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Darmstadt: Keine wilden Partys mehr in der Orangerie

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Die Ehrenamtlichen des „VIPeers-Projekts“ fragen die jungen Menschen in der Orangerie, was die Stadt noch verbessern könnte.
Die Ehrenamtlichen des „VIPeers-Projekts“ fragen die jungen Menschen in der Orangerie, was die Stadt noch verbessern könnte. © Monika Müller

Ehrenamtliche VIPeers kümmern sich nach den Ausschweifungen im letzten Jahr um die Jugendliche in den Anlagen und zentralen Plätzen der Stadt. Von Sebastian Weissgerber.

Herrliche Ostertage in der Darmstädter Orangerie: Spielende Kinder genießen das milde Frühlingswetter mit ihren Eltern und Großeltern genauso friedlich wie viele Jugendliche, die sich jeweils mit ein oder zwei Sixpacks Bier zu den Klängen von Rap- oder elektronischer Musik um ihre Handylautsprecher auf der Liegewiese gruppieren. Auch der diensthabende Polizeisprecher bestätigt am Montagmorgen auf Nachfrage, „das Wochenende in den Darmstädter Parks war total ruhig. Uns liegen keine Vorfälle vor“. Er fügte hinzu, „auch wir beobachten die Lage ganz genau“.

Denn noch vor einem Jahr sah das Bild ganz anders aus. An Pfingsten hatten Jugendliche, ähnlich wie schon im ersten Corona-Sommer, wilde Partys in dem barocken Orangeriegarten gefeiert, der bis Anfang des 19. Jahrhunderts allein der höfischen Gesellschaft für ihre Feste vorbehalten war. Für die Nachtruhe der Anwohner dürften sich die Obrigkeiten damals wohl weniger interessiert haben. Im Jahr 2021 sind die Beschwerden über Ruhestörungen jedoch ein ernstes Thema.

Die Stadt Darmstadt engagiert einen privaten Sicherheitsdienst. Nachdem Jugendliche an Pfingsten Polizisten mit Flaschen bewerfen, wird der Park den Sommer über ab 23 Uhr abgesperrt. Um für Ordnung zu sorgen, setzt Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) dabei nicht allein auf polizeiliche Mittel. Zum Einsatz ruft sie auch die sogenannten VIPeers: Es sind junge Ehrenamtliche, die auf die Unruhestifter einwirken sollen. Keine Hilfssheriffs, weder Sozialpädagogen noch Streetworker, sondern eben „Peers“ – auf Deutsch etwa soviel wie „Gleichgestellte“.

Ihre Aufgabe ist es nicht, Vierzehnjährigen die Alkopops wegzunehmen, Ravern den Bass runterzudrehen oder Randalierende aufzufordern, ihren Müll aufzusammeln. „Wir fragen immer erst mal, wie es den Jugendlichen geht“, sagt Rachid Bouji. Der 36-Jährige Ingenieur aus Kranichstein ist seit 20 Jahren in seiner Freizeit VIPeer.

Sein Engagement habe ihm, der sich rückblickend als Problemjugendlicher einordnet, selbst viel gebracht. Diese Chance, etwas aus sich machen zu können, will er heute an die nächste Generation weitergeben: „Wir wollen wissen, ob sie etwas brauchen und wie wir ihnen dabei helfen können.“

Die Antworten sind dabei meist banaler Natur. „Uns geht es hier eigentlich ganz gut“, sagt Jessica, stellvertretend für ihre etwa Mitte 20 alten Freunde, die schon seit vielen Sommern gemeinsam in der Orangerie chillen. „Aber was uns hier wirklich fehlt, sind Toiletten.“

Tatsächlich ist das öffentliche Sanitärhaus am Eingang des Parks zur Bessunger Straße einige Schritte von der Liegewiese entfernt. Längst ist es auch nicht allen Besucher:innen bekannt und in früheren Jahren war es in erbärmlichem Zustand. Doch an diesem Karfreitag ist die Damentoilette nicht nur sauber und mit Toilettenpapier ausgestattet, sondern auch sehr frequentiert – allerdings von allen Geschlechtern. Denn die Herrentoilette ist wegen Reparatur geschlossen.

Das sei jedoch kein Zeichen des Verfalls, sondern dass die Stadt auf Initiative der VIPeers dort etwas tue, sagt Bouji. Im Herrngarten, dem zentralen Park in Darmstadt, ist das Ergebnis dieser gemeinsamen Arbeit deutlich sichtbar. Entlang den Wegen hat der städtische Eigenbetrieb EAD in diesem Frühjahr mehrere Holzhäuschen aufgestellt. Die Komposttoiletten sind die zeitgenössische und nachhaltige Version des Dixiklos. Nicht aus Plastik und frei von Chemie duften sie nach Holzspänen, mit denen die Bedürftigen ihre Hinterlassenschaften bestreuen sollen.

In der streng symmetrisch geschnittenen Orangerie, deren dreistufiger Garten mit aufwendig gepflegten Beeten, zur Saison mit Tulpen und Stiefmütter besetzt, an ein barockes Schlossgebäude anschließt, sei das nicht so einfach, sagt Bouji. „Das muss sich hier auch ins Erscheinungsbild einfügen.“ Deshalb seien die VIPeers an Architekturstudenten der TU Darmstadt herangetreten, damit diese passende Entwürfe für Klohäuschen entwickeln.

Die VIPeers sind in Darmstadt mit allen relevanten Institution vernetzt. „Zwischen der Stadtpolizei und der Landespolizei, dem Jugendamt, Grünflächenamt sowie dem Eigenbetrieb für kommunale Aufgaben und Dienstleistungen gibt es einen regelmäßigen Austausch“, schreibt die Stadt in einer Pressemitteilung. „Und wenn es mal schnell gehen muss, schreibe ich der Bürgermeisterin Barbara Akdeniz einfach über Whatsapp“, sagt Bouji. Mittlerweile acht VIPeers, davon die Hälfte Frauen, sind in diesem Jahr jedes Wochenende am Georg-Büchner-Platz vorm Staatstheater, der Orangerie und dem Herrngarten unterwegs.

Die Komposttoilette im Herrngarten gehört zum Gesamtkonzept.
Die Komposttoilette im Herrngarten gehört zum Gesamtkonzept. © Monika Müller

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