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Daniel Neumann ist seit 2017 auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt.
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Daniel Neumann ist seit 2017 auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt.

Porträt

Darmstadt: Jüdisches Leben in allen Facetten beleuchten

  • Jens Joachim
    VonJens Joachim
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Daniel Neumann, der Direktor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Darmstadt, wirbt vor dem 9. November für neue Formate im Holocaustgedenken.

Die Liberale Synagoge in Darmstadt galt einst als „Zierde“ der früheren Residenzstadt. Wie die nur wenige Schritte entfernte und im Jugendstil erbaute Orthodoxe Synagoge wurde der prachtvolle und die Dächer Darmstadts überragende Bau der Liberalen Synagoge mit seinen weithin sichtbaren Türmen in der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 durch SS- und SA-Trupps in Brand gesetzt. Die Plünderung und Zerstörung der jüdischen Gebetshäuser in der Innenstadt geschah jedoch nicht nur unter Teilnahme staatlicher Organisationen, sondern auch unter aktiver Teilnahme der Darmstädter Bevölkerung.

Wenn Daniel Neumann, der seit 2006 Direktor des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen ist, die 1988 eingeweihte Neue Synagoge an der Wilhelm-Glässing-Straße in Darmstadt betritt, dann wird er im Foyer immer an diese verbrecherische Tat erinnert, weil dort ein großes Modell an die Liberale Synagoge erinnert.

Darmstadt: Modell im Foyer erinnert an die zerstörte Liberale Synagoge

Wer an dem Modell vorbeigeht und den Gemeindesaal betreten will, der erblickt über der Saaltür auf Hebräisch und Deutsch die Inschrift „Heilig ist uns das Gedenken an die Opfer ohne Zahl 1933–1945“. Auch an diesem Dienstag soll – coronabedingt in kleinerem Rahmen – an die Zerstörung der Darmstädter Synagogen vor 83 Jahren erinnert werden.

Neumann, der seit 2017 auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Darmstadt ist, spricht sich nun – wie schon Josef Schuster, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, – am Reformationstag bei einer Rede in Wiesbaden für neue Formate im Holocaustgedenken aus.

Neumann unterstützt es zum Beispiel, dass es Schülerinnen und Schüler sowie Studierenden ermöglicht wird – wie jüngst wieder in Darmstadt und im Landkreis Darmstadt-Dieburg geschehen –, Gedenkveranstaltungen auszurichten oder maßgeblich zu gestalten.

100 TAGE – 1700 JAHRE

Noch bis Ende November gibt es in Darmstadt an mehreren Orten Veranstaltungen unter dem Titel „100 Tage, 1700 Jahre: Jüdisches Leben in Darmstadt“. Auf dem Programm stehen auch Vorträge, Gespräche, Ausstellungen und Musikveranstaltungen. jjo

www.100Tage1700Jahre.de

Daniel Neumann leitet die Jüdische Gemeinde Darmstadt seit 2017

Der 48-jährige Vater von vier Kindern, dessen Vater Moritz schon bis zu seinem Tod im Juni 2016 ebenfalls Vorsitzender der Darmstädter Gemeinde und Vorsitzender des Landesverbands der Jüdischen Gemeinden in Hessen gewesen war, macht sich zugleich auch keine Illusionen. Gedenk- und Erinnerungsveranstaltungen seien „keine Straßenfeger“, zu denen viele Menschen kämen. Darum sei es auch wichtig, neue Wege zu beschreiten und Impulse zu setzen.

Mit den Jüdischen Kulturwochen und einer theologischen Vortragsreihe, dem „Jüdischen Lehrhaus“, sind unter Neumann in den vergangenen Jahren in der Darmstädter Gemeinde bereits Akzente gesetzt worden.

Daniel Neumann: Jüdisches Leben in all seinen Facetten beleuchten

Mit Blick auf die jährlich wiederkehrenden Gedenkveranstaltungen hält es Neumann zwar für weiterhin sehr wichtig, mit Blick auf die Shoah und den nach wie vor weitverbreiteten Antisemitismus, „Zeichen zu setzen“ und gemeinsame politische Bekenntnisse abzulegen. Es reiche aber nicht aus, den Fokus vor allem auf die „zwölf dunklen Jahre“ zu richten. Für ebenso wichtig hält es Neumann, jüdisches Leben in all seinen Facetten zu beleuchten und auch das eigene religiöse Selbstverständnis nach außen zu präsentieren.

So war es für Neumann nur konsequent, sich auch an der Koordination des Programms „100 Tage, 1700 Jahre – Jüdisches Leben in Darmstadt“ als Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu beteiligen, das seit Anfang September läuft. Um das Programm zu gestalten, haben sich die Stadt Darmstadt, die Jüdische Gemeinde mit Kultureinrichtungen und vielen zivilgesellschaftlichen Akteurinnen und Akteuren zusammengetan.

Darmstadt feiert 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland

Neumann sagt, es sei zwar herausfordernd und unmöglich, 1700 Jahre jüdisches Leben in 100 Tagen zu präsentieren. Schließlich gehe es darum, jüdisches Leben in Vergangenheit und Gegenwart auf deutschem und Darmstädter Boden zu beleuchten. Und die Shoa lenke auch die Aufmerksamkeit davon ab, dass Jüdinnen und Juden „einfach nur Teil der deutschen Gesellschaft sein wollen“.

In seinem Grußwort schreibt Neumann: „Wir sind Teil eines uralten Stammes, eines Volkes, einer Religion, einer Ethnie, einer Schicksalsgemeinschaft. Mal mehr, mal weniger. Es gibt uns gläubig wie atheistisch, traditionalistisch wie progressiv, links wie rechts, reich wie arm, klug wie dumm, kapitalistisch wie kommunistisch, egoistisch wie altruistisch. Wir sind liberal, konservativ oder orthodox, meistens aber paradox.

Wir haben verändert, investiert, geopfert, befruchtet und beigetragen und wurden vertrieben, verachtet, missioniert, zwangskonvertiert oder vernichtet.“ Und auch wenn Juden „in jedem Fall schwer zu beschreiben und noch schwerer zu verstehen“ seien, gelte der Satz: „Aber wir sind immer noch da.“

Darmstadt: Stadt und Jüdische Gemeinde gedenken der Pogromnacht

Die Stadt Darmstadt und die Jüdische Gemeinde Darmstadt werden an diesem Dienstag, 9. November, um 17 Uhr in der Darmstädter Neuen Synagoge der Pogromnacht, der Zerstörung der Darmstädter Synagogen vom November 1938 und der Menschheitsverbrechen der Schoa, zu dem das Pogrom der Auftakt war, gedenken.

In der neuen Synagoge an der Wilhelm-Glässing-Straße werden laut einer Mitteilung der Stadt Daniel Neumann als Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) und Andrea Thiemann, die Sprecherin des Arbeitskreises Christen und Juden der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau Ansprachen halten. Zusätzlich gibt es ein Gebet für die Opfer der Shoa und ein Kaddisch (Totengebet) von Kantor Benny Maroko.

Projektionen der zerstörten „Neuen Synagoge“ in Darmstadt

Zum Gedenken an die in der Pogromnacht vom 9. zum 10. November 1938 von SA-Männern niedergebrannte „Neue Synagoge“ der orthodoxen Gemeinde werden an diesem Dienstag und Mittwoch, 9./10. November, von 9 bis 22 Uhr am einstigen Standort des 1906 im Jugendstil von Georg Wickop erbauten Gotteshauses an der Ecke Bleichstraße/Grafenstraße Rekonstruktionen des Sakralbaus auf einem Großmonitor und in VR-Brillen gezeigt.

Rekonstruktion der Außenansicht der „Neuen Synagoge“ an der Bleichstraße.

Die Präsentation erfolgt mit Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland und des Jüdischen Weltkongresses und in Kooperation mit dem Fachgebiet Digitales Gestalten der Technischen Universität Darmstadt, an dem seit Mitte der 1990er Jahre Synagogen, die in der Zeit des Nationalsozialismus zerstört wurden, virtuell rekonstruiert werden.

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