdem gibt es Gesang, Akrobatik und Jonglage. Im besonderen Interesse des Publikums stehen dabei die Vorfilme: Die werden je nach Veranstaltungsort neu zusammengestellt und zeigen Stummfilme mit historischen Stadtansichten. „Ich möchte das vom Krieg unzerstörte Stadtbild sichtbar machen“, sagt Arte-Filmredakteurin Nina Goslar, die die Filme zusammengetragen hat.

Der Andrang ist groß am Freitag, der Saal in der Centralstation fast ausverkauft. „Das alte Darmstadt zu sehen, hat seinen Reiz“, sagt eine Besucherin. Enttäuscht wird sie nicht, zwei Filme beschäftigen sich mit Darmstadt, dazu kommt noch ein kurioser Werbefilm des Ober-Ramstädter Autobauers Röhr. Dass die Werbung für den Karosseriebauer mit einem Autounfall beginnt, sorgt für viel Gelächter im Publikum. „Den Film habe ich im dortigen Heimatmuseum entdeckt“, sagt Goslar. Den Film „Die Stadt im Wald“ aus dem Jahr 1938 hat Goslar im Berliner Bundesarchiv gefunden und ihn mit Aufnahmen eines Darmstädter Amateurfilmers kombiniert, die der hiesige Film- und Videoclub zur Verfügung stellte.

„Die Stadt im Walde“ Darmstadt

Als idyllisches Städtchen mit interessanter Architektur und viel Grün inszeniert „Die Stadt im Walde“ Darmstadt. Das Pädagog, die Mathildenhöhe, Stadtschloss und Villen der Künstlerkolonie werden ausführlich gezeigt. Den Amateuraufnahmen ist es zu verdanken, dass etwa der Verkehr rund um den Luisenplatz oder das erstaunlich zeitlos wirkende Treiben beim Wochenmarkt zu sehen ist. „Darmstadt wurde als Stadt der Museen darin inszeniert“, sagt Goslar. Dass man längst Industriestandort war, verschweigt der Film. Diese andere Seite Darmstadts ist jedoch in einem 1921 entstandenem Film über die Firma Merck zu sehen: Mit schier unzähligen qualmenden Schornsteinen beginnt dieser und zeigt verschiedene Szenen aus dem Arbeitsalltag.

„Der Film ist auch im Werksmuseum von Merck zu sehen, aber dort sind die Szenen in falscher Reihenfolge“, sagt Hans-Peter Wollmann vom Film- und Videoclub. Durch Goslars Recherche konnte die ursprüngliche Szenenfolge mittels der damaligen Zensurkarte rekonstruiert werden. Auch die Texttafeln zu den Szenen hat Goslar ergänzt. „Der Film hatte Jugendverbot, durfte also nur in Abendvorstellungen gezeigt werden“, sagt Goslar. Der elfminütige Film zeigt die Produktion in der chemischen Fabrik, aber auch einen gestellten Einsatz der Werksfeuerwehr.

Die Filme konnten durch die Reihe „Kino Varieté“ digitalisiert werden, eine Kopie verbleibt beim Film- und Videoclub. „Die kann für nichtkommerzielle Zwecke ausgeliehen werden“, sagt Wollmann. Für die Filme kam die Reihe gerade noch rechtzeitig, denn das alte Filmmaterial ist nicht unproblematisch. „Der Kulturfilm ist auf Nitrocellulose gedreht, das zersetzt sich nach einigen Jahrzehnten“, sagt Goslar. Auch der Amateurfilm hat eine Besonderheit, er ist auf 9,5-Millimeter-Film mit Mittelperforation gedreht, für den es heute kaum Abspielgeräte gibt.

Weitere Vorstellungen des Kino Varieté mit historischen Stummfilmen der jeweiligen Städte im Vorprogramm gibt es am 22. März um 20 Uhr in Wiesbaden bei der Caligari Filmbühne, am 11. April, 20 Uhr, im ShowSpielhaus in Hofheim, am 26. April um 20 Uhr im Capitol Offenbach und am 8. Mai um 19.30 Uhr in der Brentanoscheune in Oestrich-Winkel. Informationen zu den Filmen und zu Eintrittskarten gibt es unter www.kulturfonds-frm.de/kino-variete.

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