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Darmstadt: „Flüchtlinge können bei uns aufatmen“

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Von: Annette Schlegl

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Pfarrer Andreas Schwöbel ist für viele ein Anker für ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe.
Pfarrer Andreas Schwöbel ist für viele ein Anker für ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe. © Peter Jülich

Pfarrer Andreas Schwöbel von der evangelischen Matthäusgemeinde in Darmstadt hat bisher fast 50 Geflüchtete im Kirchenasyl untergebracht.

Das Gebot der Nächstenliebe hat er nicht nur gepredigt, sondern auch tatkräftig umgesetzt: Andreas Schwöbel, Pfarrer der evangelischen Matthäusgemeinde in der Heimstättensiedlung in Darmstadt, hat zusammen mit zahlreichen Mitarbeiter:innen seit 2015 schon fast 50 Geflüchteten Kirchenasyl gewährt. Dafür erhielten er und seine Kirchengemeinde den diesjährigen ersten Preis der Darmstädter Auszeichnung „Gesicht zeigen“, die Toleranz und Zivilcourage würdigt.

Herr Schwöbel, wie stolz sind Sie, dass Sie diesen ersten Preis erhalten haben?

Ich persönlich bin sehr gerührt und auch stolz. Aber es ist auch ganz wichtig, zu betonen, dass der Preis die Matthäusgemeinde ehrt in Verbindung mit mir. Ohne diese Verbindung wäre das alles nichts geworden.

Wie setzen Sie sich für Menschen mit Fluchterfahrung ein?

Seit 2015 haben wir uns sehr stark damit auseinandergesetzt, weil auf dem Areal der Matthäusgemeinde und drum herum vier oder fünf Aufnahmecamps installiert worden waren. Wir schauten, wo Kinder und Jugendliche sind, denen wir mit einem offenen Kinder- und Jugendhaus einen neuen Raum in ihrer neuen Umgebung anbieten können. Wir merkten, dass sie allein durch das Verteilen von Flyern und Plakaten nicht zu uns kommen, sondern dass wir direkt in die Camps gehen müssen.

Zur Person

Andreas Schwöbel (64) ist seit elf Jahren Pfarrer der Matthäusgemeinde Darmstadt mit rund 3500 Mitgliedern.

Der gebürtige Frankfurter wohnt seit 1996 in Darmstadt. Dort war Schwöbel erst Gemeindepfarrer der Paulusgemeinde. Dann übernahm er das Amt des ersten männlichen Gleichstellungsbeauftragten bei der Evangelischen Landeskirche und war mit einer halben Pfarrstelle im Kirchenladen in Darmstadt tätig. 2011 wollte er wieder eine Gemeinde leiten und kam zur Matthäusgemeinde. ann

Und wie begann die Kirchenasyl-Geschichte?

Eine Referentin, die bei uns einen Vortrag zum Kirchenasyl hielt, rief 14 Tage später bei mir an und sagte, sie brauche Unterkunft für jemanden, der Kirchenasyl benötige. Das war eine neue Herausforderung für uns. Es war für mich ein wunderbares Erlebnis, dass der Kirchenvorstand diesem Anliegen ohne die geringsten Bedenken sofort zugestimmt hat. Unsere Kirche ist eine von 48 Notkirchen in ganz Deutschland, die der bekannte Architekt Otto Bartling erbaute. Er war der Meinung, eine Kirche sei nicht nur dafür da, Gottesdienste abzuhalten, sondern sollte auch Gemeinderäume vorhalten. In unserer Kirche war also schon Wohnraum mit kleiner Küche und Toilette vorhanden, in dem früher eine Gemeindeschwester wohnte. Wir haben dann diesen Wohnraum wohnlich hergerichtet und konnten somit den Kirchenvorstandbeschluss, Kirchenasyl zu gewähren, praktisch umsetzen.

Wer war der erste Bewohner?

Der Erste war aus Eritrea. Er kam aus dem Osten Deutschlands hierher. Wiederum 14 Tage später rief die Referentin erneut an und sagte, sie benötige Platz für einen zweiten Menschen aus Eritrea, der auch Kirchenasyl suche. Es haben sich dann Ehrenamtliche gefunden, die den beiden spontan Sprachunterricht gaben. Danach erklärten sich viele bereit, den Menschen, die in den Unterkünften rundherum wohnten, Unterricht im Gemeindehaus zu geben. An drei Tagen in der Woche haben wir Sprachtreffs eingerichtet. Wir konnten einen Sprachwissenschaftler gewinnen, der uns „Nachhilfeunterricht“ gab. Wir haben dann bei der Stadt Darmstadt eine zusätzliche Stelle für die Kinder- und Jugendarbeit beantragt.

Sie haben ja binnen sieben Jahren knapp 50 Flüchtlinge im Kirchenasyl untergebracht. Doch nicht alle in dem einen Wohnraum?

Wir haben neben der Kirche auch eine Eineinhalb-Zimmer-Wohnung, die wir nicht mehr auf dem freien Markt vermietet haben, als die Mieterin auszog. Wir haben sie als Sozialwohnung im Kirchenasyl angeboten. Seit vier Jahren offerieren wir nun für vier Menschen gleichzeitig Kirchenasyl. Das hält bis heute an.

Woher kamen die Geflüchteten?

Am Anfang waren es Eritreer, gerade sind Iraner da, eine Frau aus Somalia; es waren Afghanen da, es sind Menschen aus Äthiopien und weiteren afrikanischen Ländern. Es sind zu fast 100 Prozent sogenannte Dublin-Fälle, das heißt, ihr Aufenthalt in den kirchlichen Räumen ist durch das Dublin-Verfahren begrenzt. Leute aufzunehmen, die unbegrenzt Schutz suchen, können wir nicht leisten.

Was heißt das genau?

Kein Mensch, den wir aufnehmen, wird versteckt. Wir stellen uns aber aus humanitären Gründen gegen das Abschiebungsgebot in ein anderes EU-Land und gewähren für bis zu 6 Monaten der Abschiebungsanordnung Kirchenasyl. Danach ist Deutschland in der Pflicht, mit diesen Menschen ein Interview zu führen, um die Fluchtgründe dargelegt zu bekommen. Vielfach sind die Menschen, die bei uns Kirchenasyl bekommen haben, dann als Flüchtlinge anerkannt worden, haben ein Aufenthaltsrecht von bis zu drei Jahren bekommen. Im Kirchenasyl können sie erst mal aufatmen und sich auf dieses Interview vorbereiten. Später können sie die Drei-Jahres-Frist verlängern und in Deutschland bleiben, indem sie zum Beispiel einen Beruf lernen. Das ist die Erfolgsgeschichte des Kirchenasyls im Grundsätzlichen.

Wie viel Zeit kostet Sie diese Aufgabe? Die machen Sie ja zusätzlich zu Ihrer Arbeit als Pfarrer.

Dass wir Kirchenasyl anbieten, ist meiner Meinung nach nicht etwas Zusätzliches, sondern etwas Originäres. Diese Aufgabe liegt mir sehr am Herzen und ich habe immer versucht, alles auch zeitlich unterzukriegen. Ich wurde durch die Matthäusgemeinde auch bestärkt. Mittlerweile läuft es hier eigenständig im Ehrenamt so gut, dass der zeitliche Aufwand für mich recht wenig geworden ist.

Sind Sie der Einzige, der in Darmstadt von kirchlicher Seite Hilfe für Flüchtlinge initiiert hat?

Nein. Am Anfang gab es etliche Gemeinden, die zum Beispiel Sprachtreffs oder eine AG Flucht organisiert haben. Mit der Friedensgemeinde sind wir in Darmstadt die einzige Gemeinde, die das Kirchenasyl schon so lange betreiben.

Leisten Sie auch Geldzahlungen an die Flüchtlinge?

Die staatliche Leistung ist eingestellt während des Kirchenasyls. Dafür bekommen die Asylsuchenden von uns alle Lebensmittel, die sie brauchen. Selbst mit einem Taschengeld könnten sie nichts anfangen, weil sie das Kirchengelände nicht verlassen dürfen.

Wo hapert es in der Flüchtlingsarbeit in Darmstadt?

Ich bin sehr froh, dass wir von der politischen Seite und der Stadtregierung diese Arbeit in Darmstadt sehr unterstützt und wertgeschätzt werden. Wir haben in der Stadt sehr viele Einrichtungen für Geflüchtete.

Was kann jeder von uns in Ihren Augen tun?

Jeder kann aufmerksam die Zeitungen lesen, um sich zu bilden und aktuell zu bleiben in der Flüchtlingsdebatte. Jede und jeder kann klar machen, dass das Eintreten für Menschen, die geflüchtet sind, Menschenrecht ist.

Interview: Annette Schlegl

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