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Es wächst: Johannes Dalheimer begutachtet, was sich im 3-D-Drucker des Labors tut.

Darmstadt

Darmstadt: Experimente für alle

Der Darmstädter Verein Lab³ betreibt freie Laboratorien und ist gut vernetzt mit jungen Unternehmen.

Im Regal stehen Dutzende Glasgeräte für chemische Experimente, daneben ein Chromospektrograph, eine Vakuumglocke, Faxgerät und Sterilisator. Auch ausrangierte Werkbänke zum Experimentieren warten nur darauf, demnächst ins Chemielabor zu wandern, das gerade renoviert wird. Aus dem Kellerraum nebenan hört man schon durch die geschlossene Tür den Server brummen, der hier aus ausgemusterter Hardware zusammengebaut wurde. Auf dem Servercluster läuft gerade eine Simulation zur Proteinfaltung. „Es geht darum, zu erfahren, wie Moleküle zusammenhängen, damit sie stabil sind“, erklärt Dirk Peters.

Ein kurzer Handgriff, dann verfügt der Laserdrucker über eine Speicherkarte mit Programmierung.

Der 31-Jährige ist zweiter Vorsitzender des Lab in Darmstadt. Es ist laut Peters europaweit das einzige offene Labor, das von einem gemeinnützigen Verein betrieben wird und gleichzeitig in ein Netzwerk von zahlreichen Start-up-Unternehmen eingebettet ist. Wer im Lab Mitglied ist, kann nicht nur das technische Equipment nutzen, sondern hat auch beste Chancen, Kontakte zu Jungunternehmen zu knüpfen. Denn der Verein ist offizieller Kooperationspartner des Technologie- und Gründerzentrums Hub31, in dem er sechseinhalb Räume gemietet hat. Hier laufen Versuche aus den Bereichen IT, Technik sowie Chemie und Biologie. Jeder Fachbereich steht unter Leitung eines studierten Experten.

Die Idee des 2015 gegründeten Vereins ist es, Begeisterung für Wissenschaft und Technik zu leben und zu fördern und allen einen Zugang zu bieten. Das Herzstück sind Projekte und Vorträge. Auch mit Schulen gab es schon Projekte.

Neben einem separaten Chemielabor ist derzeit auch eines für Feinmechanik im Aufbau. Vor einem Monat wurde das Kreativlabor fertiggestellt. Wer hier etwas Chilliges, Buntes erwartet, wird enttäuscht sein: Der Raum ist bis auf zwei Konferenztische komplett leer und weiß. An den Wänden hängen rundherum Traversen, an denen Hintergründe für Fotoaufnahmen befestigt oder Ideen gesammelt werden können. „Hier laufen Produktshootings, Interviews für Filme und Kreativworkshops“, erklärt Peters. Er selbst ist Softwareentwickler und arbeitet gerade an seiner Masterarbeit.

Christian Hein (l.), Leiter des E-Labors, im Gespräch mit Florian Beck.

„Haben wir noch irgendwo Fototransistoren?“, fragt Florian Beck, als er Peters auf dem Gang trifft. Er sei gerade dabei, ein „Analyseverfahren zur Endpunktbestimmung auf optischer Basis“ zu entwickeln, sagt Beck, der bereits vier Semester Chemie hinter sich hat. „Bisher musste man immer den Wecker stellen und schauen, ob das Experiment schon fertig ist.“ Beck ist Anfang des Monats im Lab aufgenommen worden. „Wir erwarten von den Mitgliedern Engagement“, sagt Peters. Wer nur komme, um die Einrichtung zu nutzen, sei fehl am Platz. Auch müssten die Geräte, deren Anschaffungskosten teilweise in die Zehntausende gehen, verantwortungsvoll genutzt werden, sonst werde es für den Verein teuer.

Insgesamt zählt Lab 62 Mitglieder, der Frauenanteil liegt bei 20 Prozent plus Laborhündin Destiny. Neben Studenten gehören auch Senioren zu den Interessenten. Manche Tüftler bringen hin und wieder ihre Kinder mit – auch Peters, der selbst etwa 20 Stunden pro Woche vor Ort verbringt. Seine zwölfjährige Tochter arbeitete schon mit sieben Jahren an einem Geo-Sandkasten mit. Mathe gehöre heute zu ihren Lieblingsfächern, sagt sie.

„Der Anteil der Nerds ist sehr hoch“, stellt Johannes Dalheimer schmunzeld fest. Er betreibt ein Start-up für 3-D-Animation und schätzt vor allem „den Austausch mit den Leuten“ im Lab. „Die Connection ist das Coolste“, findet auch Damian Seikel, der mit anderen demnächst ein Unternehmen für 3-D-Drucktechnik gründen will.

Jeden Donnerstagabend findet ein „offenes Labor“ statt. Im Schnitt kommen dann zehn bis fünfzehn Leute in die Hilperstraße 31, um in Teams an Projekten zu arbeiten. Aber im Prinzip können Vereinsmitglieder die Räumlichkeiten rund um die Uhr nutzen. Und dies tun sie manchmal auch bis in die Nacht hinein. Vor allem Studenten, die einen Großteil der Mitglieder ausmachen, kommen laut Peters häufig erst abends nach den Vorlesungen. „Manche nutzen unsere Labore lieber als die an der Uni“, sagt Peters. Manche Projekte liefen auch mit Hochschule Darmstadt oder Technischer Universität zusammen.

Manch ein Student arbeitet lieber hier als im Uni-Labor.

In der Regel übernehmen die Mitglieder selbst die Kosten für ihre Projekte, beziehungsweise ist ein Kontingent – zum Beispiel für 3-D-Drucke – in den Mitgliedsgebühren abgedeckt. Wenn der Verein die Kosten für ein Projekt tragen solle, müsse ein Budgetplan mit definierten Zielen und Projektverantwortlichem erstellt werden, erklärt Peters. Dieser muss vom Vorstand genehmigt werden. „Gerade ist eine Anfrage für ein Projekt zu einer Haematococcus-Aufzucht reingekommen“, sagt Peters mit Blick auf sein Handy. Die Alge soll offenbar als Grundlage für weitere Projekte dienen.

Im Innenhof des Technologie- und Gründerzentrums unterhält Lab auch einen Experimentiergarten, in dem sich die Biologen austoben. Derzeit seien die Techniker dabei, dafür eine automatisierte Pflanzenüberwachung zu entwickeln.

„Die Überschneidungen der Disziplinen und das gegenseitige Beisteuern von Ideen“ sind laut Peters der große Vorteil des Vereins. Und man genießt das soziale Umfeld Gleichgesinnter. Seit Mai braut der Verein auch sein Bier selbst.

Entstanden ist die Idee für Lab, ein Versuchslabor, „in dem man alles machen kann“, vor Jahren im Café Chaos, erzählt Peters. Dort traf er sich gerne mit seinem Kumpel, dem heutigen Vorsitzenden Kai Ruf, und weiteren Wissenschaftsbegeisterten. „Anfangs, als wir noch keine eigenen Räume hatten, wurden wir belächelt“, erinnert sich Peters. Damals nutzten sie die Räume des Chaos-Computer-Clubs. Seitdem sie im Hub31 untergekommen sind und viel Equipment von Firmen teils neu, teils gebraucht gespendet bekommen, ist ihr Ansehen gestiegen. Im vorigen Jahr gewann der Verein den mit 10 000 Euro dotierten Makerspreis von Merck und Telekom. Ein Team hatte eine Brille entwickelt, die bei Multipler Sklerose den nächsten Schub voraussagen kann. Damit könne man MRT-Untersuchungen einsparen, sagt Peters. Derzeit suche man einen Investor, um die Brille auf den Markt zu bringen.

Der Verein hat auch schon Pläne fürs nächste Jahr: Man will sich künstlicher Intelligenz und virtueller Realität widmen. Doch dafür wird noch einiges an technischem Gerät gebraucht, zum Beispiel VR-Brillen.

Mitmachen

Mitglied bei Lab3 kann jeder ab 14 Jahren werden. Der Monatsbeitrag liegt bei 10 Euro, für die Nutzung der Laboreinrichtungen entsteht ein gestaffelter Zusatzbeitrag. 

Das offene Labor findet jeden Donnerstag von 17.30 bis 21 Uhr in der Hilpertstraße 31 statt. Infos: https://www.lab3.org.

Hub31: Zentrum für Start-ups 

Im Technologie- und Gründerzentrum Hub31 ist nicht nur der gemeinnützige Verein Lab3 beheimatet. Der riesige Gebäudekomplex in der Darmstädter Hilpertstraße 31, dem ehemaligen Posttechnischen Zentralamt, bietet auch mehr als 20 jungen Unternehmen auf mehreren Tausend Quadratmetern Büro- und Konferenzräume sowie Co-Working-Space.
Kooperationspartner ist neben dem Lab3 unter anderem der Verein Makerspace Darmstadt, der eine offene Werkstatt mit Werkzeugen und Maschinen anbietet. Die Initiatoren des Gründerzentrums, Industrie- und Handelskammer Darmstadt und Stadt, betreiben das Hub 31 gemeinsam. Ziel war, einen „zentralen Knotenpunkt für das Start-up-Ökosystem in Darmstadt“ zu schaffen, wie Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne) bei der Eröffnung im Dezember 2017 sagte. Die Idee, moderne Bürokonzepte mit Werkstätten für mechanische und chemische Entwicklungen zu kombinieren, ist die Besonderheit des Hub31.

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