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Frauenhaus Darmstadt feiert seinen 40. Geburtstag.

Darmstadt

Darmstadt: Kein Platz im Frauenhaus

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Prügel, Kontrolle und sexuelle Übergriffe: Seit 40 Jahren bietet das Frauenhaus in Darmstadt Opfern einen Schutzraum. Doch es gibt nicht genug Platz. Jetzt ist ein Neubau geplant.

Es war ein langwieriger Prozess, den Stadtverordneten den Bedarf für ein Frauenhaus aufzuzeigen“, sagt Christine Degel. Damals – vor 40 Jahren – habe die Einstellung in der männlich dominierten Verwaltung geherrscht, „so etwas brauchen wir nicht, wir sind doch eine Beamtenstadt“, erzählt die Leiterin der Einrichtung. Doch der Bedarf war da. Seit 1976 zeigte die autonome Frauenbewegung vor Ort das Ausmaß der von Gewalt betroffenen Frauen, indem sie mittels Umfragen bei Polizei, Ärzten und Institutionen eine Bestandsaufnahme erstellte. Ab 1979 boten die Frauen den Betroffenen private Unterkünfte an.

Noch heute sei „die Gewalt gegen Frauen unter uns und geht durch alle Schichten und Nationalitäten“, sagte Frauendezernentin Barbara Akdeniz (Grüne) anlässlich der Geburtstagsfeier des Frauenhauses, der am Dienstag gefeiert wurde. Das am 20. Oktober 1980 eröffnete Haus, für das die Stadt dann doch ein Gebäude zur Verfügung stellte, war das vierte in Hessen. Es wird bis heute genutzt, aber es platzt aus allen Nähten, ist nicht barrierefrei, ungedämmt und beengt. Allein 2019 mussten 105 Frauen mit 140 Kindern abgewiesen werden. 36 Frauen und ihre Kinder hielten sich zwischen einem Tag und mehr als zwölf Monaten dort auf. Durch die Corona-Pandemie hat sich die Lage verschärft: Laut Degel können keine Notbetten mehr angeboten werden, da sich diese in den Gemeinschaftsräumen befinden. „Das Infektionsrisiko ist einfach zu groß.“

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Seit 1980 haben im Frauenhaus Darmstadt mehr als 5000 Frauen Schutz gesucht. 105 mussten vergangenes Jahr aus Platzmangel weiter vermittelt werden. Tendenz steigend. Der Trägerverein Frauenhaus Darmstadt bietet neben der Zuflucht auch Beratung und Information an. 2019 wurden 601 Gespräche mit 225 Frauen geführt. Von diesen hatten 130 einen Migrationshintergrund.

Kontakt: https://frauenhaus-darmstadt.de
Übersicht hessischer Frauenhäuser: https://www.frauenhaeuser-hessen.de

Froh ist sie, dass auch während der Pandemie die Beratung und Betreuung der Frauen aufrechterhalten wurde. Alle seien extrem vorsichtig gewesen, man habe frühzeitig Hygienevorkehrungen ergriffen und rüste sich derzeit für die nächste Welle mit technischer Ausstattung, falls Mitarbeiterinnen im Homeoffice zum Beispiel Videoberatung anbieten wollten.

Jetzt wolle die Stadt ein neues Frauenhaus bauen, kündigte Akdeniz an. Man habe bereits ein Grundstück im Blick. Einen Bebauungsplan zu erstellen dauere allerdings zwei bis drei Jahre, der Bau selbst gehe dann schnell. Das neue Frauenhaus, dessen Standort geheim ist, um Übergriffe aggressiver Männer zu vermeiden, soll 16 statt bisher zehn Familienzimmer haben und barrierefrei sein. Es sei ein großes Haus, sagte Akdeniz; die Stadt erfülle damit die Istanbul-Konvention, die einen Schlüssel von einem Zimmer pro 10 000 Einwohner:innen vorsieht.

Frauenhaus Darmstadt Leiterin Christine Degel.

„Wir hätten lieber mehr Zimmer gehabt“, sagt Gabriele Grund vom Vorstand des Trägervereins. Denn in jedem Zimmer könne nur eine Frau untergebracht werden, da sie häufig mit ihren Kinden kämen. Problematisch ist laut Degel, dass sämtliche Frauenhäuser in Hessen überlastet sind, weil viele Frauen keine Wohnung finden. Akdeniz argumentiert, die Plätze reichten aus, wenn alle Kommunen ihre Frauenhäuser ausbauten.

Einen Ausbau der Präventionsarbeit fordert Frauenbeauftragte Edda Feess. Jede vierte Frau habe schon einmal körperliche oder seelische Gewalt von ihrem Partner erfahren. Männer müssten lernen, ihr schädliches Verhalten abzustellen. Feess betont: „Gewalt gegen Frauen ist kein Frauenproblem, sondern ein Männerproblem.“

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