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Darmstadt: Fritz Bauer statt Hindenburg

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Von: Jens Joachim

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Der zweite Reichspräsident der Weimarer Republik ernannte Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler.
Der zweite Reichspräsident der Weimarer Republik ernannte Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler. © Claudia Kabel

Sieben Straßen und ein Platz werden in Darmstadt umbenannt. Im Stadtteil Bessungen soll Jonathan Heimes, der Gründer der Spendenaktion „Du musst kämpfen“, geehrt werden.

Dreieinhalb Jahre nach der grundsätzlichen Entscheidung, die Hindenburgstraße in der Darmstädter Innenstadt umzubenennen, ist nun klar, wie der Streckenabschnitt zwischen der Rheinstraße und der Eschollbrücker Straße künftig heißen soll: Der Magistrat der Stadt hat am Mittwoch beschlossen, die Hindenburgstraße in Fritz-Bauer-Straße umzubenennen. Der frühere hessische Generalstaatsanwalt Bauer (1903-1968) setzte sich in der Nachkriegszeit maßgeblich dafür ein, die Verbrechen im Nationalsozialismus zu verfolgen. Als Chef-ankläger sorgte er dafür, dass die Frankfurter Auschwitz-Prozesse geführt wurden. Erst am vergangenen Dienstag hatte Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) mitgeteilt, Bauer posthum mit der höchsten Auszeichnung des Landes Hessen, der Wilhelm-Leuschner-Medaille, zu ehren.

Zudem sollen sechs weitere Straßen und ein Platz einen neuen Namen erhalten. So wird etwa die Brandisstraße in Bessungen in Abstimmung mit der Merck Wohnungs- und Grundstücksverwaltungsgesellschaft nach dem verstorbenen Jonathan Heimes benannt, dem Initiator der Spendenaktion „Du musst kämpfen“. Der Fan der Darmstädter Lilien, dessen Namen bereits die Südtribüne im Stadion am Böllenfalltor trägt, war 2016 einem langjährigen Krebsleiden erlegen.

Der Darmstädter Magistrat sei mit der Umbenennung der Straßen entsprechenden Empfehlungen eines aus Historikerinnen und Historikern sowie Kulturverantwortlichen bestehenden Fachbeirats gefolgt, den Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) eingesetzt hatte.

Auf Basis der Empfehlungen des Beirats hatte der Magistrat bereits im Mai 2019 beschlossen, die Alarich-Weiss-Straße, die Brandisstraße, den Georgiiplatz, die Grundstraße, die Hindenburgstraße, den Kleukens- und den Kuhnweg sowie die Von-der-Au-Straße umzuwidmen. Die Stadtverordnetenversammlung folgte diesem Votum im Juni 2019 mit großer Mehrheit. Oberbürgermeister Partsch hatte seinerzeit die Entscheidung damit begründet, dass politische Haltung und die Handlungen der Männer, nach denen die Straßen und der Platz einst benannt worden waren, dem „undemokratischen Geist Vorschub geleistet und den Weg in den Nationalsozialismus bereitet“ hätten.

Die SPD-Fraktion hatte am Dienstag abermals den Vorschlag einer Darmstädter Initiative unterstützt, die Hindenburgstraße nach Halit Yozgat, dem letzten Mordopfer der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ zu benennen.

Der Stadtverordnete Phil Lehmann, der für die SPD-Fraktion Mitglied des Straßenbeirats war, teilte mit, ein Blick ins Namensverzeichnis der Straßen, Plätze und Anlagen in Darmstadt zeige, dass von den 1067 Einträgen knapp 500 Männern gewidmet seien. Bei weiteren knapp 500 Namen hätten Orte, Tiere, Firmen und Sachen für die Benennung Pate gestanden. Nicht einmal 100 Straßen und andere Orte seien Frauen gewidmet. „Dieser Schiefstand ist ein Symptom dafür, dass Frauen in unserer Geschichte immer wieder systematisch benachteiligt, unterdrückt und unsichtbar gemacht wurden – und immer noch werden“, moniert Lehmann. Nach seiner Auffassung seien auch Menschen mit einem Migrationshintergrund unterrepräsentiert. Sie machten zwar ein Viertel der deutschen Bevölkerung aus, aber das Verzeichnis der Straßennamen spiegele dies nicht wider. So liefere die Suche nach türkischen, polnischen, russischen oder syrischen Namen „so gut wie keine Ergebnisse“. Aber auch sie würden bei der Benennung von Orten oft übersehen. Dabei dokumentierten Straßennamen doch, „dass Menschen dazugehören“, so Lehmann.

Nach Angaben der Stadt soll die Alarich-Weiss-Straße auf dem Außencampus Lichtwiese im Einvernehmen mit der Technischen Universität nach dem Nobelpreisträger für Physik Peter Grünberg (1939-2018) benannt werden.

Die Widmung des zum großen Teil auf dem Griesheimer Stadtgebiet liegenden Georgii-platzes nach Walter Georgii wird aberkannt. Weil der dortige Bereich von Griesheimer Seite städtebaulich umgestaltet werde, könne eine Neubenennung erst nach endgültiger Herstellung der Platzgestaltung in Abstimmung mit der Stadt Griesheim erfolgen.

Die Kranichsteiner Grundstraße trägt künftig den Namen der Kinder- und Jugendbuchautorin sowie Übersetzerin Mirjam Pressler (1940-2019).

Der Kleukensweg wird nach der Tänzerin und Tanzpädagogin Elizabeth Duncan (1871-1948) benannt, die auch in Darmstadt wirkte. Der bisherige Kuhnweg erhält den Namen von Ruth Horn (1908-1987), der ersten weiblichen Stadtverordneten der Nachkriegszeit. Die Von-der-Au-Straße erinnert künftig an die legendäre Darmstädter Reiseschriftstellerin Milli Bau (1906-2005).

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