1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Nachtarbeit für verzweifelte Hochschuleltern in Darmstadt

Erstellt:

Von: Annette Schlegl

Kommentare

Laut TU kann der Träger Educcare im TU-Kinderhaus Stadtmitte ab August für 25 Kinder eine altersgemischte Betreuungsgruppe anbieten.
Laut TU kann der Träger Educcare im TU-Kinderhaus Stadtmitte ab August für 25 Kinder eine altersgemischte Betreuungsgruppe anbieten. © Peter Jülich

Das Kinderhaus Stadtmitte der TU Darmstadt kann die Kinderbetreuung nicht mehr ausreichend gewährleisten. Die Eltern müssen deshalb teils nachts arbeiten.

Die Betreuungssituation am TU-Kinderhaus Stadtmitte in Darmstadt ist aus dem Ruder gelaufen. Chaos, Ausnahmezustand, Unfrieden und Unzufriedenheit haben den Alltag an der Kita der Technischen Universität (TU) Darmstadt in den vergangenen Wochen geprägt. Binnen kürzester Zeit haben neun Betreuungskräfte beim Träger Educcare ihre Kündigung eingereicht. Die Eltern sind verzweifelt, für sie ist das der „Supergau“. Das Kinderhaus kann die Kinderbetreuungszeiten nicht mehr einhalten, auf die die Hochschulangehörigen wegen Vorlesungen, Wissenschaftsprojekten und Meetings aber dringend angewiesen sind. Für einige sei die Lage existenzbedrohend, heißt es.

Neun Fachkräfte haben dem TU Kinderhaus Stadtmitte in Darmstadt den Rücken gekehrt

„Wir können keinen Tag mehr planen“, sagt eine Mutter, die namentlich nicht genannt werden will – wie auch alle anderen Erziehungsberechtigten. Sie habe in der Vergangenheit immer wieder bis tief in die Nacht am Schreibtisch sitzen müssen, erzählt sie, weil tagsüber die Kinder ungeplant zu Hause waren und betreut werden mussten. Ein konzentriertes Arbeiten sei deshalb tagsüber nicht möglich gewesen.

Das Problem sei hausgemacht, sagen die Eltern. Die prekäre Lage im TU-Kinderhaus Stadtmitte sei schon seit längerem bekannt, es sei aber kaum etwas dagegen unternommen worden. Die Erzieher:innen seien unzufrieden mit den Arbeitsbedingungen gewesen, behaupten sie. Als Beweis dient ihnen ein anonymer Brief des Kita-Personals, der auch der FR vorliegt. Dort ist von fünf Kündigungen die Rede, die leitenden Personen bei Educcare bereits im März bekannt gewesen seien. Insgesamt sieben Kündigungen seien es dann im April und schließlich insgesamt neun Ende Mai gewesen. Das hätte man den Eltern schon frühzeitig mitteilen müssen – was aber nicht passiert sei. „Wie katastrophal die Lage ist, erfuhren die Eltern nicht zuerst von Educcare, sondern durch anonyme Schreiben von Kindergartenmitarbeiter:innen“, berichtet eine Mutter.

Erzieherinnen des TU Kinderhauses in Darmstadt monieren mangelnde Unterstützung

Es sei nicht schon von Beginn an evaluiert worden, wie sich die Kündigungen wohl auswirken, schreiben die Erzieher:innen. Lösungen habe es nicht gegeben, stattdessen monatelang keinen festen Dienstplan, was ihr Privatleben quasi unplanbar machte. Elterngespräche hätten mehrfach verschoben werden müssen. Die Leitung habe Vorschläge der Mitarbeiter:innen zur Abhilfe quasi „ignoriert“ und habe nicht mit dem Team entschieden, sondern über das Team hinweg. Das Kita-Personal sei am Limit gewesen.

Laut Eltern sind die Probleme der TU bekannt, es gab auch schon eine Versammlung und ein Meeting zwischen Eltern, dem Kanzler der TU und dem Träger Educcare – allerdings wohl nicht mit dem Ergebnis, wie sich die Eltern das gewünscht hätten.

Allen aktuellen Problemen zum Trotz habe die Uni den Vertrag mit Educcare verlängert, ohne darauf zu drängen, die Leitung des Kinderhauses Stadtmitte auszuwechseln. „Wir glauben, dass das Problem in der Leitung liegt“, sagt eine Mutter.

TU Darmstadt sieht sich außerstande, den Träger zu wechseln

Die TU, die mehrfach als familienfreundliche Hochschule zertifiziert wurde, äußert sich, der Träger werde seit 2010 regelmäßig hinsichtlich seiner Qualitätsstandards evaluiert, die Stadt überprüfe zweimal im Jahr die Belegung und Auslastung der Gruppen. Die TU habe mit dem Beirat der Kinderhäuser zweimal im Jahr einen detaillierten Einblick in den Betrieb. Ein Wechsel zu einem anderen Träger der freien Jugendhilfe würde die jetzige Betreuungssituation eher noch zuspitzen. Die Wahrscheinlichkeit, bis zum Herbst einen anderen Träger zu finden, sei angesichts des Fachkräftemangels zurzeit sehr unwahrscheinlich.

Die Erzieher:innen merken an, hätte es seitens Educcare mehr Anerkennung für die Arbeit gegeben, hätten sich manche Beschäftigten überlegt, weiter an der Kita zu arbeiten. In anderen Einrichtungen werde Mitarbeiter:innen und Bewerber:innen beispielsweise ein Jobticket geboten, oder die 39-Stunden-Woche, oder eine schnellere Eingruppierung in eine höhere Gehaltsstufe. Das Kinderhaus Stadtmitte sei mit anderen Kitas, die mehr Boni oder geldwerte Vorteile bieten, nicht konkurrenzfähig, behaupten die Erzieher:innen.

Höhergruppierung des Kita-Personals am Darmstädter TU-Kinderhaus nicht möglich

Die TU widerspricht: Die Erzieher:innen hätten kostenfreie Parkplätze und eine betriebliche Altersvorsorge durch Educcare. Ein Jobticket könne die Uni nicht anbieten, da sie keine Landesbediensteten oder TU-Beschäftigte sind. Educcare prüfe aber Möglichkeiten, in den Kreis der Jobticket-Begünstigten aufgenommen zu werden. Die pädagogischen Fachkräfte würden analog zu dem auch von der Stadt Darmstadt verwendeten Tarifvertrag „TVöD SuE“ gehaltlich eingruppiert, schreibt der Träger. „Ein Besserstellungsverbot erlaubt uns hier keine abweichende Eingruppierung.“

Das TU-Kinderhaus Stadtmitte in der Magdalenenstraße in Darmstadt steht im Kreuzfeuer der Kritik.
Das TU-Kinderhaus Stadtmitte in der Magdalenenstraße in Darmstadt steht im Kreuzfeuer der Kritik. © Peter Jülich

Schon vor den Kündigungen seien Gruppenschließungen oder eingeschränkte Betreuungsangebote oft sehr kurzfristig angekündigt worden, monieren die Eltern. Eine von ihnen geführte Statistik zeigt auf, dass sie allein von Januar bis Ende Mai dieses Jahres 14 Mal erst am betroffenen Tag davon erfuhren. 43 Mal wurde den Eltern am Vortag gemeldet, dass ihr Kind in der Krippe oder der Kindergartengruppe gar nicht oder nur eingeschränkt betreut werden kann.

Träger des TU Kinderhauses Stadtmitte: Gegenmaßnahmen ergriffen

Educcare nennt den ausgeprägten Fachkräftemangel und Corona als Gründe für die Einschränkungen an der TU-Kita. Rahmenbedingungen wie die behördlichen Vorgaben zur Mindestbesetzung von Gruppen, aber auch die Corona-Verordnungen, die bei positiv getesteten Beschäftigten greifen, hätten verlässliche Strukturen sehr herausfordernd gemacht. Die Einschränkungen hätten alle Beteiligten – Kinder, Eltern, das gesamte Kita-Team und den Träger – bis an die Belastungsgrenze gefordert.

„Gegenmaßnahmen, die im Rahmen der gesetzlichen und pädagogischen Rahmenbedingungen möglich waren, haben wir möglichst frühzeitig ergriffen“, äußert sich der Träger. Unter anderem habe man personelle Unterstützung aus anderen Educcare-Kitas und von Personaldienstleistern sichergestellt sowie intensiv nach neuem Personal gesucht. Andere Gegenmaßnahmen, wie etwa die Verschiebung von Elterngesprächen, hätten wohl eine geteilte Zustimmung gefunden. Aber das sei „bei der Anzahl und Heterogenität der Beteiligten natürlich“.

Wechsel an andere Kita in Darmstadt ist schwierig

Ursprünglich war das Kinderhaus Stadtmitte von 7.30 bis 17.30 Uhr geöffnet. Seit 1. Juli werden die Kinder am Kinderhaus Stadtmitte aber nur noch von 9 bis 15 Uhr betreut. Die Erziehungsberechtigten zahlen nun 125 Euro Kita-Beitrag – obwohl sechs Stunden Kindergarten in Hessen kostenfrei sind. Bis Mai waren 185 Euro für acht statt neun Stunden Betreuung zu berappen.

Von Educcare heißt es, in Abstimmung mit der Stadt finanziere der pauschale Zusatzbeitrag der Eltern Betriebskosten für Personal und Sachkosten, die nicht über die laufende Förderung der Stadt finanziert werden.

Die Betroffenen haben sich auch ans Jugendamt gewandt. Dort erfuhren sie, dass ein Kita-Wechsel schwierig ist. „Wenn das Kind in einer Kita angemeldet ist, kann man woanders keinen Platz bekommen“, erklärt eine Mutter. „Wir müssten erst kündigen und eine Wartezeit für die neue Kita in Kauf nehmen.“

Auch interessant

Kommentare