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Könnte ein würdevoller Bestattungsort sein: Udo Steinbeck vor dem Grab französischer Soldaten auf dem Alten Friedhof in Darmstadt.

Darmstadt

Gesichtshäute von Soldaten im Landesmuseum

  • Claudia Kabel
    vonClaudia Kabel
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Ein Darmstädter fordert die Bestattung von sterblichen Überresten zweier französischer Soldaten. Das Wissenschaftsministerium fahndet nach ihren Namen.

Die Gesichtshäute zweier französischer Soldaten, die im Hessischen Landesmuseum Darmstadt liegen, lassen Udo Steinbeck keine Ruhe. Der 61-jährige ist in Darmstadt für seine historischen Führungen über Friedhöfe und andere Orte in der Stadt bekannt. Die Geschichte Darmstadts – mit all ihren Schattenseiten – ist seine Passion und so hat sich der Verwaltungsangestellte in den vergangenen Jahrzehnten ein breites historisches Wissen angeeignet.

Bei seinen Recherchen stieß er im 1987 erschienenen „Bessunger Lesebuch“ von Walter Möbus auf eine dubiose Anekdote. Sie handelt davon, wie der Naturforscher Johann Jakob Kaup den Lazarettarzt Julius Scriba bittet, ihm „besonders schöne“ Köpfe verstorbener Turkos für seine zoologische Abteilung zukommen zu lassen. In der Orangerie befand zur Zeit des Deutsch-französischen Krieges ein Lazarett, erklärt Steinbeck. Ein Aufseher soll die Schädel in einem Sack überbracht haben, nicht ohne mit ihnen vorher noch Halt im Wirtshaus zu machen und sie vorübergehend mit nach Hause zu nehmen,so die Geschichte.

Engagement

Udo Steinbeck führt für das Darmstädter Grünflächenamt regelmäßig und unentgeltlich durch die Stadt. Spenden, die er dabei sammelt, gehen an die Darmstädter Kinderkliniken.

Derzeit ist Steinbeck mit Gleichgesinnten dabei, alle 2000 Grabsteine und ihre Inschriften auf dem jüdischen Friedhof zu erfassen. Dabei fiel bereits auf, dass viele Namen noch gar nicht in den offiziellen Bestandslisten auftauchen. Auch hier will sich Steinbeck für eine Richtigstellung einsetzen. cka

„Ich ging der Sache nach“, sagt Steinbeck. Eine Anfrage 2012 beim Landesmuseum ergab, dass sich zwar keine Schädel mehr in der Sammlung befänden, sehr wohl aber zwei Gesichtshäute. Das bestätigte das Landesmuseum jetzt auch der Frankfurter Rundschau. Es handle sich um zwei Gesichtshäute von Angehörigen französischer Truppen aus dem Krieg 1870/71, vermutlich aus dem Regiment der „Turkos“, einem algerischen und tunesischen Schützenregiment. „Es handelt sich dabei nach heutigem Wissensstand um die Überreste zweier Kriegsgefangener, die während ihrer Gefangenschaft in Darmstadt verstarben“, so Museumsleiter Martin Faass.

Steinbeck vertritt die Ansicht, die sterblichen Überreste der ehemaligen Feinde sollten in Würde beerdigt werden. „Nur das ist Friedensarbeit“, ist der Sohn deutsch-jüdischer Eltern überzeugt. Einen Platz dafür hat er auch schon ausgemacht: Das Grabmal von 60 gefallenen Franzosen auf dem Alten Friedhof.

Bereits der Vorgänger von Faass, Theo Jülich, hatte laut Steinbeck großes Interesse, die Sache zu verfolgen. Auch habe es ein Gespräch im Wissenschaftsministerium 2017 gegeben. Dann wurde das Landesmuseum umgebaut, Jülich erkrankte und verstarb. Die Sache verlief im Sande. Doch Steinbeck lässt die Geschichte nicht los.

Vielleicht ist nun die Zeit reif, für den würdevollen Verbleib der sterblichen Überreste zu sorgen. Zwar sind bisher Bemühungen, die genaue Herkunft und die Namen der beiden Verstorbenen zu ermitteln, ohne Ergebnis geblieben, wie das Ministerium für Wissenschaft und Kunst der FR mitteilte. Allerdings habe das Land in diesem Jahr zusätzliche Mittel in Höhe von 275 000 Euro für die Provenienzforschung sowie die Aufarbeitung von Sammlungsbeständen im Zusammenhang mit kolonialen Kontexten bereitgestellt. Dadurch könnten nun weitere Anstrengungen unternommen werden, „um die Hintergründe so weit als möglich aufzuklären“, so Ministeriumssprecher Volker Schmidt. Erst dann könnten Gespräche mit dem Herkunftsland über das Auswärtige Amt angestrengt werden.

Häute waren nie ausgestellt

Der würdige Umgang mit den genannten menschlichen Überresten hat laut Ministerium auf Grundlage der Empfehlungen des Deutschen Museumsbundes oberste Priorität. „Ob die Bestattung in einem Soldatengrab in Darmstadt die angemessene Form hierfür darstellt, wird sich erst auf der Grundlage weiterer Recherchen und der Abstimmung mit den Herkunftsgesellschaften sagen lassen“, so Schmidt. Erst wenn eine Rückgabe an Nachfahren oder Herkunftsgesellschaft nicht möglich sei, empfehle der Museumsbund eine Bestattung vor Ort.

Wie das Ministerium weiter mitteilte, waren die Gesichtshäute niemals im Landesmuseum ausgestellt. Auch sollen sie die einzigen menschlichen Überreste in der Kaup-Sammlung sein, sagt Museumsleiter Faass. Der Naturforscher habe eine Vielzahl zoologischer Exponate während seiner Tätigkeit als Inspektor am Museum (1837 - 1873), durch Ankauf und Tausch mit anderen Museen und Sammlungen zu Ausstellungszwecken, als auch für wissenschaftliche Studien erworben. Dazu gehöre auch das berühmt Mastodon. Sein Fokus habe auf der evolutiven Entwicklungsgeschichte der Tierwelt gelegen, so Faass. Bisher habe sich nicht klären lassen, zu welchem Zweck die Gesichtshäute in die Sammlung gelangten.

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