Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Drei Jahre lang hat die TU Darmstadt die Überreste der historischen Stadt- und Gefängnismauern an der Erich-Ollenhauer-Promenade sanieren lassen.
+
Drei Jahre lang hat die TU Darmstadt die Überreste der historischen Stadt- und Gefängnismauern an der Erich-Ollenhauer-Promenade sanieren lassen.

Darmstadt

Darmstadt: Durchgang zwischen historischer Stadt- und Gefängnismauer eröffnet

  • Claudia Kabel
    VonClaudia Kabel
    schließen

Jahrzehntelang lag die Schleuse zum früheren Gefängnis im Verborgenen. Jetzt hat die Technische Universität Darmstadt hat die Anlage saniert.

Vermutlich wurden jugendliche Straftäter durch die Schleuse geführt, damit sie keinen Kontakt zu den erwachsenen Insassen hatten, die im Bau nebenan untergebracht waren, wie Stadtarchivar Peter Engels vermutet. Es könnte auch sein, dass Wirtschaftsgüter durch den Gang in die Haftanstalt transportiert worden seien. So genau weiß das heute niemand mehr, denn es existieren fast keine Unterlagen mehr über das 1834 erbaute Großherzogliche Provinzial-Arresthaus, dass seit 1918/19 Hessisches Landgerichtsgefängnis und später Darmstädter Straf- und Untersuchungshaftanstalt hieß. Auch einige Mauerreste am Eingang des Durchgangs, die auf winzige Räume hinweisen, geben den Denkmalschützern Rätsel auf. In alten Plänen ist die 57 Meter lange und 2,50 Meter breite Schleuse an der Erich-Ollenhauer-Promenade als Nebeneingang zur Gefängnisanlage gekennzeichnet. Seit Dienstag ist der Durchgang zwischen früherer Stadtmauer und einer Mauer, die zum inzwischen abgerissenen Gefängnis gehörte, nun offiziell für die Öffentlichkeit freigegeben.

„Über Jahrzehnte war der Gang völlig zugewachsen. Das Eingangstor war nicht zu sehen“, sagt Manfred Efinger, Kanzler der Technischen Universität (TU) Darmstadt. 2015 habe er sich zum ersten Mal gefragt, was hinter der alten Mauer sei. Recherchen ergaben, dass das Gelände TU und Stadt Darmstadt gemeinsam gehörte. Die Stadt überließ ihren Teil der Uni und die ließ die Anlage für einen „niedrigen siebenstelligen Eurobetrag“ denkmalgerecht sanieren, so Efinger. Bänke wurden aufgestellt - es entstand ein kleiner Vorplatz zum Verweilen – das Kunstwerk „Vielleicht ein Blatt“ des Bildhauers Erwin Wortelkamp wurde im Gang installiert. Die Wände, in denen auch Schießscharten gefunden wurden, sollen künftig auch als Ausstellungsfläche dienen. Nun habe die TU anlässlich der diesjährigen Ernennung der Mathildenhöhe zum Weltkulturerbe die Anlage der Stadt geschenkt, sagte Efinger am Dienstag vor Ort.

Bildhauer Erwin Wortelkamp (r.) erklärt sein Kunstwerk zur Vergänglichkeit „Vielleicht ein Blatt“.

„Diese Mauren atmen Geschichte“, sagte Oberbürgermeister Jochen Partsch (Grüne). Es sei ein zusätzlicher historischer Anknüpfungspunkt entstanden, den Zehntausende Besucherinnen und Besucher auf dem Weg zur Mathildenhöhe ansehen könnten. Die Reste der im 15. Jahrhundert errichteten Stadtmauer, deren Bau durch die Verleihung der Stadtrechte 1330 ermöglicht wurde, führe 800 Jahre später vor Augen, wie sich Darmstadt verändert habe. Die Stadt sei ihren ursprünglichen Grenzen entwachsen, sowohl räumlich als auch ideell. Die jetzt eröffnete Anlage erinnere „an die wechselhaften Höhen und Tiefen unserer Stadt“.

Wo früher ein Gefängnis stand, befinden sich heute Gebäude der Technischen Universität Darmstadt. Davor der ehemalige Nebeneingang zum Gefängnis.

Das unter Mitwirkung von Oberbaudirektor Georg Moller und Baudirektor Franz Heger errichtete Gefängnis dürfte zu den Tiefen der Geschichte gehören. „Schmutz, Ungeziefer, Feuchtigkeit, Dunkelheit, Kälte, Hunger, Willkür, körperliche Züchtigungen und in Folge dessen Krankheit, ließen den Gefangenen langsam dahinsiechen“, schreibt Christine Hammel vom Bezirksverein Martinsviertel in einem Aufsatz. Berühmtester Insasse war Friedrich Ludwig Weidig, ein Mitstreiter des Dichters und Revolutionärs Georg Büchner. Weidig starb 1837 aus ungeklärten Umständen in seiner Zelle.

Wegen stetiger Überfüllung wurden weitere Gebäude errichtet, wie 1897 der Frauenbau und 1902 der Ostbau für die Unterbringung von Jugendlichen.

Eine von 42 KZ-Außenstellen

Nach 1933 inhaftierte und folterte die Gestapo politische Gefangene und Juden an diesem Ort. Der Darmstädter Möbelfabrikant Ernst Trier soll dort laut Deutscher Friedensgesellschaft-Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen 1938 Selbstmord begangen haben. Später seien Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter:innen dort eingepfercht gewesen. Deswegen werde das Gefängnis in der Rundeturmstraße in der Literatur als eines von 42 Außenlagern des Konzentrationslagers Natzweiler-Struthof bezeichnet. Es überstand als eines der wenigen Gebäude den Feuersturm auf Darmstadt. Ende der 1970er Jahre wurde das Gefängnis geschlossen und abgerissen und an der Stelle ein Parkplatz für die Technische Hochschule angelegt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare