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Relikt: Detailansicht des Kühlschiffs hinter dem Haus der Vereine in Darmstadt-Eberstadt.
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Relikt: Detailansicht des Kühlschiffs hinter dem Haus der Vereine in Darmstadt-Eberstadt.

Darmstadt

Dem „vorzüglichen Bier“ aus Eberstadt auf der Spur

  • Jens Joachim
    vonJens Joachim
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FR-Redakteur Boris Halva und seine Frau Sabine haben die Geschichte der Eberstädter Brauereien erforscht. Sie wollen einen Impuls geben, um die Tradition wieder aufleben zu lassen.

Mitten im alten Ortskern des Darmstädter Stadtteils Eberstadt steht hinter dem „Haus der Vereine“ an der Oberstraße eine etwas seltsam anmutende Konstruktion. Über acht Holzstützen spannt sich zwar ein Dach, doch an dem Fachwerkbau gibt es überhaupt keine Seitenwände. Und in der Mitte des Baus befindet sich in einer Höhe von etwa zwei Metern eine lange eiserne Wanne.

Bei der Konstruktion im Hof des Anwesens an der Oberstraße handelt es sich um eines der letzten Relikte aus einer Zeit, als in Eberstadt noch kräftig Bier gebraut wurde – das Kühlhaus mit dem Kühlschiff.

Sowohl im Haus der Vereine (li.) wie im Nachbarhaus, der „Geibel’schen Schmiede“ (re.), wurde einst Bier gebraut.

Wie der von FR-Redakteur Boris Halva und seiner Frau Sabine herausgegebenen Forschungsarbeit „Im Ort gebraut, gemeinsam getrunken“ zu entnehmen ist, war das Gebäude einst „ein absolutes Profiwerkzeug“ der lokalen Braumeister. In die Eisenwanne, das sogenannte Kühlschiff, wurde einst die heiße Würze – also der Brei, der aus Malz und Wasser vermaischt wurde – eingeleitet. Aufgrund der großen Oberfläche kühlte die Würze schon innerhalb einer Stunde recht schnell herunter, sodass sich die Schwebstoffe absetzen konnten. Ob die Würze nach dem Seien über eine direkte Leitung vom Brauhaus ins Kühlschiff gefüllt oder dorthin mühsam mit Eimern oder Fässern transportiert wurde, ist heute nicht mehr nachzuvollziehen. Es liege aber nahe, dass das Bier nach dem Abschluss des Gärprozess unter dem Kühlhaus gelagert wurde, meinen die beiden Autoren.

Stadtteilhistoriker

Das Projekt „Stadtteilhistoriker – Bürger, die Geschichte schreiben“ der in Darmstadt-Eberstadt ansässigen Hans-Erich- und Marie-Elfriede-Dotter-Stiftung ist in Zusammenarbeit mit der Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft und dem Darmstädter Echo entstanden. Über die erste Staffel des Projekts liegt inzwischen eine Abschlussdokumentation vor, in der die Autorinnen und Autoren ihre Forschungsergebnisse zusammengefasst haben. Die Dokumentation kann kostenfrei bei Steffen Meder (s.meder@dotter-stiftung.de) angefordert werden.

Was seit einigen Jahren auch in Hessen und der Rhein-Main-Region wieder beliebt ist – in Mikrobrauereien selbst Bier mit Gerste und Quellwasser aus der Region herzustellen – war lange auch in Eberstadt gang und gäbe. Im Rahmen des von der Eberstädter Dotter-Stiftung geförderten Projekts „Stadtteilhistoriker“ haben Sabine und Boris Halva nun recherchiert, dass es schon Ende des 18. Jahrhunderts drei große Brauhäuser in Eberstadt gab. Um 1880 waren es sogar doppelt so viele. Zu den größeren Betrieben gehörten die Brauerei Hilsz an der Heidelberger Straße und die „Brauerei zum Mühltal“ der Brüder Bauer an der Mühltalstraße. Auch im heutigen „Haus der Vereine“ und in der Geibel’schen Schmiede soll einst Bier gebraut worden sein.

Einer früheren Abhandlung über die Geschichte des Brauereiwesens in Darmstadt ist übrigens zu entnehmen, dass bereits im Mittelalter das Getränk aus Hopfen, Malz und Wasser produziert wurde. So ist dokumentiert, dass Hofbrauer um 1575 auf Geheiß von Landgraf Georg I. die erste Maische ansetzten. Später erhielten die privaten Brauer in der Stadt vom Landgrafen auch eine Zunftordnung.

Porzellanverschlüsse der Brauerei J. Hilsz. Ackerfund von Thomas Listmann aus den 1980er Jahren in Eberstadt.

Das in Eberstadt produzierte Bier wurde offenbar auch von Handelsreisenden sowie Menschen aus dem Umland geschätzt und getrunken. Über das lokal produzierte Bier hieß es 1829 in einer Veröffentlichung, in Eberstadt werde „vieles und vorzügliches Bier, darunter eine Art Porterbier gebraut“.

In ihrer Forschungsarbeit fanden Sabine und Boris Halva – entgegen ihren ursprünglichen Erwartungen – in den in Archiven gesichteten historischen Dokumenten leider keine Rezepte, wie das Eberstädter Bier hergestellt wurde.

Das Paar wünscht sich nun, dass die 30-seitige Arbeit einen Impuls geben möge, eine verloren gegangene Tradition aufleben zu lassen und in Eberstadt wieder Bier zu brauen. „So könnte Stadtteilgeschichte in Form eines lokal gebrauten Biers auch sinnlich erfahrbar gemacht werden.“

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