1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Darmstadt

Darmstadt: Haare als Ölfilter in Gewässern

Erstellt: Aktualisiert:

Von: May-Britt Winkler

Kommentare

Haarig: Friseurin Natascha Neumann sammelt Haarpracht von Kundinnen und Kunden in einem Karton.
Haarig: Friseurin Natascha Neumann sammelt Haarpracht von Kundinnen und Kunden in einem Karton. © May-Britt Winkler

Friseurin aus Darmstadt sammelt die Initiative „Hair help the Oceans“ abgeschnittene Locken sowie Zöpfe, um Verschmutzungen in Gewässern zu minimieren.

Als 1989 der Öltanker „Exxon Valdez“ vor Alaska auf Grund ging, liefen rund 40 000 Tonnen Rohöl ins Meer. Hunderttausende Fische starben, Tausende Wale und Seehunde ertranken, verhungerten oder wurden vergiftet. Seevögel verendeten qualvoll mit verklebtem Gefieder, und das Ökosystem hat sich bis heute nicht vollständig erholt. Es war das 59. Ölunglück, und es folgten bis heute 53 weitere. Allein 2022 gab es schon sechs Ölkatastrophen vor den Küsten Perus, Thailands, Nigerias, Jemens, vor La Reunion und im Amazonasgebiet von Ecuador.

Das klingt alles weit weg, aber die Schadstoffe gelangen schnell in die Nahrungskette und somit auch auf unsere Teller und in unsere Körper. Um die Natur und speziell die Gewässer zu schützen, gründete 2015 der Franzose Thierry Gras die „Coiffeurs justes“. Er entwickelte eine Methode, wie man mit Haarfiltern die Verschmutzungen in Gewässern eindämmen kann. Der Friseur Emidio Gaudioso und der Unternehmensberater Thomas Keitel haben nun für Deutschland, Österreich, die Schweiz und die Niederlande die Initiative „Hair help the Oceans“ ins Leben gerufen, um ebenfalls mit abgeschnittenen Haaren die Ozeane zu retten.

„Vorher habe ich die Haare in den Müll geschmissen“, sagt Natascha Neumann, Inhaberin von „N2 Friseure“ in der Rheinstraße. „Jetzt schicke ich sie an Emidio. Ich tue also mit meinem Müll Gutes. Und ehrlich gesagt ist es wirklich sehr einfach. Das könnte jeder Friseursalon machen.“ Doch gibt es bisher in Darmstadt insgesamt nur zwei Salons, die bei der Aktion mitmachen.

Egal ob kurz oder lang, gesträhnt, gefärbt oder dauergewellt, ob schütteres Haupthaar oder Rastazopf, alle Längen, Farben und Strukturen sind geeignet und können als Filter in Flüssen, in Seen, vor Industriegebieten oder im Meer zum Einsatz kommen, um Öle, Treibstoffe oder auch mal nur Sonnenmilch vom Wasser zu trennen. Das Prinzip ist schlicht, aber wirksam, so Neumann: „Das Tolle am Haar ist, dass es Fette und Öle aufsaugt. Ein Kilogramm Haar kann bis zu 8 Liter Wasser reinigen. Wir sammeln hier im Salon die Haare, und Emidio und sein Team holen die dann regelmäßig ab.“

Und da kommt einiges zusammen: Zwar wächst unser Haar nur durchschnittlich 15 Zentimeter pro Jahr, was gerade mal einem Gewicht von etwa 25 Gramm ergibt, aber die Masse ist entscheidend. Im Moment machen etwa 850 Friseure in Deutschland bei „Hair help the Oceans“ mit. Wären alle rund 81 000 dabei, käme man auf satte 500 Tonnen Haare. Damit könnte man so manche Ölkatastrophe eindämmen.

Die Haare werden in Nylonschläuche eingebracht und zu Rollen oder Matten gebunden. Die Saugfunktion des so entstandenen Haarfilters zieht das Öl aus dem Wasser. Das Wasser perlt ab, aber das Öl bleibt am Haar haften. Man kennt das vom Kopfhauttalg: Der bleibt schließlich auch gern am Haar kleben. Der Haarfaden ist nämlich nicht glatt, sondern mit Hornschuppen übersät. Das kann man sich vorstellen, wie bei einem Tannenzapfen. Je rauer, desto besser haftet das Fett daran. Nach dem Gebrauch werden die Filter gereinigt und können bis zu achtmal wiederverwendet werden.“

„Wir haben nur eine Erde, und deshalb versuche ich schon immer so nachhaltig wie möglich zu arbeiten“, erklärt Natascha Neumann ihr Engagement. Im Salon achtet sie auf möglichst wenig Chemie und vegane Haarmittel, ihre Föne sind recycelbar, die Bürsten aus Bambus, die Umhänge aus recycelten PET-Flaschen. Es gibt Wassersparhähne, und sogar die Alufolie für die Strähnen wird wiederaufbereitet. „Das war mir alles wichtig“, so die nachhaltige Haarstylistin. „Man muss gar nicht so auf die anderen zeigen. Es reicht ja schon, wenn jeder bei sich selbst anfängt.“

Auch interessant

Kommentare